Frage der Woche: Wann geht der Nächste den griechischen Weg?

20. Februar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Nichts ist in der Politik ein klareres Eingeständnis als ein offizielles Dementi. Die Aussage von Frau Merkel, sie werde sich nicht daran beteiligen, Griechenland aus dem Euro zu drängen, fällt wohl auch in diese Kategorie. Damit ist das Schicksal Griechenlands bei der nächsten Anleihefälligkeit im März wohl besiegelt. Wie lange dauert es nun, bis Portugal oder ein anderes Land durch die Tür geht?

Die Vorbereitungen der Griechenlandpleite sind spätestens seit den dubiosen und rechtlich sicher sehr aufschlussreichen Swap-Deals der Europäischen Zentralbank so gut wie abgeschlossen. Zur Erinnerung, die griechischen Anleihen der EZB wurden technisch betrachtet gegen gleichartige Papiere getauscht. Lediglich die CAC (collective action clauses) sind in den Papieren, die die Zentralbank erhält nicht enthalten. In denen andere Investoren hingegen finden sich die Klauseln. Damit kann Griechenland nun einen Schuldenschnitt mit den Stellvertretern der privaten Gläubiger aushandeln. Dieser ist dann für alle Papiere bindend, die die CAC enthalten.

Die Frage vieler privater Hasardeure, ob sie denn nun im Falle eines Schnittes dabei sind oder nicht, ist damit geklärt. Falls Sie also zu den Haltern derartiger Papier gehören, fahren sie schon mal den Wertpapierkredit herunter und rechnen sie nicht damit, die vollen 100% zurückzubekommen. Aber das tun Sie ja gewiss ohnehin nicht mehr.

Es ist fraglich, ob ein solches Gebaren rechtlich überhaupt haltbar ist. Schließlich hat man aus ehemals gleichrangigen Verbindlichkeiten Schulden von nun unterschiedlicher Seniorität gezaubert. Das pari-passu Prinzip haben die Großstrategen auf diesem Wege mal eben über Bord geworfen, aber wer wollte schon den gefühlten Nachfahren des französischen Sonnenkönigs oder andere Autokraten widersprechen. Wer sich nicht wählen lassen muss, dem geht die Beugung des Rechts leicht von der Hand. Le droit – c‘ est moi!

Auch weitere Steine der technischen Seite der Pleite wurden aus dem Weg geräumt. So hat die EZB in den vergangenen Jahren den europäischen Banken zu bis heute nicht offen gelegten – also vermutlich deutlich zu hohen Kursen – rund €50 Mrd. an griechischen Bonds abgekauft. Das Volumen der ausstehenden CDS Kontrakte hingegen ist mittlerweile auf rund $2,8 Mrd. zusammengeschrumpft. Auch das Gesamtvolumen der Kontrakte beträgt nur noch ein Sechstel der Nominale der ausstehenden Anleihen. Das ist weder ein Wunder noch keine Zauberei. Es bestand kein Grund seine Positionen offen zu lassen, denn viel Potential war bei Anleihekursen zwischen 18 und 40 Euro nicht mehr drin.

Zu alldem gesellte sich eine bemerkenswerte Änderung der Rhetorik. Genau die gleichen Politiker, die alle oben stehenden fragwürdigen Maßnahmen in der Vergangenheit maßgeblich forciert haben, faseln nun vom „mangelnden Willen der Griechen“. Wenn es für die Griechen nicht so bitter wäre, könnte man darüber lachen. Die beste Lösung für Griechenland wäre eine direkte Staatspleite vor einigen Jahren gewesen.

Die letzten Aktionen der „Retter“ haben nun offensichtlich das Ziel, eine Erholung nach der Pleite zu erschweren. Der Betrachter hat es mit einer geradezu Orwell‘schen Auslegung der ständig gebrauchten Vokabel „Solidarität“ und des so gern mit viel öligem Pathos zitierten „europäischen Gedankens“. Einfacher und sinnvoller hingegen wäre jedoch das überfällige Eingeständnis, mit dem Euro einen strukturell nicht funktionsfähigen Mechanismus geschaffen zu haben. Das Schaffen eines quasi-sozialistischen Überbaus ohne demokratische Legitimation wird diese Probleme nicht lösen – im Gegenteil. Längeres Warten mag den Eintrittszeitpunkt der finalen Kosten herauszögern, die Kosten selbst aber werden immer schneller immer größer.

