… fragen Sie Ihren Buchhalter oder Terminhändler

20. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wer unverständliche Verluste an den Rohstoffmärkten vermeiden will, sollte sich mit der Funktionsweise der Terminmärkte beschäftigen. Das ist einfacher als mancher denkt und kann bares Geld wert sein…

Eine alte und wahre Börsenweisheit sagt, wenn sich an der Börse ein Mensch mit Erfahrung und einer mit Geld begegnen, dann hat hinterher derjenige mit der Erfahrung das Geld, und der, der das Geld hatte, die Erfahrung. Das ist ebenso amüsant wie zutreffend. Wer in den letzten Jahren an den Rohstoffmärkten auf diesem Wege Erfahrungen gewonnen hat, der sollte dafür Sorge tragen, dass diese ihren Preis wert sind. Fehler passieren, man sollte sie nur nicht wiederholen.

Gefährlich wird es an den Finanzmärkten immer dann, wenn jemand denkt, man könne an der Börse nach dem Lesen eines Börsenbuches schnell und dauerhaft Geld verdienen. Am Mittwoch wird bei Amazon ein entsprechender Titel bestellt (je nach Gusto: „Reich mit Technik“, „Zauber des Value Prinzips“ oder „Wie ich mit Wachstumsaktien über mich hinauswuchs“), der dann am Wochenende in kürzester Zeit verschlungen wird. Am Montag ist man folglich Experte und wundert sich, warum das Abenteuer – je nach Börsenphase – nur ein paar Wochen oder auch gar nicht funktioniert.

Überhaupt lässt sich wie bei Büchern auch bei Börsenweisheiten ein evolutionäres Prinzip feststellen. Je älter eine noch bekannte Verhaltensregel ist, desto wahrscheinlicher ist sie korrekt. Verluste begrenzen und Gewinne laufen lassen ist eine der älteren. Das Sprüchlein „dieses Mal ist alles anders“ ist zwar alt, taucht aber in immer neuen Zusammenhängen auf. Genannt seien an dieser Stelle einige Entwicklungen der Vergangenheit, die mit einem Börsenboom und einem darauf folgenden Scherbenhaufen einhergingen. Dazu gehört der Eisenbahnhype in den USA, der Konglomerate-Boom, die vermeintlich ewig währenden Gewinne im Investment Banking, die Internet Bubble oder das Subprime-Kredit Debakel.

Bei anderen Professionen, Kartenspielen einmal ausgeschlossen, käme vermutlich niemand auf die Idee, durch das Lesen eines Buches zum Mitspieler auf Augenhöhe werden zu können. Wer kauft schon ein Kochbuch und eröffnet ein paar Tage später einen Gourmet-Tempel? Das wird ebenso fehlschlagen wie der Versuch einer selbst durchgeführten Operation nach dem Konsum eines medizinischen Fachwerkes. Aber Börse kann bekanntlich jeder.

Nun wollen wir nicht das Fachwissen eines Chirurgen auf die Stufe der Börse herunterziehen. Es geht uns nur darum, auf ein geltendes Prinzip hinweisen: Von nichts kommt nichts. Wer sich nicht ausreichend oder falsch vorbereitet, wird scheitern.

Auch wenn manche Erfahrung nicht angelesen werden kann, einige der besonders teuren und unnötigen Eskapaden ließen sich durch etwas Vorbereitung günstiger gestalten. Ein aktuell interessantes Beispiel ist der Rohstoffmarkt. Es ist auch mit guter Vorbereitung nicht einfach, an den Rohstoffmärkten Geld zu verdienen. Ohne Vorwissen sind Anlagen in diesem Segemnt so, als ob man blind im Casino mit Chips um sich wirft, ohne zu wissen ob man gerade beim Black Jack oder am Roulette-Tisch sitzt.

