Frage der Woche: Reiche Belohnung für Gratis-Steuergelder?

29. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Vergleichsweise unaufgeregt vermeldete die Commerzbank unlängst die Aufhebung der Gehaltsgrenzen für die Vorstände. Laut Wirtschaftswoche belaufen sich allein die Grundbezüge des Vorstandsvorsitzenden für 2012 nach einer Anhebung um rund 160% auf 1,3 Millionen Euro. Eine feine Sache, wenn man bedenkt, dass das Institut ohne Steuermittel wohl schon abgewickelt worden wäre. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen.

Der Grund für die Aufhebung der bisher geltenden Gehaltsgrenze wird im Restrukturierungsgesetz gesehen. Dieses sieht die Deckelung der Bezüge von Vorständen von Banken vor, die Staatshilfe in Anspruch genommen haben. Das Gehalt wird auf 500.000 Euro jährlich gedeckelt, alles andere als ein Hungerlohn. Die Begrenzung gilt so lange eine Bank nicht mindestens die Hälfte der erhaltenen Staatshilfen zurückgezahlt hat. Wenn man Rückzahlung wörtlich nimmt, und einen bloßen Tausch von staatlichen stillen Einlagen in Aktien nicht dazu zählt, wäre das von Martin Blessing geführte „Loch Bless“, wie die Bank von einigen Markteilnehmern genannt wird, von höheren Vorstandsbezügen weit entfernt. Es ist schon bemerkenswert, für welche Zwecke sich Steuermittel so alles verwenden lassen, ein in der Tat vielfältiges Instrument.

Neben der fälschlicherweise immer noch als „Rückzahlung“ deklarierten Umstrukturierung der deutschen Staatsbeteiligung vermeldete das Institut noch eine gar segensreiche Botschaft: Die vorzeitige Erfüllung der Kapitalauflagen der EBA. Sie erinnern sich, die EBA ist das Institut, das den schon legendären Stresstest gebar, bei dem das mittlerweile zum zweiten Male kollabierte Institut Dexia einen der strahlenden vorderen Plätze belegte. Mittlerweile hat dieses Institut ein negatives Eigenkapital und wird in einer zurechtgewurstelten Mischung aus Zerschlagung und Neuordnung mit französischen und belgischen Steuermitteln am Dampfen gehalten. Ein Blick über die Grenze kann in Krisenzeiten oft sehr aufschlussreich sein.

Bemerkenswert am Stresstest war abgesehen von den albernen Szenarien der Fokus auf die Basel’sche Kernkapitalquote, sprich das Eigenkapital im Verhältnis zu den risikogewichteten Assets. Leider ist diese Kennzahl schon in normalen Zeiten nicht sinnvoll nutzbar. Wer diese Zahl ernst nimmt, kauft vermutlich auch Bankaktien, weil das Kurs/Buchwert-Verhältnis so niedrig ist. Keine sonderlich schlaue Idee.

In einer Krise, in der auch der Glaube an die staatliche Zahlungsfähigkeit mehr als nur Kratzer abbekommen hat, führen Risikogewichte zu einer vollkommenen Verzerrung der wirklichen Robustheit einer Bank. Gewaltige Summen an Assets, die sehr wohl risikobehaftet sind, verschwinden, nachdem sie mit dem Risikogewicht Null versehen wurden, einfach aus der Berechnung. Eine hohe „Kernkapitalquote“ ist da schnell erreicht. Aufschlussreich ist folglich eine Betrachtung der Verringerung der risikogewichteten Aktiva (RWA)  und die Veränderung der Bilanzsumme. Geringere RWA können nicht nur durch den Verkauf von Anlagen, sondern auch durch eine Veränderung der Risikogewichte erreicht werden. Vor allem der Einsatz interner Modelle zur Risikoeinschätzung und Ermittlung der Risikogewichte wird gerne genutzt, wenn es mit dem Eigenkapital eng wird.

Wie die oben stehende Grafik zeigt, ist die Bilanzsumme seit Jahresende um gut €30 Mrd. gewachsen, während die Assets nach Risikogewichtung aber um ein Zehntel geschrumpft sind. Hut ab, die Gehaltserhöhung sollte angesichts dieser Daten eher an die Modellierer als an die Vorstände fließen. Die Zukunft wird zeigen, inwiefern die neuen Werte den realen Risiken besser Rechnung tragen, als dies in den letzten Jahren wohl der Fall gewesen sein dürfte. Wetten sollte man darauf besser nicht. Auch in der Vergangenheit hat man bei der Einschätzung taktischer und strategischer Risiken nicht eben geglänzt, es sei denn eine Rettung der Bank mit Steuergeldern war Teil eines geheimen Langfristplans zwecks gerade noch rechtzeitiger Verbeamtung vor der Pleite.

Der Glaube an die von Banken eingesetzten Risikogewichte ist übrigens nicht erst seit Beginn der Krise im Sinkflug, immerhin ein Zeichen der Vernunft.

Der Fall der verstaatlichten spanischen Bankia, die einen immer größeren Krater in die iberischen Finanzen reißt, wird sich ebenfalls negativ auf das Vertrauen in die Modelle im Speziellen und die Methodik der Risikogewichtung im Allgemeinen auswirken. Das ist zu hoffen, denn die Abschaffung dieser unseligen Vorgehensweise wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer sinnvollen Risikobetrachtung.

Was aber passiert mit der nun von wieder besser verdienenden Vorständen geführten Commerzbank und ihren auf zauberhafte Weise abgemagerten Risikogewichten?

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.


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8 Kommentare auf "Frage der Woche: Reiche Belohnung für Gratis-Steuergelder?"

