Für Aufsehen ist gesorgt

19. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Wird 2016 ein verhängnisvolles Jahr an den Börsen? Warten Sie! Bloß nicht verkaufen! Es heißt doch „Sell in may, and go away!“ Ein paar Wochen müssen Sie schon noch durchhalten…

Zudem befindet sich Deutschland in einer Phase nie endender Hochkonjunktur – jedenfalls nach offizieller Lesart. Schauen Sie sich aber bitte nicht in der Realität um.

Die deutsche Wirtschaft wuchs im letzten Jahr um 1,7 Prozent. Uns geht es immer besser, rufen die Leute, die Brücken, Straßen auch die Verspätungsanzeigen der Deutschen Bahn.

Höheren Staatsausgaben durch Flüchtlinge und Zuzugswillige trugen zusätzliche 0,2 Prozent zum BIP-Wachstum bei, so die Statistiker. Wenn auch dieses Jahr eine weitere Million Leute aus fernen Landen zu uns kommen, bliebe der Aufschwung gesichert. Manch Politiker sieht den Zuzug sogar als eine Art wirtschaftliches Sanierungsprogramm für Deutschland.

Zudem schwimmt der Finanzminister im Geld. Irgendwo muss das hin. Und wenn es nicht reichen sollte, nach der Wahl im März bliebe auch noch der Tank-Soli zur Bewältigung der dann vielleicht schon zahlreich gewordenen Krisen, Pardon, zum Schutz des Aufschwungs eine ernsthafte Alternative.

Was sagen Sie eigentlich zum Ölpreis? Manchmal unterstützt er diese seltsame Hochkonjunktur. Im Moment belastet er und weiß es selbst nicht so genau. Vielleicht ist es mehr als Zufall, dass der Iran jetzt auch wieder Öl exportieren darf. Der anhaltende Ölpreisverfall zumindest zwingt Förderstaaten laut J.P. Morgan zu massiven Verkäufen ihres Tafelsilbers. In diesem Jahr werden laut J.P.Morgan Vermögenswerte für 240 Milliarden US-Dollar auf den Markt geworfen, um das Etatloch von 260 Milliarden Dollar stopfen. Letztes Jahr wurden 70 Milliarden Dollar losgeschlagen. Aber irgendjemand kauft das doch… Oder?

Wir wissen nicht, was und wer alles am Ölpreis hängt, aber der Schaden durch die gefallenen Preise am Kreditmarkt sind beträchtlich. Am Ölpreis hängen hunderte Milliarden Kreditschulden – ein öliges Subprime, was Feuer gefangen hat, ablesbar an den Risikoaufschlägen der Hochzinsanleihen gegenüber Staatsanleihen. Nach Daten der Reuters-Tochter Lipper zogen Investoren aus dem einst so lukrativen Sektor allein in der ersten Januar-Woche 809 Millionen US-Dollar ab. Schon das richtete einen enormen Schaden an. Denn andererseits muss man doch fragen, wer dieses Papierzeug derzeit kaufen möchte.

Ein Fass Öl kostete jetzt weniger als 30 US-Dollar oder umgerechnet 26 Euro für 159 Liter. Das sind gerade noch 0,16 Euro für eine Flasche Rohöl und damit kostet das Zeug so viel wie ein Liter Wasser im Supermarkt. Ein Liter Diesel ist für 0,90 Euro zu haben. Hier stecken immerhin noch 0,63 Euro feste Steuern und Abgaben drin. Wenn der Ölpreis nun auf Null fallen sollte, manche Null rechnet ja damit, wird Diesel nicht billiger als 0,63 Euro pro Liter und Benzin nicht preiswerter als 0,78 Euro – dank der Steuern und Abgaben, die immer anfallen werden. So hat der Staat im letzten Jahr rund 40 Milliarden Euro an Mineralölsteuer aus den Taschen der Autofahrer gefischt und auch noch zusätzliche 20 Milliarden Euro an Mehrwertsteuer.

