Frieden und Wohlstand brauchen Eigentum

18. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Menschliches Handeln, das sich durch den unbedingten Respekt vor dem Eigentum auszeichnet, ist ethisches Handeln. Der Satz „Der Mensch handelt“ lässt sich nicht widerlegen. Wer sagt „Der Mensch handelt nicht“, der handelt und widerspricht dem Gesagten…

Man erkennt: Der Satz „Der Mensch handelt“ ist mit Vernunft (mit den Mitteln der Logik) nicht hintergehbar, er ist wahr. Er ist ein sogenanntes a priori: Man kann es nicht anders denken, es ist eine erfahrungsunabhängige Erkenntnis. Weiterhin gilt: Menschliches Handeln ist an Körperlichkeit gebunden: Der Handelnde muss zum Beispiel seine Stimmbänder bemühen, um zu sprechen, muss sein Gehirn anstrengen, um zu denken. Das menschliche Handeln ist damit an Eigentum beziehungsweise „Selbsteigentum“ geknüpft.

Die meisten werden zustimmen, dass jeder sich selbst gehört, dass das Selbsteigentum ein unveräußerliches Recht eines jeden ist. (Es sei hier nur angemerkt, dass auch das ein a priori ist.) Aus dem Selbsteigentum folgt das Recht auf Selbsterhalt. Für Letzteres braucht der handelnde Mensch weitere Güter (Nahrung, Kleidung etc.). Er muss das Recht haben, das Eigentum an weiteren Gütern zu erwerben. Doch auf welchem Wege kann der Handelnde andere Güter erwerben? Logischerweise (und widerspruchsfrei) kann er das nur durch ein Handeln, das das Selbsteigentum seiner Mitmenschen respektiert.

Stimmt man dem zu, dann gibt es drei (und nur drei) Wege, auf denen Eigentum rechtmäßig (d. h. ohne ein Verletzen des Eigentums der anderen, also in nicht-aggressiver Weise) erworben werden kann:

(1) „Inlandnahme“ („Homesteading“) von Gütern, die zuvor von niemand anderem beansprucht wurden;

(2) Produktion, d. h. Einsatz der eigenen Arbeitsleistung, und

(3) freiwilliges Tauschen.

Wie schneidet ein Handeln, das sich am unbedingten Respekt des Eigentums (Selbsteigentum und Eigentum an den rechtmäßig erworbenen Gütern) ausrichtet, aus ethischer Sicht ab? Zur Beurteilung, was ethisches Handeln ist, lässt sich auf den Kategorischen Imperativ, den Immanuel Kant (1724 – 1804) formuliert hat, zurückgreifen. Er lautet:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Demnach steht ethisches Handeln im Einklang mit Regeln, die für alle überall und gleichermaßen gelten. Daher kann zum Beispiel Stehlen kein ethisches Handeln sein: Indem ich anderen etwas gegen ihre Zustimmung wegnehme, möchte ich etwas, das meinem Handeln widerspricht: Wenn ich stehle, will ich Besitz erlangen, den ich anderen abspreche.

Neben der universellen Anwendbarkeit müssen ethische Regeln eine weitere Anforderung erfüllen: Sie müssen auch das Überleben der danach Handelnden sicherstellen. Beispielsweise kann die Regel „Trinke jede Stunde eine Flasche Schnaps“ universelle Geltung haben. Ihr Befolgen würde jedoch das Überleben der danach Handelnden gefährden beziehungsweise nicht sichern. Eine solche Regel kann also nicht ethisch sein.

Aus dem Gesagten folgt: Menschliches Handeln, das sich durch den unbedingten Respekt vor dem Eigentum auszeichnet, ist ethisches Handeln. Es ist allgemeingültig und trägt dem Selbsterhaltungsrecht der Handelnden Rechnung. Das Eigentum dient zudem auch der zwischenmenschlichen Konfliktvermeidung beziehungsweise Konfliktregelung.

