Frage der Woche: Fühlen Sie sich wohl in der Eurozone?

11. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Das vergangene Wochenende sorgte nicht nur mit Ballsport für Unterhaltung. Mit einem bailout ohne Bedingungen für Spanien gab sich auch der europäische Hühnerhaufen erneut alle Mühe in der Kunst des Schönredens. Abgesehen von wohl eher kurzfristigen Reaktionen auf allerlei Märkten wird sich durch das Gewurstel nicht viel ändern… So fließt mittlerweile nicht nur das Geld munter weiter aus der Eurozone ab. Auch viele Menschen haben die Nase offenbar voll und sehen eine bessere Zukunft anderswo.

Aus dem schönen Griechenland gibt es eine beschleunigte Flucht von Unternehmen nach Bulgarien. Bezeichnend ist eine von vielen Begründungen. So wird offenbar mittlerweile in Bulgarien das „stabilere Wirtschaftssystem“ gesehen. Im ersten deutschen Staatfernsehen sagte dazu ein griechischer Unternehmer:

„Die Griechen haben kein Vertrauen mehr zum Staat. Jeden Tag kommt etwas Neues: neue Steuern, neue Steuern, neue Steuern (…) Man weiß nicht, was morgen auf die Leute zukommen wird. Die Leute haben kein Vertrauen. Ganz einfach. (…) Man muss ein bisschen Zukunft sehen können. Und das ist im Moment das Problem in Griechenland.“

Diese Perspektive sehen offensichtlich eine wachsende Anzahl an Firmenchefs beim nördlichen Nachbarn, wo auch die niedrigen und vor allem stabilen Steuern verlockend sind. Zudem droht in der Eurozone nicht nur in Griechenland auf lange Sicht nicht nur eine schleichende Enteignung über den Fiskus sondern im Wortsinne – ganz solidarisch versteht sich.

Anstatt passiv zu jammern, und dem Draghi-Barroso-Juncker-Fantasia-Tweet zu folgen, sollen alleine in den vergangenen zwei Jahren hunderte Firmen ihre Koffer gepackt haben. Auch zahlreiche Privatpersonen haben ihr Geld auf bulgarische Banken eingezahlt, da dem griechischen Bankensystem, dass nur durch EFSF-Kredite am Dampfen gehalten wird, zu Recht niemand mehr traut. Ob die bulgarische Bank die sichere Wette ist, wird die Zukunft zeigen …

Nicht nur in der Ägäis machen Bürger und Firmen mobil. Fest im Sattel versucht man auch anderswo das scheue Reh des Kapitals in eine vermeintliche sichere Box zu bringen. Eine große Senke im globalen Netz der Kapitalflüsse ist die Schweiz. Dankbar nehmen Investoren das irrwitzige Angebot des schweizer Notenbankchefs an. Sie können so viele Franken kaufen, wie sie wollen, wir sorgen dafür, dass der Preis – also der Franken – nicht steigt. Ein wirklich schwer fassbarer Unsinn, den man mit dem zwar hüben wie drüben beliebten aber vollkommen tumben Verweis auf die „Exportwirtschaft“ gerechtfertigt hatte. Von Kaufkrafterhalt oder Vorteilen für Importeure wird bekanntlich selten gesprochen, selbst dann nicht, wenn mal wieder tränenreich über den Benzinpreis geklagt wird. Tja, wie sagt der Angelsachse frei übersetzt? Man kann den Kuchen nicht gleichzeitig essen und ihn behalten.

Jetzt hat die Schweizer Nationalbank (SNB) den Salat in Form eines „Reserven-Stapels“ im Gegenwert von mehr als CHF 300 Mrd.

Ein großer Teil davon sind frisch gekaufte Euros. Genutzt hat es nichts, der Franken will einfach nicht schwächer werden. Allein im Monat Mai ist der Berg um mehr als 25% gewachsen. Auch in den Alpen geht nicht nur das Geld auf Wanderschaft,auch viele Menschen wollen in die Schweiz umsiedeln. Im laufenden Jahr hat das Land daher schon reagiert und die Zuwanderung für Menschen aus acht EU-Staaten begrenzt. Auch die Zahl der Deutschen, die in die Schweiz wollen stößt vielen Eidgenossen mittlerweile sauer auf.

