Fröhlich abgewrackt

12. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Die Abwrackprämie, Pardon, Umweltprämie hat die Menschen in Wallung gebracht. Oder waren es die ersten richtig warmen Sonnenstrahlen? Nicht so in Kitzingen. Vor den Autohäusern bilden sich lange Schlagen, meldet die Mainpost. Jeder will „abwracken“. Erst das Auto – dann sich selbst…

Das Autohaus Sessner in Kitzingen wird gestürmt. Auf einem Foto stehen die Leute wie vor 20 Jahren in Cottbus nach der Anlieferung einer frischen Ladung Bananen.

(Quelle: Mainpost)

Ich habe da mal angerufen. 20 Terminals wurden extra aufgestellt, so dass die Leute, die bereits ein ein Auto gekauft haben, aber (noch) keinen Computer besitzen, ihre (unsere) 2.500 Euro Prämie online beantragen können. 2.400 Fahrzeuge hat das Autohaus bereits verkauft. Schätzungsweise 5.000 Leute kamen vorbei. Die heutige Aktion musste generalstabsmäßig geplant gewesen sein. Doch dann klemmten die Server in der BAFA, von wo die Formulare heruntergeladen werden können.

Ich frage mich, wieviele Leute ein Auto kaufen und bald mit den Raten in Bedrängnis kommen, wenn die 2.500 Euro aufgebraucht sind. Viele wollen bestimmt noch andere Dinge abwracken: Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher, Schuhe, die Kaffeemaschine und Omas alten Nachttopf. Bestimmt auf Kredit. Bekommen sie dann später auch ihren ganz persönlichen Bailout?

Die Polizei musste in Kitzingen den Verkehr regeln. Im Gedränge war oft zu hören „Chaos“ und „das ist verrückt“, meldet die Mainpost. Im politischen Berlin wird man diese Bilder gerne gesehen haben. Deutschland – einig Abwrackland, Pardon, Umweltland.

Apropos: Wer auf den Autobahnen unterwegs ist, der wird festgestellt haben, dass die Bäumen links und rechts der Straße ebenfalls abgewrackt werden. Es ist purer Kahlschlag wie auf dem Arbeitsmarkt aus. Entlang des Rheins fallen weiter die Pappeln. Es sieht aus wie nach einem Orkan oder einem Krieg. Sicherlich geschieht das alles zum Wohle unserer Umwelt. Oder sind das alles Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen? Wenn ja, was macht man mit den Millionen Leuten, wenn die Bäume weggesenst worden sind? Den Wald kehren? Welchen Wald?

Bahnchef Hartmut Mehdorn hat sich heute auch abgewrackt. Seine Prämie liegt bestimmt etwas höher als 2.500 Euro. Der Leim seinem Stuhl war nach der „Datenaffaire“ doch dünnflüssiger als er hoffte. Dabei gibt es ja gar keine Datenaffaire, nur Opfer einer Kampagne. Was Schäuble darf, darf ich auch, könnte er sich gedacht haben. Wenn man fremde Mails durchstöbern lässt und löscht, ist das doch eher ein Akt im Kampf gegen den Terrorismus. Oder?

Es sind eben besondere Zeiten, hart und trügerisch. Die einen fallen um und andere auf sich herein. Die einen fallen weich, und andere besonders hart oder ganz durch. Nicht dass das ungewöhnlich wäre, nein, doch in der Zeit des fröhlichen Abwrackens betrifft es eben besonders viele gleichzeitig. Und um manch altes Auto ist es gar nicht schade.

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