Menschen handeln unter Knappheit. Selbst im Garten Eden gibt es Knappheit, und zwar die Knappheit des eigenen Körpers und die des Raumes, den er einnimmt. Es ist die allgegenwärtige Knappheit, die für zwischenmenschliche Konflikte sorgt. Wäre alles im Überfluss vorhanden, gäbe es keine Konflikte. Ich würde dann mit dem Verzehr eines Apfels weder meine eigene Güterausstattung heute oder morgen schmälern, noch würde ich die Güterausstattung aller anderen heute oder morgen verringern. Ohne Knappheit gäbe es keine Konflikte (und damit übrigens auch keinen Bedarf für eine Ethik).

Wenn klar ist, was mein und was dein ist, lassen sich Konflikte verhindern oder, sollten sie dennoch auftreten, regeln. Weiß ich, was mir gehört und was dir gehört, ist es mir möglich, mich so zu verhalten, dass ich dein Eigentum nicht verletze. Ist ein Disput über das mein und dein entbrannt, lässt sich bei bestehenden Eigentumsverhältnissen prinzipiell entscheiden, wer Recht und wer Unrecht hat (ungeachtet dessen, dass es manchmal leichter, manchmal schwerer sein wird, dies zu entscheiden).

Man führe sich nur einmal vor Augen, was geschieht, wenn die Politik (was sie fortlaufend tut) das Eigentum relativiert, wenn sie es zur Verhandlungsmasse erklären wird. Das löst zwangsläufig Konflikte aus: Die einen (Nicht-Eigentümer) beginnen das zu beanspruchen, was die anderen (Eigentümer) als ihr Eigentum ansehen. Eigentumsschutz ist daher auch Friedensschutz.
Das Eigentum macht den Kern der freien Marktordnung (Kapitalismus) – die einzig dauerhaft durchführbare Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung – aus, in der die Menschen national wie international friedvoll und produktiv miteinander kooperieren. Der Sozialismus, in dem das Eigentum an den Produktionsmitteln verstaatlicht ist, kann nicht funktionieren – und diese ökonomische Erkenntnis hat der Zusammenbruch des osteuropäischen Regimes Ende der 1990er Jahre nur zu deutlich illustriert.

Aber auch ein „Mischsystem“, ein „dritter Weg“, der versucht, zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu vermitteln, scheitert. Ein solcher Interventionismus (abgeleitet vom lateinischen Wort intervenire und heißt dazwischentreten) ist sinn- und zweckwidrig. Durch Eingriffe in das Marktgeschehen können die gewünschten Ziele nicht erreicht werden, beziehungsweise es führt zu Zuständen, die weniger zufriedenstellend sind als die Zustände, die zuvor vorherrschten. Der Interventionismus führt, wenn er unbeirrt fortgesetzt wird, in den Sozialismus – der aber nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Es bleibt allein der Kapitalismus als einzig gangbare Alternative.

Die freie Marktordnung, die auf dem Eigentum (Selbsteigentum und Eigentum der auf nicht-aggressivem Wege erworbenen Güter) aufbaut, ist die wirtschaftlich leistungsfähigste Ordnung. Wird das Eigentum eingeschränkt (durch zum Beispiel Regularien, Ge- und Verbote), verschlechtert sich die materielle Güterversorgung (und zwar notwendigerweise). Und nicht nur das: Das Einschränken des Eigentums läuft der zuvor angeführten Einsicht zuwider: dass nämlich das Handeln, das im Einklang steht mit dem unbedingten Respekt vor dem Eigentum, ethisches Handeln ist.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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3 Kommentare auf "Frieden und Wohlstand brauchen Eigentum"

  1. Reiner sagt:

    Theoretisch ist alles richtig, leider jedoch sieht die reale Welt anders aus.

    Märkte werden in unserer Zeit in immer bedrohlicherem Maße vermachtet. Die Abschottungsvertragswerke der USA TTIP und TTP zeigen ja, daß die Mächtigen in der Weltwirtschaft gar kein Interesse an fairem, weltweiten und friedlichen Handel nach den Regeln der WTO haben, sondern daß es ihnen um Organisation von Marktmacht und um Definitionshoheit über Standards und Normen geht.

