Frage der Woche: Mac Gyver bitte nach Brüssel!

2. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Die Zeiten, in denen in Europa nur ein einzelnes Gespenst umging, liegen schon eine Weile zurück. Mittlerweile sind die Schauplätze in Brüssel und Straßburg zum Tummelplatz für nicht vom Volk gewählte Gestalten geworden. Im Gegensatz zum Zauberlehrling hat niemand diese Geister gerufen, los wird man sie trotzdem nicht so einfach… In einer kruden Mischung aus zentralem Planungsstab und MacGyver holen nun die EU-Theoretiker Klebeband und Schweizermesser hervor, um an Arbeitsmarkt, Wachstum und dem Rest des Wirtschaftsgetriebes herumzuschrauben …

Falls man in Brüssel meint, damit den Ratschlägen des großen Ankurblers von der anderen Seite des Atlantik zu folgen, sollte man sich vor der Aneignung das Resultat in den Vereinigten Staaten anschauen. Besonders erfolgreich waren die Maßnahmen dort allen guten Ratschlägen zum Trotz nicht. Die dauerhafte Politik zentraler Eingriffe zur Retung des einen und Förderung des anderen Sektors hat zu einem recht deutlichen Ergebnis geführt. Einen Zuwachs an Arbeitsplätzen gab es vor allem in den beiden politisch wie finanziell bewusst aufgeblasenen Sektoren Finanzen (FIRE: Finance, Insurance, Real Estate) und „Gesundheit“. Der erste ist pleite und den zweiten kann man sich im Grunde im heutigen Format nicht leisten, denn Bedürfnisse sind nicht gleichbedeutend mit Nachfrage. So sehen klassische Überkapazitäten aus.

Auch der Bildungssektor profitierte. Gerade in den letzten Jahren hat sich eine wachsende Anzahl amerikanischer Staatsbürger gedacht, wenn ich schon keinen Job habe, kann ich die Zeit für ein Studium nutzen. Wenn man das ohne Schulden schafft, ist das zumindest keine schlechte Idee. Wenn man nach dem Studium mit $50.000 in der Kreide steht und trotzdem keinen Job bekommt, war es ein schlechter Trade. Wenn man zu allem Ungemach auch noch auf den staatlich geschaffenen Anreiz zur Kreditaufnahme hereingefallen ist, ist es noch schlimmer. Nichts anderes als eine Verzerrung stellen die Niedrigzinsen bei den Krediten da, die Studienkrediten sind da keine Ausnahme.Der sich einstellende Effekt ist der gleiche wie auf dem Immobilienmarkt. Viel zu viele Menschen nehmen viel zu hohe Kredite auf und der Staat erfreut sich einer künstlich geschaffenen temporären Nachfrage. Wie sagte einst Greenspan? Jeder solle sich ein Haus leisten können, auch derjenige, der sich keines leisten kann.

Mittlerweile sind auch die Arbeitslosenquoten bei den Absolventen deutlich angestiegen. Statt einem Haus, das man zu teuer erworben hat, haben in diesem Falle nun viele ein Studium, dass bestenfalls zur Vertiefung der eigenen Interessen nützlich war. Nicht wenige US-Amerikaner haben auch beides. Ein noch deutlicherer Anstieg der Arbeitslosigkeit von Akademikern wurde laut Bureau of Labor Statistics verhindert, weil viele es sich nicht mehr leisten können, auf den Job zu warten, für den sie studiert haben. Mit laufenden Raten wartet es sich nicht sonderlich entspannt. Barmann statt Anwalt ist daher ein derzeit sehr gut besuchter Karrierepfad.

Das große Problem der meisten westlichen Volkswirtschaften sind riesige Überkapazitäten in Sektoren, die ihren Zenit für längere Zeit hinter sich haben. Es macht wenig Sinn, den Dienstleistungssektor über Jahrzehnte als Heilsbringer zu feiern, ohne zu schauen, was sich genau dahinter verbirgt. Der Großteil der Jobs entstand nicht nur in den USA im Finanzsektor. Nun erzählt man sich zwar oft, Banken seien schlank aufgestellte und hocheffiziente Unternehmen, aber nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein. Wie jede Branche, die für lange Zeit über implizite oder explizite Subventionen am Dampfen gehalten wurde, setzen die Unternehmen mit den Jahren Speck an. Das ist auch in Deutschland der Fall, gerne auch bei den direkt staatlich gestützten Instituten. Für Interessierte lohnt sich daher in diesem Zusammenhang der Blick auf die Angestelltenzahlen der deutschen Landesbanken.

Alle Programme zur „Schaffung von Arbeitsplätzen“ oder zur „Ankurbelung der Wirtschaft“ haben in den Staaten zu einer Fixierung des status quo statt zu einem Rückgang der Schwachstellen geführt. Für die maroden Autobauer gab es das „cash for clunkers“-Programm. Immerhin gab es eine für viele Eurokraten doch recht umfassende Restrukturierung von General Motors. Für Banken, Versicherungen und so manch anderen Großkonzern fanden sich ungezählte Programme zur Beschaffung von Eigenkapital und Liquidität. Big Pharma wird derweil über ineffiziente Programme mit absurden Summen am Köcheln gehalten, auch wenn die erreichte Größenordnung des Gesundheitssystems dauerhaft nicht aufrecht zu erhalten ist.