Ein wichtiger technischer Faktor, den die meisten Anfänger ausblenden, ist die Terminkurve. Wen alleine das Wort abschreckt, der sollte sich Engagements an den Rohstoffmärkten verkneifen. Am Beispiel des Rohölmarktes lässt sich zeigen, wie wichtig diese Kurven für Anleger sind. Da so gut wie alle investierbaren Produkte für Privatanleger (Zertifikate, ETFs, ETCs) auf Futures (Termingeschäften) bestehen, ist die Terminkurve für all diese Produkte relevant. Wer mittels eines Long-ETC auf Rohöl auf eine Preissteigerung setzt und die Struktur der Terminkurve nicht kennt, macht einen großen Fehler. Dieser ist vergleichbar mit der Planung einer Radtour, bei der man nur die reine Wegstrecke von A nach B misst, ohne sich das Höhenprofil der Tour anzuschauen. 50 Kilometer auf dem Rad können sehr entspannt aber auch sehr schmerzhaft sein.

Die folgende Grafik zeigt die aktuelle Terminkurve des Rohöls (WTI). Auf der Datumsachse sind die Fälligkeitstermine der einzelnen Kontrakte abgetragen, auf der Preisachse die entsprechenden Kurse. Wer beispielsweise einen Rohölfuture mit Fälligkeit März 2016 kauft, zahlt 30 Dollar. Dieser Kontrakt liegt in vielen Produkten. Ein ETF hält den aktuellen Kontrakt bis kurz vor der Fälligkeit, verkauft diesen und erwirbt den Kontrakt mit der nächsten Fälligkeit (so genanntes Rollen der Kontrakte).

Thomson Reuters CRB Index is an arithmetic average of commodity futures prices with monthly rebalancing.

Bei einer steilen Terminkurve, zahlt man für den nächsten Kontrakt immer ein wenig mehr als den aktuellen Spot-Preis (der Preis, für den Öl abseits der Terminmärkte heute über die Ladentheke geht). Bewegt sich dieser Preis bis zur Fälligkeit nicht, dann verliert ein Futures-Investor immer genau den Betrag, den er als Aufschlag gegenüber dem Spot-Preis gezahlt hat. Bei einer sehr steilen  Kurve addieren sich die Verluste rasch zu erklecklichen Beträgen. Öl zur Lieferung im März 2016 kostet derzeit 30$, per Liefertermin März 2017 sind es schon 39$. Diese 9 Dollar Differenz pro Kontrakt machen bei zwölf Monaten Laufzeit immerhin 9000 Dollar pro Kontrakt aus. Das ist mehr als das Doppelte der für einen Kontrakt zu hinterlegenden Margin. Bei der prozentualen Betrachtung kriegen Anleihekäufer feuchte Augen.

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Wenn Sie jetzt einen Öl-ETF erwerben, geht es Ihnen genauso. Man kann bei einem raschen Preisanstieg zwar dennoch Geld verdienen. Aber man fährt mit seinem Rad bergauf und verliert auch bei lediglich stagnierenden Kursen.

Wie sich die Unterschiede langfristig darstellen, lässt sich durch einen Vergleich der Terminpreis-Indizes und der Spot-Preis Indizes für Rohstoffe zeigen. Die folgende Grafik zeigt den CRB Spot und den futures-basierten CRB Index seit 2000. 

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Die Aussage, die Rohstoffpreise lägen auf dem Niveau von 1970, ist wie man sehen kann, absoluter Quatsch. Vielen Anlegern (und Bloggern) ist das offenbar nicht bewusst.

Für einen Investor, der sein Öl zum tiefen Spot-Preis kauft, es auf Tankern lagert und gleichzeitig deutlich teurer auf Termin verkauft, ist die aktuelle Konstellation interessant. Für einen Anleger, der jedoch alleine über den Terminmarkt kauft, sieht die Situation anders aus. Rein theoretisch kann ein Terminkurs auch ewig fallen, ohne dass sich der Spotpreis bewegt oder gar bei Null ankommt. Ein einfaches Konzept, dass sich jedoch nicht jedem erschließt.