Was geschieht nun nach der Insolvenz Griechenlands und dem Austritt aus der Eurozone mit den anderen finanziell akut angeschlagenen Ländern wie etwa Portugal und Irland? Wie lange dauert es, bis mindestens ein weiteres Land den Euro verlässt, wenn Griechenland diesen Schritt vollzogen hat?

Wir freuen uns wie immer auf eine lebhafte Diskussion im Kommentarbereich!

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.


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11 Kommentare auf "Frage der Woche: Wann geht der Nächste den griechischen Weg?"

  1. wolfswurt sagt:

    „Sozialistischer Überbau“ – diese Bezeichnung kommt der Realität heute und noch stärker in der Zukunft dem Kernproblem am nächsten.

    Der Kapitalmarkt wird beerdigt und durch sozialistisches Vollgeld ersetzt. Geld(Papier) wird im Überfluß vorhanden sein.
    Wirkliches Kapital zieht sich zurück. Die Wirtschaft erlahmt.
    Produktivität sinkt. Das Güterangebot schrumpft.
    Die Fallhöhe bis zu den Zuständen in der DDR ist noch! sehr hoch.
    Geld(Papier) gab es genug – nur gab es für dieses Geld am Ende nichts mehr.

    Ein langer Weg des Niedergangs steht bevor.

  2. Johannes sagt:

    Habe mir jetzt mal die Griechenland- Zahlen angesehen um mal einen ungefähren Überblick zu haben, wie lange die 130 Mrd. Hilfsgelder reichen würden.

    2012 muss GR ungefähr 30,4 Mrd. an Schulden „rollen. Dazu kommt das übliche Defizit von geschätzten 30 Mrd.!

    Bedarf für 2012 ungefähr 60 Mrd.!

    2013 muss GR lediglich rund 18 Mrd. an Schulden rollen. Wieder ein Defizit von 30 Mrd. angenommen, ergibt also

    Bedarf für 2013 ungefähr 48 Mrd.!

    2014 dann wieder etwas mehr zu rollen, ziemlich genau 26 Mrd., mit wiederum 30 Mrd. Defizit, ergibt also

    Bedarf für 2014 ungefähr 56 Mrd.!

    Zusammengefasst also:

    2012 60 Mrd.
    2013 48 Mrd.
    2014 56 Mrd.
    ———–
    Summe 164 Mrd.
    Das ganze jetzt ohne Berücksichtigung eines Schuldenschnittes, der ja in der Höhe von 100 Mrd. ausfallen soll.

    Das Problem sehe ich daher wirklich im laufenden jährlichen Defizit. 30 Mrd. / Jahr geht das nicht mal 4 Jahre gut.

    • Fnord23 sagt:

      Hallo Johannes,

      immer unter der Vorraussetztung, dass die Zahlen die bekannt sind stimmen

      und

      dass das Defizit konstant „niedrig“ bleibt. Was ja nicht zu erwarten ist.

      Insofern: Nichts genaues weiß man nicht.

      VG aus Sachsen

    • DukeNukem sagt:

      Sogar wenn deine Rechnung aufgehen würde, würden ja in der Zwischenzeit die anderen Pleitekandidaten vermutlich auch Hilfe benötigen! D. h. wenn Spanien, Portugal oder Italien, oder mehrere von diesen Staaten gleichzeitig, auch mal gestützt werden müssten, dann wäre sicherlich das Ende der Fahnenstange erreicht. Und ich kann mir nicht vorstellen dass das noch bis 2014 dauern wird!

      • Avantgarde sagt:

        „Und ich kann mir nicht vorstellen dass das noch bis 2014 dauern wird!“

        Doch kann es…

        Der amerikanische Häusermarkt konnte durch eine Auslagerung der Risiken durch solch nette Vehicle wie CDS auch noch ne ganze Zeit weiter laufen.

  3. Johannes sagt:

    Salve Fnord,

    schon klar, sofern die Zahlen stimmen.