Nebenher wird der kranke Häusermarkt über historisch niedrige Hypothekenzinsen staatlicher Agenturen geschützt. Das soll den Konsum fördern. Was man da noch groß befeuern will bleibt fraglich. Lässt man die staatlichen Transferleistungen außen vor, konsumieren die Amerikaner insgesamt mehr als sie einnehmen. Das Verhältnis der privaten Einnahmen zu den Ausgaben ist sogar schlechter als vor der Krise. Von einem irgendwie gearteten Lerneffekt möchte man da nicht sprechen, aber wenn man befolgt vermutlich nur die Konsumbefehle des großen Vorsitzenden. Immerhin hat es in Übersee zu einem neuen nationalen Rekord gereicht. Für jeden eingenommenen Dollar hat der Staat in den vergangen drei Jahren jeweils mehr als $1,50 ausgegeben. Ein dreifaches Hoch auf das Petrodollarsystem, das den ganzen Irrsinn wie ein unsichtbarer Leim zusammenhält. Die Reaktionen der Offiziellen, die dies nun global als Erfolgsmodell verkaufen wollen, erinnern an die alten Fat Boy Slim T-Shirts mit dem Aufdruck: „I’m number one, so why try harder“.

Die privaten Haushalte geben ebenfalls mehr aus, als sie ohne Transferleistungen einnehmen. Bizarr, aber was hilft es: The Show must go on. In Zeiten, in denen laut OECD die Gesamtheit der OECD-Länder eine Verschuldungsquote in Höhe von mehr als 100% des BIP aufweist, stößt der Ruf nach ein bisschen mehr deficit spending sicher auf viele dankbare Zuhörer. Vorschlagen darf man natürlch alles, jedoch sollte man langsam aufhören, John Maynard Keynes zu beleidigen. Sich bei Problemen, die aus politischer Unfähigkeit, Einfallslosigkeit und mangelnder Entscheidungsfähigkeit resultieren sich beim fröhlichen „weiter so“ auf diesen Ökonomen zu berufen, ist wirklich unwürdig. Dabei ist es ganz egal, ob jemand Keynes Ideen schätzt oder nicht. Man mag es für richtig oder falsch halten, von staatlicher Seite aus den Wirtschaftszyklus zu „glätten“. Bei aller Kritik bleibt festzuhalten, dass Keynes niemals vorgeschlagen hat, sich stetig und in alle Ewigkeiten solange über neue Schulden zu finanzieren, bis man pleite ist. Das klingt bestenfalls nach Krugman …

Bemerkenswert ist auch die Aussage, mit der Ausweitung der Schulden würde man Zeit kaufen und langfristig die strukturellen Problem lösen. Zeit kaufen mag man gelten lassen, wie aber durch eine Zementierung bestehender Fehlallokationen ein Problem gelöst werden soll, bleibt ein Rätsel. So, jetzt haben wir Zeit gekauft, machen aber erstmal weiter so, weil gerade jetzt kommt eine höhere Eigenkapitaquote ganz ungelegen. Das machen wir dann später, ganz bestimmt! Das ist Unsinn. Natürlich ist etwa eine Erhöhung der Eigenkapitalquoten schmerzhaft für den einen oder anderen. Das wird allerdings morgen auch noch der Fall sein und übermorgen ebenfalls. Hinter dem Gedanken, die gekaufte Zeit einfach nur zum Warten zu nutzen, steht die unberechtigte Hoffnung, über Dekaden aufgetürmte Probleme gingen von alleine wieder weg, völlig schmerzfrei versteht sich.

Ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass zuviel künstliche Nachfrage durch ein Dekaden anhaltendes Hebeln von Staaten und Konsumenten befeuert wurde, wird nun zumindest verbal die Wachstumsmaschine aus dem Verschlag geholt. Aber mit der staatlichen „Arbeitsmarktpolitk“ ist es oft wie mit dem Wetter. Wie sagt es eine alte Bauernregel? Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt wie es ist. Im Gegensatz zu den gefährlichen finanziellen Abenteuern der staatlichen Lenkung gibt es das Wetter immerhin kostenlos. Aber Sie kennen ja die beliebteste Aussage, wenn ein Eingriff scheitert. Ohne diesen wäre es natürlich noch viel schlimmer gekommen! Eine wundervolle Ausrede, die vor allem immer anwendbar ist und in selbstverständlich in beide Richtungen angewendet werden kann. Vielleicht sollte der Bund bei einem mitternächtlichen Ritus einmal im Monat eine Milliarde Euro in kleinen Scheinen auf einem Scheiterhaufen verbrennen um die Wirtschaft wieder ans Laufen zu bringen. Wenn es danach immer noch nicht läuft, dann war es wohl zuwenig Geld, denn zuviel kann man ja bekanntlich nicht aus dem Fenster werfen.

Was denken Sie? Wie sind die Erfolgsaussichten staatlicher Eingriffe? Scheitern Ihrer Meinung nach solche Maßnahmen langfristig generell, oder gibt es positive und negative Beispiele?

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.


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