Die augenscheinlich ebenso unvermeidlichen wie schwer verdaulichen Vorwürfe aus EU-Zirkeln – vom portugiesischen Kaderjogi bis zum teutonischen Schreihals waren wieder zahlreiche Apparatschiks erzürnt – sollte man nicht allzu ernst nehmen. Wenn die Menschen dem eigenen Land den Rücken zuwenden, sollte man nicht mit dem Zeigefinger auf die Zielländer weisen. Vielmehr darf man sich in einer ruhigen Stunde einmal fragen, warum die Bürger die Nase voll haben könnten oder keine Perspektiven sehen. Die wenigsten verlassen ihre Heimat schließlich leichten Herzens.

Was denken Sie? Beobachten Sie die sozialen und politischen Entwicklungen innerhalb der Eurozone mit Sorge? Können Sie die Auswanderer verstehen? Würden Sie vielleicht sogar selbst die Koffer packen, so schwer es auch fallen mag?

Können Sie nachvollziehen, dass viele Menschen der Eurozone den Rücken kehren?

  • Ja. Ich lebe bereits anderswo. (7%, 88 User)
  • Nein, das kann ich nicht nachvollziehen. (3%, 42 User)
  • Ja. Aber für mich käme das nicht in Frage. (31%, 387 User)
  • Ja. Auch für mich käme das in Frage. (58%, 721 User)

Total Voters: 1.238

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.

P.S.: Vielleicht kehrt auch die Eurozone den Bürgern den Rücken …





 

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14 Kommentare auf "Frage der Woche: Fühlen Sie sich wohl in der Eurozone?"

  1. vegaman sagt:

    nettes Schild, wo gibts das zu kaufen?

  2. Beobachter sagt:

    Der Euro war eine Chance mit billigem Geld etwas zu schaffen, hat jedoch viele fett und faul gemacht.
    Jetzt wird der Euro für manche teurer und es zeigt sich wie überlebensfähig die Menschen damit werden. Man meckert gleich über das böse Europa das die warme Muttermich ausgeht und man selber zum Aldi laufen muss. Die Idee Europa ist nicht schlecht, aber nicht jeder hat verstanden dafür auch etwas zu Produzieren was gefragt ist.

  3. Adam Smith sagt:

    EINSPRUCH !

    Lieber Rott, der Satz „Sie können so viele Franken kaufen, wie sie wollen, wir sorgen dafür, dass der Preis – also der Franken – nicht steigt. Ein wirklich schwer fassbarer Unsinn,…“ kann so nicht stehenbleiben. Hier ist wohl die Einäugigkeit der Banker schuld daran, daß die Auswirkungen dieses Geld-Überlusses auf die Realwirtschaft ausgeblendet werden. Tatsache ist, daß z.B. auch die Einlagen bei der SNB das 15-Fache der Mindestreserve weit übeschreiten. Die Zentralbank verliert hier einen guten Teil ihrer Steuerungsmöglichkeiten. Andernfalls, wenn also eine freie Aufwertung möglich wäre, würde sich die Spekulation zugunsten des sfr auch noch doppelt lohnen wegen des Wechselkursgewinns.

    Die Realwirtschaft zeigt ein anderes Bild: entlang der Grenzen stehen fast alle Einzelhandelsgeschäfte und Tankstellen leer, bis zu einer Tiefe von 10 km fast zu 100%, der Tourismus hat im zweiten Jahr fast einen Totalausfall. Unternehmen die früher gut verdient haben, müssen sich etwas einfallen lassen: HoffRoche und CibaGeigy in Basel z.B. arbeiten mit 80 % deutscher Belegschaft, denen wird seit einem Jahr der Lohn nicht mehr in sfr, sondern in € ausbezahlt (Kurs 1,30). damit verlieren sie 100 Bips an jedem Franken, z.B. über 300€ auf 5000 sfr. Die meckern aber nicht, weil sie trotzdem 25% mehr verdienen als vor 2 Jahren, allein durch den Wechselkurs. Andere Unternehmen zehren seit 2 Jahren vom Speck, den schweizer Firmen mehr als andere angesammelt haben. Aber der realwirtschaftliche Winter muß auch mal zu Ende gehen!

    Blick zurück: in den 70er Jahren gab es schon einmal eine Spekulationswelle gegen DM und für sfr. Die Schweiz hat ähnlich wie heute reagiert und zusätzlich „negative“ Zinsen eingeführt. Die Spekulation ist zusammengebrochen und weitergezogen: das UK Lb wurde angegriffen, diesmal ging Soros als Milliardär aus dem Rennen. Die Schweiz hat Ihre Intervention mit einer über 10 Jahre erhöhten Inflation bezahlt und der sfr hat über 20 % seines Außenwertes eingebüßt. Die Schweiz war aber Sieger!!

