Raus oder rein, und wenn, wer?

14. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Die mediale Diskussion um die europäische Wirtschaft nimmt immer groteskere Züge an. Nun hat man sich auf eine Art Binär-Diskussion geeinigt, die als großer Faustkampf zwischen „Sparen“ und „mehr Schulden“ inszeniert wird. Besonders beeindruckend ist es, wie schon eine Ausweitung der öffentlichen Ausgaben als neuer Heilsweg für mehr Wachstum betrachtet wird…

Auf große Erfolge der vergangenen Jahre kann sich diese Einschätzung nicht berufen. Das gilt auch für vielerorts neu erblühende Wünsche nach mehr staatlicher Planung, eine Diskussion, die an die Forderung nach gleichzeitig höheren Milchpreisen für die Bauern und niedrigeren Milchpreisen für die Konsumenten erinnert. Es wäre allen gegönnt, leider funktioniert das nicht.

Man ist sich in der Regel einig, dass niemandem etwas weggenommen werden soll. Im Gegenzug soll dann mit nicht vorhandenen Geldern irgendetwas gemacht werden. Die daraus sprudelnden Erträge verteilt man dann an alle. Derartige Vorstellungen wirtschaftlicher Abläufe erinnern an ein perpetuum mobile.

Allein die Tatsache, dass jemand mehr Geld ausgibt, löst bekanntlich kein strukturelles Problem, vor allem dann nicht, wenn er es vorher jemand anderem weggenommen hat. Eine Ausweitung staatlich konzertierter Programme nach dem Motto „für jede neue Brücke gibt es ab sofort auch fünf neue Wanderbaustellen auf der A2“ führt möglicherweise zu einigen lokalen Verbesserungen, verursacht aber andernorts parallel lokale Verschlechterungen. Auch die fabulöse „neue Steuer für mehr Wachstum“ ist bemerkenswerter Unsinn. Nun gibt es in der großen Spanne zwischen gar nichts mehr ausgeben und noch mehr ausgeben als früher eine Menge Raum für verschiedene Meinungen.

Neben der Beurteilung der Ausgaben- und Einnahmenpolitik eines Staates nimmt auch der Eindruck der politischen Führungsriege zumindest in den Gazetten eine führende Rolle bei der Beurteilung der ökonomischen Leistungskraft eines Landes ein. Warum dies so ist, ist uns in vielen Fällen schleierhaft. Einmal abgesehen von Sympathien oder Antipathien waren etwa die Möglichkeiten des alten Präsidenten in Frankreich nicht sonderlich anders als die des neuen. In der Regel ändert sich mit den Gesichtern an der Politik meist wenig. Eine marode Wirtschaft ist eine marode Wirtschaft, welche Farbe auch immer der Parteisticker hat. Wie man damit umgeht, ist eine andere Frage, aber die Wirtschaft selbst ändert sich nicht an einem Wahlsonntag.

Bemerkenswert ist die voranschreitende Ausbreitung der Probleme über die ganze Eurozone. So werden nicht nur Spanien und Italien, sondern auch die französisch Wirtschaft. von schwerem Wetter geplagt. Zahlreiche Unternehmen wursteln an Dekaden alten Strukturproblemen herum und haben massive Probleme, ihre Kapazitäten auszulasten oder die Cash-Flows stabil zu halten. Ein sehr düsteres Bild geben diesbezüglich nicht nur die französischen Autohersteller ab. Auch über den Pariser Bankensektor muss man nicht viele Worte verlieren. Ob dieser besser aufgestellt ist als der italienische? Wohl kaum. Aber angesichts der letzten unfassbaren Bilanzierungspannen der frisch verstaatlichten spanischen Bankia lässt sich dies im Detail wohl ohnehin erst nach der Insolvenz abschließend beurteilen.

Auch Holland rutscht mit seinem völlig überhebelten Immobilienmarkt langsam ins Schlamassel. Nicht nur am Rande franst also die Eurozone aus. Auch Länder, die von einigen zum „Kern“ gezählt wurden, stehen vor wachsenden Problemen. Ein Blick auf die Einkaufsmanagerindizes (PMI) der Industrie in den größeren Mitgliedsstaaten zeichnet ein trübes Bild.

(Markit)

  • Finaler März-PMI sackt mit 45.9 Punkten auf 34-Monatstief ab
  • Alle vier Schwergewichtsländer erstmals in diesem Jahr mit Produktionsrückgang
  • Nachfrageflaute und rückläufiger Handel innerhalb der Eurozone ziehen auch Jobabbau nach sich

Aktuelle PMI:

  • Österreich: 51.2        4-Monatstief
  • Irland: 50.1                2-Monatstief
  • Niederlande: 49.0      3-Monatstief
  • Frankreich: 46.9        2-Monatstief
  • Deutschland: 46.2     33-Monatstief
  • Italien: 43.8               6-Monatstief
  • Spanien: 43.5           34-Monatstief
  • Griechenland: 40.7   2-Monatstief

Den April-PMIs zufolge war die Krise nicht mehr nur auf die Peripherie-Länder begrenzt, sondern erfasste auch Deutschland, wo der Index auf ein 33-Monatstief absackte. Auch Frankreich vermeldete starke Wachstumseinbußen, während die Industrie in den Niederlanden mit beschleunigter Rate schrumpfte. Keine Entwarnung gab es für Italien, Spanien und Griechenland, wo sich die jeweilige Krise weiter verschärfte. Lediglich die PMIs Österreichs und Irlands hielten sich noch über der 50-er Marke.

