Frösche und Schmetterlinge

30. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

In vielen Bereichen gibt es einen Hang zum Markenartikel. Was früher nur in Supermarktregalen zu finden war, zieht sich durch alle möglichen Bereiche. Es beginnt beim Umweltschutz, dessen Komplexität durch den Markenartikel CO2 verdrängt wurde, bis hin zum schwarzen Schwan (black swan), der am Finanzmarkt nur selten in der Berichterstattung aber täglich auftaucht…

Das Problem an den black swans ist die Interpretation der Finanzmarktteilnehmer, die jeden Kurseinbruch zu einem schwarzen Schwan erklären und ein Verhalten an den Tag legen, das langfristig zu großen Überraschungen bei echten Kometeneinschlägen führt. Viele Menschen neigen dazu, nach dem Eintreten eines Ereignisses selbiges selbstbewusst zu erklären und auf Grund der nachgereichten Erklärung davon auszugehen, es im Grunde vorausgesehen zu haben. Gut, mit dem Handeln wird es rückwärts etwas schwierig, möglicherweise findet sich aber bei H.G. Wells noch ein Tipp zum Bau einer hilfreichen Maschine.

Schwarze Schwäne lassen sich eben nicht prognostizieren, man kann sich nur insofern darauf vorbereiten wie man sich auf ein Nachtwanderung in unbekanntem Terrain vorbereiten kann. Bezogen auf den Finanzmarkt heißt dies, auf eine möglichst große Unempfindlichkeit des Portfolios zu setzen. Das klingt so plausibel, dass man vergisst, wie viele Anleger genau anders ausgerichtet sind. Viele Menschen wissen oft nicht einmal, wenn sie große Risiken eingehen. So ahnen viele Anleger nicht, dass ihr beliebtes und vermeintlich so konservatives Covered Call Writing (Kauf einer Aktie und Verkauf einer Call Option) nichts anderes ist als das Einnehmen einer Stillhalterposition durch den Leerverkauf einer Put-Option. In diesem Fall muss auf Grund der geradezu banal einfachen Möglichkeit, dieses Risiko zu entdecken von Faulheit und Desinteresse seitens des Anlegers ausgegangen werden.

Grundsätzlich herrscht ein Unverständnis des wichtigen Unterschieds der Begriffe Unsicherheit und Risiko. Diese beiden Begriffe bezeichnen völlig andere Dinge. Risiko ist quantifizierbar. Wer im Casino sein Geld setzt und eine gewisse Zeit wettet kann sich sein Verlustrisiko mit zunehmender Spielanzahl recht zuverlässig ausrechnen. Der Ausgang der nächsten Wette auf rot oder schwarz führt zu einer Verdoppelung oder einem Totalverlust. Die Wahrscheinlichkeit für einen Totalverlust liegt bei 50% (ohne das Edge des Casinos), diese hilft jedoch nicht weiter, denn der Mittelwert auf Verdoppelung und Null ist der Startwert. Dieser wäre jedoch unter Risikogesichtspunkten nicht sonderlich hilfreich, wenn eine Option der Ruin ist. Das Gesetz der großen Zahl hilft nicht bei einer Wette.

Auch wer auf den ersten Torschützen im letzten Spiel des ersten Spieltages in der kommenden Bundesligasaison setzen möchte, hat es mit Unsicherheit zu tun. Man weiß nicht wer alles in der kommenden Saison in der Liga spielt, wer absteigt, wer aufsteigt und welches Spiel als letztes angesetzt ist und ob es die Bundesliga noch gibt oder ob sie auf Grund eines europäischen Bürgerkriegs ein paar Jahre Pause macht.

Der oben stehende Chart ist nur der Preisverlauf, da der Nikkei ein Preisindex ist.

Unsicherheiten gibt es viele. Auch in der Ökonomie hat man es in der Regel mit Unsicherheiten und nicht mit quantifizierbaren Risiken zu tun. Darüber sollten auch die vielen stochastischen Modelle nicht hinwegtäuschen, die zwar nett aussehen, mathematisch oft sogar korrekt sind allerdings so gut wie immer auf impliziten Verteilungsannahmen beruhen, die selten stimmen. Die kleinen Einschränkungen und Modellannahmen haben leider oft große Auswirkungen so dass man viele Modelle bestenfalls für Gedankenspiele oder zur Erlangung des Doktorgrades als zum Geldverdienen einsetzen sollte. Es ist wie beim klassischen Value at Risk. Was interessiert es mich, wie viel ich verliere, wenn nichts besonders schlimmes passiert? Eine völlig sinnfreie Kennzahl, die in der Branche dennoch allgegenwärtig ist.

Nimmt man ohne komplizierte Modelle zu bemühen einfach die Vergangenheit als Maßstab, erhält man schnell eine hilfreiche Gedankenstütze, die daran erinnert, was so alles passieren kann. Man sollte so etwas als „eingeschränkten worst oder best case“ betrachten, denn den schlimmsten Verlust spart sich das Leben am Finanzmarkt meistens für die Zukunft auf. Schön an diesem Ansatz ist, dass besonders euphorische Zeitgenossen diese Möglichkeit nicht als unmöglich bezeichnen können. Man kann sich darüber streiten, ob sich bestimmte Dinge wiederholen, aber wenn sie einmal im Hochsprung über 2 Meter springen, dann kann man dies nicht mehr ausschließen.

Wer sich einen Chart anschaut, in dem der schlimmste Fall der Vergangenheit in die kommenden Jahre projiziert wurde, ist oft überrascht. Die folgende Grafik zeigt den Verlauf des DAX Performance Index samt einiger Schätzungen inklusive eines solchen eingeschränkten worst case Falles.

Der Chart ist schon ein bisschen älter, das spielt jedoch keine große Rolle, es geht hier lediglich um eine kleine Orientierung. Quelle ist ein wie so oft lesenswerter Artikel von StarCapital.

Mehr noch als der Kursabschwung sorgt die Zeitachse für ein flaues Gefühl in der Magengegend. Wer sehr viel verliert benötigt sehr viel Zeit um wieder ans Licht zu kommen. Das sollten sich gerade diejenigen Anleger genau anschauen, die vor ein oder zwei Jahren angefangen haben, Geld in den Aktien- oder Bondmarkt zu pumpen und sich nun auch dank vieler durchaus wohlmeinender Helfer einreden, als nicht sonderlich emotionaler passiver Investor auch allen künftigen finanziellen Kapriolen entspannt gegenüber zu treten. Eine worst case Betrachtung sollte kein Basiszenario sein, das nur genügt um Angst zu machen. Es soll helfen, auch negative Entwicklungen nicht völlig auszuschließen und darüber nachzudenken, was diese für die eigene Situation bedeuten würden.

Wer die Strecke nicht kennt tut gut daran, nicht mit beiden Beinen auf dem Gaspedal zu stehen. Viele Strategien funktionieren, man muss sie aber durchhalten können.

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