Teure Schnäppchen?

7. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Die Klagen über steigende Preise sind jedem bekannt. Selbst geschenkte Dinge waren bekanntlich früher billiger. Nur bei den Aktienmärkten steht das Bild auf dem Kopf. Angeblich wimmelt es von Schnäppchen und wenn die Bewertung es nicht hergibt, dann ist heute halt alles anders als früher…

Eine goldene Regel der Aktienmärkte sollte die 50/100 Regel sein. Wir wissen nicht, ob es diese schon gibt, uns gefällt sie jedenfalls. Sie lautet wie folgt:

  • Eine Aktie ist nicht billig, nur weil ihr Kurs um 50% gefallen ist.
  • Auch nach einem Fall um 50% kann man mit dem Kauf der Aktie noch 100% seines Einsatzes verlieren.

Ein gutes Beispiel liefern zahlreiche Unternehmen aus Deutschland, man schaue sich nur die Aktie der Commerzbank an. Diese wirkt derzeit auf den Betrachter wie ein Call auf einen Verkauf der Eurohypo an den deutschen Steuerzahler.

Was aber tut sich an den amerikanischen Aktienmärkten, wo sich die Anleger nicht mit seltsamen Begriffen wie „Aktienkultur“ herumschlagen? Die zahlreichen großen und kleinen Pensionskassen sowie Privatanleger hoffen auf eine Rückkehr der Traumrenditen aus dem scheinbar ewig währenden Bullenmarkt der 80er und 90er Jahre. So kalkulieren auch Manager, die zweistellige Milliardenbeträge verwalten, gerne mit absurden Wachstumsraten von 8% pro Jahr. Das entspräche einer Verdoppelung des Kapitals nach lediglich 9 Jahren. Nach 14 Jahren säße man auf dem Dreifachen, nach rund 21 Jahren auf dem Fünffachen seines Startkapitals, und so weiter. Ja, da fällt der Konsum in der Jetztzeit leicht, wenn man doch später so gut dasteht …

Besonders gut gefällt uns die letzte Überschrift, die die Bewertung von Wertpapieren mit dem Charakter der Anleger erklärt. Für „Mutige“ sind die Anlagen also billig, da fragt man sich sogleich, ob dieselbe Aktie im Depot des Hasardeurs steigen kann, während sie beim vorsichtigen Investor nicht vom Fleck kommt. Daraus ergäben sich faszinierende Arbitrage-Strategien.

Vergessen werden bei der Annahme ewig haussierender Aktienmärkte die Phasen des Stillstands oder der massiven Kursverluste. Während den Beratern langsam die positiven Beispiele aus der Vergangenheit ausgehen – man werfe nur einen Blick auf die Indizes aus Südeuropa – werden munter die Rosinen herausgepickt.

Zwei feine Kennzahlen zur Einstufung der um Zyklen bereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind das PE10 und das Price/Peak-Earnings Ratio. Das erste wurde durch Robert Shiller („Irrational Exuberance“) bekannt gemacht. Man erhält es, wenn man den aktuellen Kurs einer Aktie oder eines Index durch die mittleren realen Gewinne der vergangenen 10 Jahre teilt. Der folgende Chart zeigt die historische Entwicklung seit 1871.

Der aktuelle Wert von rund 22 liegt weit entfernt von den Tiefs der 140 Jahre umfassenden Historie. Gut zu erkennen ist die deutliche Überbewertung des breiten Aktienmarktes um die Jahrtausendwende. Die deutliche Korrektur des Wertes wurde vor allem durch steigende Gewinne der Unternehmen verursacht. Von den Bewertungsniveaus der frühen 80er Jahre ist man dennoch weit entfernt. Der aktuelle Wert liegt noch rund 37% über dem langfristigen Durchschnitt.

Das Price/Peak-Earnings-Ratio stammt von John Hussmann von Hussman Funds. Es ist sinnvollerweise  setzt den aktuellen Indexstand ins Verhältnis zum maximalen in der Vergangenheit erzielten Gewinn. Die nächste Grafik zeigt den historischen Verlauf dieser Kennzahl.

Auch diese Kennzahl liegt etwa 30% über dem Mittelwert seit 1871. Setzt die wirtschaftliche Abschwächung den Unternehmensgewinnen in den kommenden Quartalen weiter zu, darf sich der geneigte Beobachter durchaus fragen, ob diese Kennzahlen ausgedient haben, oder ob sich viele Analysten schlicht an ganz anderen Werten orientieren.

