„Freiheit gegen Nichts“

21. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Eine ereignisreiche Woche liegt hinter uns und es war vermutlich nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt. Die grauenvolle Amokfahrt eines islamistischen Terroristen in Nizza am 14. Juli zeigte einmal mehr, wie verletzlich der westliche Lebensstil gegenüber verrohten Kriminellen, Fanatikern oder auch „psychisch gestörten Einzeltätern“ ist – und bleibt. Die Tat hat viele Facetten.

Obwohl sich Frankreich seit den Anschlägen vom 13.11.2015 im Ausnahmezustand befindet, bleibt „Sicherheit“ eine Illusion. Wer je an den Deal „Freiheit gegen Sicherheit“ geglaubt hatte, erwacht nun langsam in der Realität. Was die Politik eigentlich angeboten hat, war „Freiheit gegen Nichts“.

Wenn der deutsche Außenminister behauptet: „Terror schlägt völlig wahllos zu und kann jeden einzelnen von uns treffen …“, dann irrt er sich, was den zweiten Teil seiner Aussage betrifft. Die massiv verschlechterte Sicherheitslage in ganz Europa ist nämlich vor allem ein Problem der Normalbürger, die sich dafür auch noch von der Politik und deren medialem Hofstaat als „besorgte Bürger“ verunglimpfen lassen mussten.

Die Anschlagsserie der letzten Tage zeigt doch eines in aller Deutlichkeit: Die feigen Attacken zielen auf die weichsten der weichen Ziele – eine wehr- und schutzlose Zivilbevölkerung. Personen dagegen, die statt des öffentlichen Nahverkehrs die steuerzahlerfinanzierte Panzerlimousine inklusive Polizeischutz nutzen, waren fein raus, egal wie weich deren Birne auch sein mag. Die „Betroffenheitsworthülsen“ dieser Leute nach jedem weiteren Anschlag sind vor allem auch deshalb so schwer zu ertragen, weil sie selbst die Hauptverantwortung für den Verfall der inneren Sicherheit tragen. Ehrlich gesagt erwarten wir von unseren Spitzenpolitikern weder weltfremde Ideologie noch Betroffenheitsgesichter, sondern sachorientierte praktikable Problemlösungen – dafür leisten sich die Bürger schließlich den ganzen Wasserkopf.

Symbol UND Zufall

Zwar ist der 14. Juli als französischer Nationalfeiertag ein symbolisches Datum, wer aber glaubt, dass Terror, also das Verbreiten von Angst und Schrecken, sich im Vorfeld(!) zuverlässig ausrechnen ließe, hat dessen Wesen nur teilweise erfasst. Es gibt neben Attentaten an symbolischen Tagen und auf symbolische Orte eben auch jenen Terror, der „völlig wahllos“ zuschlägt, wie Steinmeier zutreffend bemerkt – das „kleine Gemetzel zwischendurch“. Was wir auch gelernt haben, dass es keiner Waffen oder Bomben bedarf, um massenhaft Menschen in den Tod zu reißen. Die Zweckentfremdung von Alltagsgegenständen – Autos, Lastautos, Küchenmesser etc. – durch einen Einzelnen, der den Tod nicht fürchtet, genügt, um auch die banalste Alltagssituation in ein Blutbad zu verwandeln.

Kleiner Putsch, großer Sultan

War sonst noch was? Richtig, in der Türkei gab es einen „Putsch“, der so dilettantisch ausgeführt wurde, dass er fast scheitern musste. Entsprechend schießen die Gerüchte ins Kraut. Scheinbarer Profiteur ist der alte und neue Präsident Erdogan, der seine Macht nun noch stärker ausbaut und noch rücksichtsloser gegen seine verbliebenen Gegner vorgeht. Nicht jeder, der Säuberungen ankündigt, ist ein Saubermann. Überraschend ist weniger die Härte Erdogans als die Geschwindigkeit, mit der vorgegangen wird. Offenbar war man auf den Tag X gut vorbereitet. Sollte nun die Todesstrafe eingeführt werden und sollten die Putschisten nachträglich(!) gerichtet werden, wäre die Türkei beim besten Willen nicht mehr EU-kompatibel. Erdogans Türkei könnte mit einer solchen Politik erstmal zwischen allen Stühlen landen.

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Letzter Ausgang Staatsbankrott

Diesen Montag hörten wir einen interessanten Vortrag von Lars Lehre, dem geschäftsführenden Gesellschafter der AAA Asset Allocation Advice GmbH. Unter dem Titel „Die Räuber“ ging er den Themen Verschuldung, Umschuldung und Entschuldung nach – ein Drama in drei Aktien. Besonders eindrucksvoll war die hier wiedergegebene Grafik zur Entwicklung der Welt-Staatsverschuldung (blau) und dem jährlichen Zinsdienst auf die Welt-Staatsschulden (rot).

Obwohl sich die Zinszahlungen auf die Staatsschuld über die letzten Jahre dank der Niedrig- und Nullzinspolitik vieler Notenbanken geviertelt haben, konnte bei den Schuldenständen gerade mal eine Stabilisierung erreicht werden. In der kurzfristigen bzw. kurzsichtigen Betrachtung erscheint die Null- bzw. inzwischen sogar Negativzinspolitik durchaus rational. „Milchmädchen“ – und da macht Herr Draghi keine Ausnahme – zeichnen sich jedoch dadurch aus, dass sie die Rechnung ohne den Wirt machen. Und dieser Wirt sind die Staaten selbst, für die als Hauptschuldner nun auch noch der überwältigende Anreiz gesetzt wird, sich weiter zu verschulden – für lau.