    Ein anderes Beispiel: Die mit Macht sich erhebende Ökodiktatur dient ja dazu, die Menschen eben gerade nicht an dem entsprechend den wachsenden technischen Möglichkeiten möglichen Zuwachs an Wohlstand teilhaben zu lassen, sondern sie in künstlicher Knappheit und staatlich verordnetem Mangel (Strompreise) zu halten, damit der Staat die Macht behält. Dann hat er nämlich die Möglichkeit, Privilegien und Wohlstandszuwächse nach eigenem Gutdünken gnädig wie ein Gutsherr vergangener Zeiten den besonders gehorsamen und ergebenen Untertanen, oder auch den Firmen, die besonders viel für die Wahlkämpfe der Parteien spenden zu gewähren und so seine Macht zu sichern.

    Kluge Herrschende haben zu allen Zeiten gewußt: Wohlstand macht frei, Armut macht gefügig.

    Ein drittes Beispiel ist das von Prof. Polleit immer wieder zu Recht kritisierte Gelddefinitionsmonopol des Staates.

  2. Selberdenker sagt:

    Einige Anmerkungen zu Ihrem Text:

    1.) Wenn ich sie richtig verstehe, dann wollen Sie sagen, dass eine Soziale Marktwirtschaft wie sie in Deutschland praktiziert wird zum scheitern verurteilt ist und – gemäss Ihrer Darstellung – der einzige Ausweg die freie unregulierte Marktwirtschaft ist, also Kapitalismus in Reinform.
    Da die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte hat die Menschheit aber gelehrt, dass ein reiner Kapitalismus, also eine Art Manchester-Kapitalismus, nicht zu Wohlstand und Frieden für wesentliche Teile von daran beteiligeten Menschen (die Arbeiter) führt.
    Genau aus diesem Grund wurde ja eben die soziale Marktwirschaft erdacht, propagiert und eingeführt. Hier in Deutschalnd nicht nur, aber auch z.B. vom allseits bekannte Professor Ludwig Erhard.

    2.) Generell beschleicht mich – auch wenn ich dessen Wahrheitnicht belegen kann – bei solcherkei Ausführunge wie Ihren immer ein Bauchgefühl. Ein Bauchgefühl, dass die Ausführungen für Sich vielleicht plausible klingen, aber dennoch zu kurz greifen im Hinblick auf die Realität. Zu kurz greifen, da im erläuterten gedanklichen Modell wesentliche Aspekte für eine zutreffende Beschreibung der abzubildende komplexeren Realität fehlen. Nicht nur, aber auch in Hinblick auf das unter 1. gesagte.

  3. Werner sagt:

    Mir gefällt besonders gut die Einführung des Begriffs des „Eigentum(s) der auf nicht-aggressivem Wege erworbenen Güter“, worauf jene freie Marktordnung (was ist das denn? hier definiert als ‚Kapitalismus‘) aufbauen möge.
    MMMhhh, seltsam, „nicht-aggressiv“, fallen mir spontan ein: spanische oder britische Grunderwerbe in fernen Zeiten und Ländern (die so fern nicht sind), der geneigte Leser findet sicher weitere Beispiele, und wenn’s die regionale Mafia wäre …
    Inwieweit eine Welt nicht-aggressiv sein kann, in der ein gewaltiger Teil der Reichtümer in Händen einer Minderheit liegt, sei dahin gestellt.
    Nach 5000 Jahren (aus David Graeber, „Schulden“) von einer: nein, der „…einzig dauerhaft durchführbare(n) Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung“ zu sprechen ist gewagt – und erinnert mich an „Schere im Kopf“.
    Meine bescheidenen Meinung: weiter so auf dem friedlichen, freien und ethischen Weg und es verbleiben keine 5000 Jahre für den homo sapiens. Auch nicht in seiner Spielart als ‚h. oeconomicus‘.

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