Auch am Arbeitsmarkt und somit an den Steuereinnahmen von morgen, hinterlässt die schwache Entwicklung tiefe Spuren

Die Misere schlug im April auch auf den Arbeitsmarkt durch. So sank die Industriebeschäftigung nicht nur den dritten Monat in Folge, sondern auch so zügig wie seit über zwei Jahren nicht mehr.

Mit vereinzelten Entlassungen endete der zweijährige Jobaufbau in Deutschland, und auch in den Niederlanden sank die Beschäftigung nur geringfügig. Beschleunigt hat sich der Jobabbau in Frankreich und Italien, während in Spanien und Griechenland bei der Beschäftigung erneut radikal gekürzt wurde.

Unschön ist zudem die deutlich verschlechterte Tendenz der Produktivität, die mittlerweile per Saldo wieder sinkt.

Es ist seit Jahren nicht sonderlich viel Fantasie nötig, um unter den vielen langfristigen Auswirkungen der Krise auch soziale Unruhen auszumachen. Das ist alles andere als beruhigend, die Augen davor zu verschließen ist jedoch wenig hilfreich. Eine Zunahme sozialer Verwerfungen, der Arbeitsmarkt ist diesbezüglich ein wichtiger Indikator, hinterlässt über kurz oder lang seine Spuren in der Politik. Entweder die etablierten Parteien passen sich an, was oft an der über Jahrzehnte verspielten Glaubwürdigkeit scheitert, oder es tauchen neue Parteien auf bzw. bisher eher schwach repräsentierte Parteien erhalten sprunghaft starken Zuspruch. Die politischen Karten werden dabei in den verschiedenen EU-Staaten sehr unterschiedlich neu verteilt. Die Verhandlungen zwischen den Staaten werden sicherlich in den nächsten Jahren sehr rau.Lässt sich eine Währungsunion unter diesen Bedingungen politisch überhaupt aufrechterhalten? Wenn ja, wie lange und wenn nein, wie geht die deutsche Politik damit um? Will man warten, bis andere Entscheidungen treffen, oder entscheidet man selbst?

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.


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4 Kommentare auf "Raus oder rein, und wenn, wer?"

  1. FDominicus sagt:

    Ich bin unentschieden, nur Punkt 2 klammere ich aus. Das würde uns ja von unseren Delebets als „Verkauf der europäischen Idee“ verkauft werden. Und wir sind nicht nur alle Keynesianer sondern natürlich Europäer. Was uns unser „erster“ Mann ja schon bestätigte. Mit dem ESM wir Europa „annehmbar“ für die Deutschen. Yepp…..

  2. MH sagt:

    Herrliche Idee: Deutschland tritt aus der Eurozone aus? – leider utopisch. Deutschland stellt die Zahlungen ein? – noch utopischer! Solange noch etwas Geld im Steuersäckl ist, wird weiter an die bankrotten Staaten ausgezahlt, auch wenn schon alle anderen längst ausgetreten sind. Weil’s laut Schäuble billiger ist. Kommt billig eigentlich von Billionen? Man kann sich nur noch die Augen reiben…

  3. EXE sagt:

    Ach ja Geld das man noch NIE hatte Ausgeben ist immer eine gute Idee.

    Also wenn man mich vor der Einführung des Euro gefragt hätte ob ich ihn will, hätte ich NEIN gesagt.
    Jetzt wo wir ihn haben ist das Geschrei groß das wir einen Euro haben.
    Das soll mal einer verstehen.

    Wir bekommen es nicht einmal hin das wir den Soli der nur für paar Jahre gedacht war abschaffen, da er Kommunen in ehemals Wirtschaftlich starken Regionen an die Klippe stellt und nur durch neue Schulden gezahlt/ gedeckt wird.
    Wie das in einer XXL Version gut gehen kann wissen nur die Gründer Väter und Mütter des Euro.
    Ich fände eine Soli für Griechenland schon mal besser wie ein Rettungspaket ^^ da wir ja eh nix Retten.

  4. Wollen sagt:

    Griechenland mit 3% am europäischen BIP beteiligt,dient doch hier nur in der medialen Öffentlichkeit als Vorwand,um die weitaus größeren Problemländer wie Spanien,Italien,Portugal von der Öffentlichkeit abzuschirmen.

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