  1. EuroTanic sagt:

    Wenn man mit den Menschen über diese Themen redet stellt man fest, dass nicht Zorn aufgrund der Gier der Bankster vorherrscht, sondern Neid und Wut darüber, dass man nicht selbst in der Lage war und ist soviel abzuzocken.

    • askanier sagt:

      Dann reden sie offensichtlich mit den falschen Menschen. Wut ja – aber nicht auf sich selbst, Neid hat dagegen auch immer etwas mit Achtung demjenigen gegenüber zu tun, den man beneidet. Das trifft im Fall „Finanzdienstleister“ sicher nicht mehr zu.
      Robert D. Hare, seines Zeichens Vater der „Psychopathy Check List (PCL)“ betonte schon früher, dass er seine Studien besser an der Börse anstatt im Zuchthaus hätte duchführen sollen. Ich bin mir sicher, dass sie nicht bereit sind, die Gefühlswelt eines Psychpathen gegen ihre eigene eintauschen zu wollen (sofern sie bereit sind, den Gedanken weiter zu führen).

      MfG askanier

  2. EXE sagt:

    Es wäre mal ein Anfang Anleihen mit dem gleichen Prozentsatz der Rendite mit Eigenkapital zu hinterlegen.
    Sonst brauchen wir das Spiel mit, denn unterschiedlichen Zinsen nicht Spielen.
    Naja Basel II/III lässt grüßen. Die GoB und Bilanzwahrheit und Klarheit sind ja eine Begreifliche Sache da ist der Spielraum groß.
    Das schlimmste ist nur noch, dass unsere „Denker und Lenker“ aus der Politik von alle dem nicht viel verstehen und es als Aalternativlos Verkaufen.

  3. vegaman sagt:

    tut mit leid, ich finde die Risikogewichtung – richtig angewendet – immer noch eine sinnvolle Sache. Ein Messer ist auch eine sinvolle Sache, z.B. kann man damit Kuchen und Brot schneiden.

    Leide laufen in dieser speziellen „Industrie“ zu viele Psychopathen rum, die Leute abstechen, aber dafür das Messer verantwortlich zu machen, finde ich schon recht lange ziemlich platt.

    Grüße

    vegaman

  4. crunchy sagt:

    Blessing hat sich zurecht darüber beschwert, dass er an die Dreba-Investmentbanker Halteprämien auszahlen musste und selbst ein Hungergehalt als Berliner Statthalter erhielt. Im Zusammenhang mit Basel III stellte er schon fest, dass er nicht noch einmal nach Berlin gehen würde. Sein Glück: Die in Berlin können es auch nicht besser als er, weshalb er jetzt selbst die Halteprämie bekommt. Nun, die Dreba-Investmentbanker sind Geschichte…! 2008 hat unsere Globalpolitiker so richtig wachgerüttelt: Was hat man nicht alles umsetzten wollen, damit sich die Katastrophe nicht wiederholen kann. Was hat man umgesetzt? ….Dann darf der arme Bankverwalter von Steuerzahlers Gnaden sich seine Anzahlung auf seine Datsche ruhig einstecken, die in Berlin haben´s genausowenig verdient und schlafen weiter. Wenn man bedenkt, was die uns so in Summe mit ihren Rettungsbeschluessen kosten.
    Dazu kommt, dass er sich im Camp vor der EZB sehen liess, mitunter trotz Gehalt nicht so abgehoben erscheint. Er hätte mal Merkel, Schaeuble, Steinbrück und Trittin mitnehmen wollen, die fuerchteten sich aber, zurecht?

  5. Fnord23 sagt:

    Hallo in die Runde,

    wie man aus Kreisen hört, sind eben diese not amused. Nicht aus Neid, sondern weil das Gerechtigkeitsgefühl meint:
    „Die da oben machen sich die Taschen voll und wir hier unten müssen den Kunden die Taschen leeren, um die Eskapaden der Bank zu finanzieren.“

    Das Thema Burn-out ist auch nicht gerade selten anzutreffen bei den kleinen Angestellten. Wenn Herz und Hand nicht überein kommen, gibt es böse negativen Stress auf Arbeit.

    @frank

    Das Thema hatten wir schon öfters. Wie sieht denn die Alternative aus? Banken abwickeln. Ja bitte. Wie soll das genau aussehen und was hat das für Auswirkungen auf die Wirtschaftsabläufe?

    VG

  6. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo vegaman,

    das muss Ihnen ja nicht leidtun 🙂

    Allerdings ist unserer Meinung nach in der Risikogewichtung eine der Hauptursachen des akuten Eigenkapitalmangels zu sehen. Ein geringes Risikogewicht ermöglicht den Aufbau gewaltiger Positionen fast ohne Eigenkapital. Ein kleiner Fehler bei der Risikoeinschätzung genügt dann für ein Debakel.

    Des Weiteren wird dadurch künstlich eine Allokationsentscheidung zu gunsten von Bankanleihen, Staatspapieren und ABS vorgenommen, die mit den wirklichen Risiken rein nichts zu tun hat. Da die Staaten kein Interesse daran haben, dass ihre Anleihen durch hohe EK Anforderungen unattraktiver werden, muss mit einer Änderung der Regelung nicht unbedingt gerechnet werden.

    Will man die Risikogewichtung beibehalten, sollte man zumindest den Leverage-Faktor drastisch begrenzen. Setzte man diesen beispielsweise auf 10, wären viele Auswüchse schon rein technisch nicht möglich. Leider haben viele europäische Banken einen Hebel von mehr als 25, von Risikomanagement sollte man da nicht mehr sprechen.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

    P.S: Um auf Ihr Argument mit dem Schneidwerkzeug zurückzukommen. Die Frage ist doch nicht, ob ein Messer schuld ist. Die Frage ist, ob es sinnvoll ist, einem vermeintlichen Psychopathen ein Messer aufzudrängen.

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