    Wobei ich mal davon ausgehe, dass die Rollungen der Schulden schon stimmen werden.

    Beim Defizit bin ich mir auch nicht sicher, wie sich das entwickeln wird, geschweige denn vom Handelsbilanzdefizit.

    Meine Schätzung beläuft sich auf 3 Jahre Zeitgewinn, inklusive Schuldenschnitt, sofern dieser durchführbar ist.

    Ohne Schuldenschnitt gebe ich diesem Hilfspaket 2 Jahre.

    Da bin ich schon 200% positiver als das Bankhaus, das den Griechen schon heuer den Bankrott bescheinigt. 😉

    • Fnord23 sagt:

      Hallo Johannes,

      Handelsbilanzdefi. – das meinte ich. Die Salden. (man, was ich alles die letzten 3 Jahren gelernt habe)

      Warum soll sich da was verbessern? Wertgeschöpft wird doch in G nicht mehr so viel. Da hat der Exportweltmeister von Europa was dagegen. Wir mit unserem Arbeits- und Exportwahn.

      Im Prinzip ist doch G schon auf Hartz4. Es würde reichen, wenn die Konsumieren. Das könnte sogar funktionieren, aber dann müßte man das „Geld“ schenken. Spass bei Seite…

      Ich hab das Gefühl, dass das alles nur einem Ziel dient.

      Schaust du hier:
      w w w . bpb.de/veranstaltungen/L4RD2K,0,0,The_Great_Transition.html

      oder gogel mal nach „Great Transition“

      Lohnenswerte 106 Seiten. Mit freundlicher Empfehlung von Steven Rockefeller.

      Das ist die Richtung. Da geht es hin und das blöde ist, das wäre sogar alternativlos vernünftig. Insofen ist der ganze Käse insziniert, um in Europa bestimmte politische Projekte durchzuziehen. Weil so was nur vor dem Hintergrund einer „Krise“ umzusetzen ist.

      Also sollten wir uns schon mal an den Begriff „US of Europe“ gewöhnen.

      „Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“

      Visionäre Grüße aus Sachsen

      • stonefights sagt:

        Vielen Dank Fnord23
        für den „Transition“s-Pfad „Zurück in die Zukunft“.

        Schon krass, von 2015 ff. in der Vergangenheits-Form zu schreiben.
        Naja, wenn’s noch bis 2015 dauern soll, haben wir ja noch etwas Zeit, Gedanken zu kommentieren und damit Yin und Yang zu fördern .-)

        Für alle, die entspannter die deutschsprachige Reise bevorzugen, können hier ( h t t p://gtinitiative.org/documents/gt_deutsch.pdf ) das Ticket lösen.

        LG an „Youth International Network“ oder von mir aus auch „Youth Action for a New Globalization“ 🙂

      • Avantgarde sagt:

        „Handelsbilanzdefi. – das meinte ich. Die Salden“

        EBEN !!

        Für eine Schuldenrückzahlung müsste D Defizite gegen GR akzepieren. 🙂

        Und für weiter ansteigende Überschüsse gegen GR wird der Steuerzahler erneut bluten müssen.
        Aber Hauptsache der Exportweltmeistertitel hängt an der Wand.
        🙂

  4. gilga sagt:

    Die gehen ja selbst noch nicht einmal im best-case davon aus, dass das Geld reichen wird:
    More Leaked Greece Details: Downside Case Sees Funding Needs Soar From €136 Billion To €245 Billion http://www.zerohedge.com/news/more-leaked-greece-details-downside-case-sees-bailout-needs-rising-%E2%82%AC136-billion-%E2%82%AC245-billion

    Und wer bitte glaubt, dass wir bis 2020 ohne einen Schock wie wir ihn von 2000-2010 2x hatten auskommen? Nicht zu vergessen die Knappheit an Rohstoffen etc. die in 10 Jahren schon merklich stärker ausgeprägt sein sollte und sich entsprechend bemerkbar machen wird (simpler Vergleich: Rohölpreise um 2010 vs. um 2000 herum).

    Nein, dass klappt nur über den Hebel nominelles statt reales Wachstum… oder mit noch mehr Kapitalvernichtung durch weitere Schuldenschnitte.

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