Freier Franken, freie Schweiz

13. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Schweizer sollten sich die Frage stellen, ob es sinnvoll für sie ist, weiterhin eine Anbindung des Franken an den Euro zu suchen. Denn in Europa ist das Zentralisieren zum beherrschenden Dogma geworden…

Der Nationalstaat müsse überwunden werden, es brauche supranationale Entscheidungsgewalten, eine Einheitswährung und – ein Schelm, wer Böses dabei denkt – ein einheitliches Euroraum-Finanzministerium. All das sei nötig, so ist zu lesen und zu hören, um Europa zu „vollenden“, es leistungsstark, gerecht und fit für die künftigen globalen Herausforderungen zu machen. Was zunächst gut klingen mag, entzaubert sich bei genauerem Nachdenken, entpuppt sich als eine interventionistisch-sozialistische Rezeptur und ist daher der falsche Weg: Alle interventionistisch-sozialistischen Experimente scheitern früher oder später.

Diese ökonomische Gesetzmäßigkeit zeigt sich beispielsweise mit Blick auf den Euro. Seine Einführung hat geradezu einen Verschuldungsrausch ausgelöst, begünstigt durch die von Anfang an laxe Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Mit ihrer Politik hat sie den Euro-Bankenapparat zu einer schwindelerregenden Größe anwachsen lassen. Damit die überschuldete Euro- Konstruktion jetzt nicht kollabiert, lässt die EZB die elektronische Notenpresse immer schneller laufen, um die offenen Rechnungen mit neu geschaffenem Geld zu bezahlen. Es ist absehbar, dass der Zusammenhalt des Euroraums ohne eine Kaufkraftentwertung des Euro nicht zu haben ist. Und an eine solche Währung soll der Schweizer Franken gebunden werden?

Nicht wenige meinen, der Franken dürfe nicht weiter gegenüber dem Euro aufwerten, denn das würde die Schweiz wirtschaftlich schädigen. Doch der Blick auf die Wechselkursentwicklung des Franken und den Schweizer Wohl- stand zeigt ein ganz anderes Bild. Der Franken wertet seit Anfang der 1970er Jahre gegenüber allen anderen Währungen auf. Seine Kaufkraft ist seither um mehr als 60 Prozent angestiegen! Das war begleitet von einem fulminanten Anstieg des Kopf Einkommen der Schweizer: Die Schweiz zählt heute zu den reichsten Ländern auf dieser Welt. Dieser Befund lässt sich vereinfachend wie folgt fassen: Starke Wirtschaft, harte Währung. Den Schweizern ist es bislang recht erfolgreich gelungen, an dieser Maxime festzuhalten.

Viele der interventionistischen-sozialistischen Politiken, die dies- und jenseits des Atlantiks verfolgt werden, haben die Schweizer vermieden. Das hat die Freiheitsgrade ihrer Bürger und Unternehmen und damit auch die Wachstums- kräfte der eidgenössischen Volkswirtschaft begünstigt. Zudem haben die Schweizer weniger Inflation zugelassen als viele andere Länder. Auch das hat sich natürlich wohlstandsfördernd bemerkbar gemacht. Denn je geringer die Inflation ausfällt, umso besser kann sich die produktive Wirkung des Geldes entfalten: Je weniger das Geld inflationiert, desto treffsicherer wird die Wirtschaftsrechnung, und umso geringer fällt die Kapitalfehllenkung aus.

Die Mindestkurspolitik, mit der die Schweizer Nationalbank (SNB) den Franken an den Euro gebunden hatte, ist gescheitert. Doch noch immer ist die SNB da- bei, den Außenwert des Franken zu schwächen. Sie kauft weiter Euro gegen Ausgabe neuer Franken. Die Franken-Basisgeldmenge hat sich dadurch seit Ende 2007 mehr als verzehnfacht. Die aufgekauften Euro legt sie in Euro- Staatsanleihen an, insbesondere deutschen Anleihen, die keine oder nur noch eine negative Rendite einspielen. Zudem erhebt die SNB seit Dezember 2014 negative Kurzfristzinsen, um die Nachfrage nach Franken zu entmutigen.

Beides – Geldmengenvermehrung und Negativzins – führt jedoch in eine Sackgasse: Es höhlt den Währungswert aus, schafft Kapitalfehlallokationen und unterspült damit die Grundpfeiler des Schweizer Erfolgsmodells.

Die Schweizer Wirtschaft würde auch mit einem weiter aufwertenden Frankenkurs fertig werden. Um ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, würden die Unternehmen innovativer und produktiver. Die Güterpreise würden sinken, die realen Einkommen würden ansteigen. Der „Franken-Schock“ hat je- doch vermutlich so manchem Schweizer die Zuversicht getrübt, dass es besser ist, einen freien Franken-Wechselkurs zu haben als einen von der SNB betreuten. Dieses Problem hat die SNB verursacht. Hätte sie von Anfang an davon abgesehen, den Franken-Wechselkurs zu manipulieren, hätte er sich marktgerecht, nach und nach, aufgewertet, und Unternehmen und Konsumenten hätten sich schrittweise anpassen können.

Umso wichtiger ist es, auf die immensen Kosten aufmerksam zu machen, die das Anbinden des Franken an den Euro und die Politik der Negativzinsen mit sich bringen. Wenn der Wohlstand und die Freiheit der Schweizer erhalten blei- ben sollen, wird man um die Freigabe des Franken-Wechselkurses gegenüber dem Euro und auch um eine Rückkehr zu positiven Zinsen nicht umhinkommen. Die Schweizer wären schlecht beraten, wollten sie der Geldwertverschlechterung, die sich im Euroraum und auch anderswo immer deutlicher abzeichnet, nacheifern. Sie würden dadurch in letzter Konsequenz auch das unheilvolle interventionistisch-sozialistische Experiment Europas importieren.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

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