    Negative Zinsen sind in einer Zeit ohne Kapitalverkehrskontrollen schwer durchzusetzen, sie sind aber unmittelbar vor der Einführung!!!

    Gruß aus Dresden

    • Fnord23 sagt:

      Hallo A. S.,

      weil es gerade um die Schweiz geht. Ich bin am WE in Leipzig auf einen Schweizer getroffen, der sehr arrogant erklärte:

      „Was geht mich der Euro an und die Lage der Griechen ist mir auch egal. Ich bin Schweizer! Was hab ich damit zu tun?

      Unfassbar, ich schüttel immer noch den Kopf. Aber von Nord nach Süd und nicht von Ost nach West.

      VG aus Karl-Marx-Stadt

      • Bankhaus Rott sagt:

        Hallo Fnord23,

        ja, leider gehen temporärer Wohlstand und Demut selten Hand in Hand. Aber auf Dauer wird sich noch zeigen, wer mit dem Ganzen wirklich nichts zu tun hat …

        Beste Grüße
        Bankhaus Rott

        • Fnord23 sagt:

          Guten Morgen BankhausRott,

          ich sehe mich als Heide und habe mir eine Hängebirke als Lieblingsbaum gesucht. An der muß ich immer vorbei, wenn ich das Haus verlasse.

          Das macht mich darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, gut verwurzelt und geerdet zu sein. Ein wenig mehr Demut vor dieser phantastischen „Schöpfung“ könnte vielen nicht schaden. Das betrifft auch die Kreditschöpfung 🙂

          VG

    • Bankhaus Rott sagt:

      @Adam Smith
      Vielen Dank für Ihre Mail.
      Kapitalkontrollen funktionieren auf Dauer nicht. Eine Art „halber Kapitalkontrolle“ wie von der SNB durchgeführt funktioniert ebenfalls nicht, denn man stoppt ja nicht direkt den Zufluss der Gelder, das zeigen die Kapitalbewegungen deutlich, sondern fixiert nur den Wechselkurs.

      Negative Zinsen gibt es bereits, 2-jährige Schatzpapiere der Schweiz notieren aktuell bei -0,31% (minus 31 Basispunkte). Viele sind und waren bereit diese Prämie zu zahlen um das Geld nicht bei einer Bank zu parken und um in CHF investiert zu sein.

      Dass eine steigende Währung Verlierer kennt ist richtig. Das ist bei einer fallenden Währung nicht anders. Eine starke Währung hat aber sehr wohl positive Aspekte. So ist der Ölpreis in CHF seit 2007 sogar gefallen, während in der Eurozone ein Anstieg von über 35% zu verzeichnen war. Alles hat zwei Seiten.

      Beste Grüße

  4. […] viaFrage der Woche: Fühlen Sie sich wohl in der Eurozone? | Rott & Meyer. Share| Juni 11, 2012 at 1:30 pm by admin Category: EU-Wahnsinn, EUDSSR […]

  5. GoldeneRegel sagt:

    Sehr geehrtes Bankhaus Rott,

    wohin soll denn die Reise gehen?

    Meine Frage hat den folgenden, ernst gemeinten Hintergrund:

    (für Ungeduldige: ab min 6:45)
    http://www.freiwilligfrei.info/archives/953

    Ich freue mich auf Ihre Antwort.

    Viele Grüße.

  6. mfabian sagt:

    Ich bin selbst Schweizer, lebe in der Schweiz und habe die Franken-Untergrenze zum Euro seit der ersten Stunde scharf kritisiert.

    Aber mittlerweile musste ich meine Meinung revidieren, nachdem ich mit einigen Unternehmern gesprochen habe, die vom Export in den Euro-Raum leben. Je nach Geschäft kann man die Euro-Preise nicht steigern, um seine Marge in Franken zu halten und in der Maschinenindustrie, wo Geschäfte oft auf eine Lieferung/Zahlung in 6 Monaten ausgelegt sind, hat der Absturz des Euro gg. CHF letztes Jahr in vielen Fällen die Gewinnmargen gänzlich weggefressen.

    Somit stellt sich unter dem Strich die Frage, was uns wichtiger ist: Die Realwirtschaft, die Arbeitsplätze der Exportindustrie oder irgendwelche Buchverluste in den Bilanzen der SNB?

    Die Schweiz ist wie ein kleines Rettungsboot, das sich an die Euro-Titanic gekettet hat. Hoffen wir, dass wir im Notfall die Ketten schnell genug sprengen können!

    • Fnord23 sagt:

      Hallo mfabian,

      Ihr habt euch immer heraus halten können, oder müßen, oder sollen, oder dürfen? Wobei man so neutral, wie öffentlich dargestellt, eben nie war. Es läuft halt sehr diskret ab.