Billionen einfach weg…

Laut Bloomberg-Daten sind in den letzten sieben Monaten weltweit 15 Billionen US-Dollar an Börsenwert verschwunden. Das ist die Hälfte dessen, was in den vier Jahren zuvor mühsam aufgepumpt wurde. Nach oben geht es über die Treppe, abwärts mit dem Fahrstuhl oder gleich über den Balkon. Angeblich liegt es an China. Hallo? Eher sind die Gründe im Geldsystem zu finden. So wie Geld aus dem Nichts entsteht, verschwindet es derzeit dorthin wieder. Von Gegenbewegungen abgesehen. Man nennt das Kredit-Kontraktion. Mal schauen, wo die wirkliche Schmerzgrenze der Notenbanken liegt. Statt Zinserhöhungen gibt es dann Negativ-Zinsen und QE Infinity, heiß herbeigesehnt als „Rettung“. Aber etwas Geduld bitte noch!

Erinnern wir uns an die Deutsche Bank, die im Herbst ihre Prognose für den DAX von zig-Tausend auf weniger zig-Tausend reduzierte. Nun soll man die Erholungen (9500?) zum Ausstieg nutzen, nachdem man bei (11.000…12.000? gekauft hat? Es ist doch noch gar nicht Mai! Damit reihen sich die Deutschbanker in den Chor der Bären, wahrscheinlich, weil es gerade in ist. Die Gewinne pro Aktie der europäischen Unternehmen steigen 2016 nur noch um fünf statt um neun Prozent, heißt es. Und wenn sie gar nicht steigen? Dann gibt es neue und ganz überraschende Prognosen bei dann wohl ganz anderen DAX-Ständen.

Komischerweise hat das Sparbuch wieder mal nichts verloren. Aber das kann sich jederzeit ändern.

Besonders düster sieht die RBS die Lage in China und bei den weltweiten Rohstoffmärkten. Echt jetzt? Der Ölpreis könnte bis auf 16 Dollar je Fass fallen. Ach was! Überdies gebe es global zu viele Schulden, wodurch Wachstum behindert werde, merken die Experten an. Dabei dachte ich immer, mehr Schulden und mehr Kredite wären hilfreich. Haben die Zentralbanken mit ihren Billionen-Druckprogrammen so zu den derzeitigen Schwierigkeiten beigetragen. Oder verstehe ich das falsch?

Hinzu komme, und da liegt die RBS wohl richtig, dass Fortschritte bei Technologie und Automatisierung einen großen Teil der Jobs in den entwickelten Ländern ausradieren werden. Maximal könnte jede zweite Stelle könnte wegfallen. Andere Studien sprechen von fünf Millionen Jobs in Deutschland bis zum Jahr 2020. Welche Tricks werden die Statistiker dann erfinden müssen? Werden Roboter in den Arbeitsmarkt eingerechnet? Und vor allem, wovon bezahlen die zusätzlichen fünf Millionen Leute dann ihren Lebensunterhalt?

Vielleicht erleben wir im Finanzmarkt 2016 manche Nahtot-Erfahrungen. Kollege Rott meinte neulich, das wäre nicht so schlimm wie tägliche Nah-Idiotenerfahrung.

Die Frage bleibt: Wann werden die Notenbanken wieder eingreifen? Erst wenn sie angefleht werden. Dazu brauchen sie eine Art von Not, bevor sie ihre Drogenspritzen aufziehen.

Vielleicht ist es am besten, für alle Fälle gewappnet zu sein, auch welche, die nicht unmittelbar eintreffen. Die Abstände der Standard-Abweichungen von irgendwelchen bekloppten Berechnungsmodellen werden kürzer. Deshalb kommt es künftig weniger darauf an, was andere sagen, sondern wie man sich selbst positioniert hat. Sollte 2016 wirklich verhängnisvoll werden, erfahren wir das ohnehin erst dann, wenn es passiert ist. Zumindest das ist sicher.

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