Vielleicht hat man es ja mehr mit dem Kurs-Buchwert-Verhältnis. Vor allem bei Banken stellt dies einen zwar sehr unterhaltsamen aber leider vollkommen nutzlosen Wert dar. Auch ohne die desaströsen Großpleiten von Bankia und Dexia sollte mittlerweile jeder mitbekommen haben, wie unsinnig das Starren auf einen Buchwert vor allem bei Finanztiteln ist. Was soll schon dabei herauskommen, wenn die Assets in den Büchern von den Gebrüdern Grimm oder auch gar nicht bewertet werden. Aber natürlich ersetzen auch die beiden oben erwähnten Kennzahlen keine ordentliche Glaskugel.

Wie verhalten Sie sich, werte Leserschaft?

Achten Sie beim Kauf von Einzeltiteln generell auch auf die Bewertung des Gesamtmarktes?

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P.S.: Gerne können Sie über die Kommentarfunktion mitteilen, auf was Sie beim Kauf von Aktien achten.


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7 Kommentare auf "Teure Schnäppchen?"

  1. markku sagt:

    Zunächst: ich schaute bislang nicht auf nicht mehr als das aktuelle KGV.

    Zum Beitrag: ich halte diese Bettrachtung durchaus für sinnvoll, doch meines Erachtens fehlt zur Beurteilung der aktuellen Situation anhand der Gewinnzahlen ein wichtiger Aspekt: die Renditen der Anleihen.
    Wenn ich am Anleihenmarkt für halbwegs sichere Portfolios historisch wenig Zins bekomme, bin ich am Aktienmarkt tendeziell auch mit weniger zufrieden.

    • crunchy sagt:

      Das ist der Grundgedanke im Vergleich von Aktien- zu Rentenrenditen.
      Während die Bonität bei Anleihen relativ einfach zu beurteilen ist, da nimmt der „Markt“ mal eben die Ratings zur Hilfe, sind Beurteilungen von Unternehmen viel interessanter. Bei Gesellschaften, deren Wachstum sich grossenteils aus Umsatzzukäufen rekrutiert, muss man auf die Bewertung des Goodwill achten: Je weniger dort abgeschrieben wird, desto mief. Bei Banken ist die Ausnutzung der Freiheitsgrade bei der Bewertung des Anlagevermögens gegenwärtig entscheidend. Allgemein ist das persönliche Kennenlernen des Vorstandes für mich besonders
      wichtig: Zahlen beschreiben, Menschen sind real.

      Sollte man einer AG nicht nahe genug kommen können, gilt der allgemeine Lebensgrundsatz: Was ich nicht sicher verstehe, kaufe ich nicht. So´n Krugerrand in der Hand ist doch was Echtes.

  2. Avantgarde sagt:

    Gburek@Co werden gleich die Tasten aus dem Keyboard fallen – aber ich versuch es trotzdem mal.
    🙂

    All die netten Indikatoren wann eine Aktie günstig, überbewertet ist, historische Vergleiche, Vergleich mit anderen Indicies….
    ….sind letztlich Nonsense.

    Eine Aktie wird deshalb gekauft weil man daran glaubt, daß die anderen Marktteilnehmer mehr dafür bezahlen werden als man selbst aufgewendet hat.
    Die Orientierung ist also nicht die eigene Einschätzung sondern die Vermutung die Anlageentscheidung der Nachkäufer richtig vorauszusehen.
    Die Analystenzunft steht da gerne nicht uneigennützig zur Seite..

    Dazu muß man sich nur mal anschauen welche Aktien in welchen Indicies stehen – also SDAX,MDAX,DAX – und noch ein paar weitere.
    Sobald eine Aktie aufsteigt wird sie schlagartig interessant – und das ist fundamental nicht zu erklären.

    Die Kunst des Gewinns liegt darin bei einem für sich selbst ausreichenden Volumen möglichst alle Aktien an den Nachkäufer zu einem höheren Preis abzutreten.
    Sozusagen die Lemminge, die von der frühen Katze gefressen werden.

    Oder um es mal aus einer anderen rationalen Sichtweise zu betrachten:
    Was für einen Wert besitze ich bei einer Aktie ohne Dividende – das Stuhlbein des Vorsitzenden?