      Naja, solange die BIZ sitzt wo sie sitzt, scheint es für die Schweiz gut zu laufen.
      Wir sehen aber, es gibt nicht nur den Deutschen Michel, sondern auch den Schweizer. Oder wie nennt man den bei Euch?

      VG

    • EXE sagt:

      Hallo

      wenn ich einen kleinen Einwand stellen darf.
      Es gibt auch in der Schweiz große Probleme man muss nur hin sehen.
      Viele Schweizer können sich die Produkte in der Schweiz kaum noch leisten deswegen geht es ja in Export. Man muss sich auch mal die Einzelhändler ansehen. Warum in der Schweiz Einkaufen wen es im Euroraum besonders in Deutschland Kleidung, Möbel, Nahrungsmittel und Autos zum „Schnäppchenpreis“ gibt.

      „…irgendwelche Buchverluste in den Bilanzen der SNB?“
      Ja das könnte man bei der EZB auch sagen.
      Aber wehe, wenn ich das Ende sehe…
      Es ist ein Spiel mit dem Feuer und auf dauer wird man sich die Finger verbrennen.

      • mfabian sagt:

        Stimmt. Über kurz oder lang werden wir uns die Finger mit der Euro-Kopplung verbrennen.
        Allein, welche Möglichkeiten gibt es?

        Ich kann mich an Zeiten erinnern (70er/80er Jahre), wo Deutschland, USA, Grossbritannien stolz auf ihre starken Währungen waren und mildtätig lächelnd auf Länder wie Italien, Argentinien herabblickten.

        Heute ist es Mode geworden, dass jeder Währungsraum versucht, seine Währung möglichst zu schwächen, um seine Exportwirtschaft zu fördern. Das führt zu einem Abrüstungswettlauf der Währungen, wie wir ihn seit mittlerweile 10 Jahren weltweit bewundern dürfen und der auch an Tempo stetig zunimmt.
        Hauptsünder ist die Fed. Die BoE und BoJ haben reagiert, die EZB zeitverzögert, ist dann mit LTRO 1+2 sogar vorgeprescht und die SNB reagiert nur auf die EZB.
        Der nächste Abwärtsschub dürfte dann wohl wieder aus den USA kommen.

        Kurz: Die Welt hat beschlossen, ihre ungedeckten Papiergeldwährungen in den Abgrund zu treiben. Die Schweiz wird sich dem nicht entziehen können. Sie hat zwar die Wahl, sich am Abrüstungswettlauf nicht zu beteiligen, würde dafür aber Export und Tourismus opfern.

  7. Johannes sagt:

    Ich war übers verlängerte Wochenende in Istrien, Nähe Pula.

    War schön öfters dort, immer so Wochenendtrips wie letztes Wochenende.

    Im Grunde hat sich nichts verändert, bis auf den Eindruck, wie sehr bemüht diesmal alle waren, damit man nur ja wieder kommt.

    Ein solches Bemühen um einen Gast habe ich noch nie in dieser Form in diesem Ort erlebt.

    Beim Essen zum bestellten Wein anschließend aufs Haus nochmals Wein und Schnaps und einen gratis Espresso dazu. Ein spezielles kroatisches Gericht (Peka), laut Speisekarte ausschließlich ab 4 Personen verfügbar wegen der Zubereitung, war für zwei Personen auch kein Problem… Keine Ahnung, wer den Rest essen „musste“, wahrscheinlich der Gastwirt selbst.

    Der Sladoled/Eis- Dealer bietet einer Familie je eine Kugel gratis an, in der Hoffnung, dass diese zukünftig öfters kommen…….

    Ich war zugegebenermaßen etwas überrascht, auch darüber, dass trotz des langen Wochenendes relativ wenig los war.

    Der Eindruck den ich vermittelt bekam, bitte bitte kommt auch in der Hauptsaison oder überhaupt wieder.

    Ich kenne die Buchungszahlen nicht, dürfte aber nicht sonderlich rosig sein, zumindest in diesem kleinen Ort nicht.

    Da ich demnächst etwas länger in Dalmatien bin, bin ich schon neugierig, wie es dort sein wird.

    Deshalb kommt Auswandern für mich nicht in Frage, in Österreich zu leben ist für mich derzeit noch ein Privileg, das ich genießen darf und werde.

    Wohin sollte ich auch gehen, in den Hegfefond Schweiz? In den kalten Norden? Nach Asien?

    Nein Danke, ich bleibe hier.

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