Bevor sich jemand, der sich nicht nur für Daytrading interessiert, an den Rohstoffmärkten aus dem Fenster lehnt, ist ein Blick auf die Terminkurve nicht nur hilfreich sondern unerlässlich.

 

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6 Kommentare auf "… fragen Sie Ihren Buchhalter oder Terminhändler"

  1. MFK sagt:

    Für diesen Beitrag werden Ihnen einige Leser sicherlich dankbar sein. M.E. liegt der psychologische Fehler, den Kleinspekulaten in diesem Bereich machen, darin, dass sie glauben Öl ist billig und kann deshalb in Zukunft nur teurer werden. Das glaubt der Markt allerdings auch, wie in der Terminkurve zum Ausdruck gebracht (contango). In Wirklichkeit spekuliert man also gegen den Markt und setzt darauf, dass der Ölpreis stärker ansteigt, als vom Markt antizipiert. Man verliert im Ergebnis – und das arbeitet auch der Beitrag heraus – Geld, wenn der Ölpreis im Rahmen der Markterwartungen steigt. Dann aber sollte man sich als Kleinanleger fragen, ob man wirklich so viel schlauer als der Markt ist.

  2. cubus53 sagt:

    Der „Markt“ hat früher mal den Preis eines Produktes wie z.B. Rohöl aufgrund des aktuellen Verhältnisses von Angebot und Nachfrage bestimmt. Das gilt heute nicht mehr.

    Der Preis eines Produktes wird nur noch durch Spekulanten bestimmt. Im Augenblick wird im grossen Stil bei Rohöl auf fallende Preise spekuliert. Im Anbetracht des Weltklimas schlicht gesagt ein Verbrechen.

    Wenn dann auch der letzte Kleinanleger davon überzeugt ist, die Preise würde noch weiter fallen, werden sie wieder nach oben explodieren – genauso schnell wie sie gefallen sind.

    • MFK sagt:

      Das trifft gerade auf Öl nicht zu. In einem marktwirtschaftlichen Umfeld würde zunächst das am günstigsten zu fördernde Öl produziert. Diese marktwirtschaftliche Selbstverständlichkeit wurde durch ein Kartell, nämlich die OPEC ausgehebelt, so dass auch teure Ölquellen auf einmal wirtschaftlich waren. Diese Anomalie scheint jedenfalls zur Zeit beseitigt zu sein.

    • Speckulant sagt:

      Bitte was soll daran ein Verbrechen sein, wenn der Ölpreis mangels Nachfrage fällt, nachdem nun die ganze Weltwirtschaft erstmalig seit Adam und Eva synchron ins Loch fällt?

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo cubus53,

    die Frage ist, was der Kleinanleger am Ölmarkt zu suchen hat. Neben falscher Beratung und irreführender Werbung – die es auch bei Süßigkeiten (Ohne Fett – nur 100% Zucker) und allen anderen Artikeln gibt, ist es sicher auch ein gefährliches Maß an Selbstüberschätzung, die manchen in die Verluste treibt. Das soll den Finanzverkäufern keine Absolution erteilen. Aber Anleger sollten sich ruhig auch an die eigene Nase fassen.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  4. Broker48 sagt:

    Ein sehr amüsant geschriebener Artikel zu einem garnicht so amüsanten Thema – aber großartige Einsichten, die tatsächlich nicht jedem „Trader“ klar sein dürften.

    Gerade beim Ölpreis werden einige Anleger ja auf Ihre „Erfahrung“ (aka. man beobachtet die Benzinpreise ja schon seit man Auto fährt) zurückgreifen und damit auf die Nase fallen. Denn wie MFK ja schon richtig erwähnt hat, ist die kommende Preissteigerung, die der Markt antizipiert bereits in den Optionen eingepreist.

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