    Eine Aktie mit Dividende müsste schon mal mehr bringen als nicht schwankende Anlage bei einer x-beliebigen Bank – also schon mal mehr als 2-3%
    Ist es tatsächlich rational bei einer Verzinsung von 5% das Risiko eines Kursverlustes von 50% einzugehen?

    Ach so es ist ein Sachwert – ja.
    Selbst die wirklich noch recht gut dastehende Beiersdorf hat lediglich ein Eigenkapital von um die 50% – und das ist wirklich bereits hervorragend.
    Rational betrachtet kauft man die Schulden also gleich mit.

    Und bitte – welcher Investor kennt denn die tatsächliche Bilanz eines Unternehmens?
    Das Finanzamt macht ja nicht aus Jux und Dollerei eine Außenprüfung im Unternehmen – schon mal drüber nachgedacht?
    Wer kann vom grünen Tisch aus gleich mehrere Unternehmen mit ihrem aufpolierten Zahlenwerk genau unter die Lupe nehmen?

    Rational betrachtet hätte man bei der Internet-Blase gnadenlos shorten müssen weil alle bekannten Indikatoren ganz objektiv weit über dem Anschlag waren.
    Und dennoch – wer das versucht hat konnte sich bis zu völligen Ruin blutig shorten.
    Ein Markt kann halt länger irrational bleiben als der Investor solvent ist.


    “ Eine Aktie ist nicht billig, nur weil ihr Kurs um 50% gefallen ist.
    Auch nach einem Fall um 50% kann man mit dem Kauf der Aktie noch 100% seines Einsatzes verlieren.“

    Und ich darf ergänzen:
    Wie viele Jahre muß ich Buchgewinne von 100% machen um den zuvorigen Sturz von 90% auszugleichen ?
    Oder um den alten Telekom-Witz rauszukramen:“Haben Sie auch bei 60 nachgekauft?“
    🙂

    Nun will ich ja nicht alles schlecht reden.
    Klar kann man damit spielen.
    Aber immer daran denken, daß auch der so oft als Börsenprophet herbeigerufene Marc Faber lediglich 25% in Aktien hält – und auch dieser kann wie im Falle Japan mal kräftig daneben liegen.

  3. crunchy sagt:

    Danke für den Hinweis auf Robert Shiller: Der Ökonom lässte die Psychologie in die Preisfindung eingehen. Ganz im Gegensatz zur Mathematischen Ökonomie, die uns bis zum Abwinken eingehämmert wurde.
    Oben überprüft er rückwirkend. Wenn ein Anleger Kaufkraft sparen will, hat er zunächst den Erhalt der Kaufkraft vor Augen. Dann will er ein Maximum an Rendite bei minimalem Risiko. Letztendlich will er mit seiner Anlageentscheidung glänzen. Da setzt dann auch der Blick zurück ein: Gibt es Marktzyklen, womit korellieren sie? Kurz: Was funktionierte in der Vergangenheit und gibt es eine aktuell vergleichbare Entwicklung, jenseits von Markt- und Unternehmensberichten? Das zu ergründen ist Lauf des Lebens. Dankbar darf man Journalisten wie F.M. sein, die fleissig jede Plattitüde, die ihnen von den Bankanalysten (wer zahlt wen?) hinterfragen.
    Aktien sind gegenwärtig allerdings aus reiner Verzweiflung gefragt:
    Mein Häuschen, hab ich. Mein Boot, na klar. Mein Ferienhaus sowieso.
    Wohin mit dem Rest: Ach, ich könnte ja mal Aktien kaufen, die sind gut bei Inflation. Wer da nicht an Gold, Silber und Minenaktien denkt, hat noch nie in die Geschichtsbücher geguckt: Der Crack-Up-Boom lässt grüssen!

  4. Otschi sagt:

    Fällt Butter, fällt Käse.

    Otschi

  5. Waldfee sagt:

    Guten Morgen,

    was sagt mir denn als Otto-Normal-Verbraucher das geschriebene (Autor und Kommentatoren)? Laß die Finger von Aktien?! Frank Meyer zitiert immer wieder seine liebe Oma: gebe weniger Geld aus als Du einnimmst. Da steht nichts von Spekulation….

    Viele Grüße

    PS: ich halte dennoch Aktien und Fonds und bin nicht wirklich zu 100% überzeugt von meinem tun….

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