Sobald sich die Politik an die schöne neue Nullzinswelt gewöhnt hat, wird sie die neuen Spielräume also nutzen und damit genau jenes Verschuldungsproblem vergrößern, das durch die beispiellos lockere Geldpolitik angeblich gelöst werden sollte. Auch wenn dies nicht so deutlich ausgesprochen wird, darf man sich keiner Illusion hingeben: Wir leben in einem Schuldgeldsystem und da hat eine Politik, die sich der Eindämmung oder gar Rückführung der Verschuldung widmet, den exakt gleichen Effekt auf die Geldvermögen. Das macht – zumindest aus Sicht der Schuldner – den besonderen Charme von Negativzinsen aus.

Lehre sieht übrigens – und da stimmen wir überein – nur zwei Möglichkeiten der Entschuldung: Erstens einen kontrollierten Abbau der Schulden durch Sparen und/oder Wachstum oder zweitens den offenen Staatsbankrott. Da „erstens“ noch nie über längere Zeiträume funktioniert hat, wird es über kurz oder lang auf „zweitens“ hinauslaufen.

Zu den Märkten

Relativ unspektakulär erklomm der S&P 500 ein neues Allzeithoch. Natürlich überlagerten Terror und Weltereignisse die Kursentwicklung an der New Yorker Leitbörse – zumindest medial.

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Wenn man die Nachrichtenlage sieht, würde man nicht unbedingt auf die Idee kommen, dass das Tohuwabohu auf der Welt ein guter Nährboden für steigende Aktienkurse ist. In einer Hinsicht ist es das aber schon. Die Zukunftssorgen verhindern das Entstehen einer euphorischen Stimmung. Börsianer nennen dies die „Mauer der Angst“, an der die Kurse emporklettern. Ein Umfeld, das von Bedenken auf der einen Seite und reichlich Liquidität auf der anderen gekennzeichnet ist, stellt eine ziemlich gute Voraussetzung für steigende Kurse dar. Phasen der Euphorie können dagegen zwar durchaus zu massiven, jedoch oft nur sehr kurzlebigen Gewinnen führen. Wenn die Stimmung kippt sitzen viele Marktteilnehmer dann plötzlich auf gedankenlos teuer gekauften Positionen und finden niemanden mehr, der ihnen diese zu den gewünschten Preisen abnimmt.

Auch für Technische Analysten sind Allzeithochs bedeutsam, da diese mit der Standarderwartung weiter steigender Kurse verbunden sind. Lediglich wenn es zu einem Fehlsignal kommt, also das frisch eroberte Kursterrain unmittelbar wieder aufgegeben werden muss, verkehrt sich die Aussage ins Gegenteil.

Erstaunlich wirkt für viele Beobachter unterdessen der starke Rebound einiger Finanztitel. In unmittelbarer Folge des Brexit waren diese noch totgesagt worden. Zwischenzeitlich hat jedoch die Deutsche Bank-Aktie um 14%, die Commerzbank um 10% oder die Allianz um 7% zulegen können. Dabei dürfte es sich jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch lediglich um eine technische Reaktion handeln. Allerdings ist es unserer Meinung nach nicht der Brexit, unter dem die Banken massiv leiden werden, sondern die aussichtslose Lage für die Eurozone, die sich mit dem Brexit manifestiert hat. So zeigt bereits das pure Ausmaß der italienischen Bankenkrise, mit welchen Problemen die Branche zu kämpfen hat. Lesen Sie hierzu auch unsere Grafik der Woche vom letzten Donnerstag.

Fazit

Wir befinden uns auf der schiefen Ebene. Unsere Freiheit wird eingeschränkt und dennoch wird unser Leben nicht sicherer. Die ganze Hilflosigkeit der Politik zeigt sich mit jedem neuen Anschlag. Salbungsvolle Worte sind zwar wohlfeil, aber sie helfen niemandem. Es fehlt an praktikablen und ideologiefreien Konzepten zum wirksamen Schutz der Bevölkerung.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

2 Kommentare auf "„Freiheit gegen Nichts“"

  1. bluestar sagt:

    Eine Frage: Wie viele unschuldige Menschen im Umfeld von Europa wurden im US-geführten sogenannten Kampf gegen den Terror, für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte in den letzten Jahren getötet ? 1.500.000 oder über 2.000.000 ? Ich weiß, so etwas interessiert den deutschen Wähler von Blockparteien und deren Vorturner natürlich nicht. Altkanzler Helmut nannte dies Staatsterror. Denkansatz ? Fehlanzeige !
    Krieg, Hass , Gewalt, Terror, Tod, Spiele, Angst, Unterwerfung, Überwachung, Multikulti, Überfremdung, Entwurzelung, Selbsthass, Kriegsrecht, Verblödung, NWO – alles läuft doch bestens für die 0,0001% und deren Hofstaat oder etwa nicht ?

  2. Aristide sagt:

    „wie verletzlich der westliche Lebensstil gegenüber verrohten Kriminellen, Fanatikern oder auch „psychisch gestörten Einzeltätern“ ist – und bleibt. Die Tat hat viele Facetten.“

    Und gerade in den „heute“-Nachrichten: er hatte wohl 5 „enge Komplizen“ und die Tat über Monate hinweg geplant. Also nix mit gestörtem Einzeltäter, sondern ein wohl geplanter islamischer Terroranschlag.

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