Frage der Woche: Freiheit auf Finnisch?

23. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Die finnische Regierung geht in der akuten Phase der Krise einen eigenen Weg. Nicht nur hat man sich an Nehmerländer vergebene Kredite besichern lassen. In Helsinki machen die Politiker unmissverständlich klar, den Euro nicht um jeden Preis halten zu wollen.

Das Jahr 2012 hat einiges zu bieten. Der Deutsche Bundestag ergeht sich regelmäßig in schwülstigem Gehabe vermeintlicher Solidarität. Man feiert sich mit wichtiger Miene als Geldgeber und verschweigt, wem man für jeden Scheck in die Tasche gefasst hat. So schnell allerdings, wie andernorts das Geld ausgeht, kann selbst der freigiebigste Salonkommunist das Geld nicht zum Fenster herauswerfen. Kaum wird nicht vorhandenes Geld für spanische Banken abgenickt, öffnet sich – wenig überraschend – auf der iberischen Halbinsel der nächste Krater. Die maroden Regionen, die in der Berichterstattung leider oft unter den Tisch fallen, melden sich zu Wort. Die Taschen sind leer.

Ingewohnter Manier stellte man in Madrid gleich einmal €18 Mrd. als erste Stütze in Aussicht. Wo dieses Geld herkommen soll, weiß niemand. Leider wird im deutschen Staatsrundfunk weiterhin munter die Mär verbreitet, Spanien habe „ein reines Bankenproblem“. Vergessen Sie’s. Auch in Italien glühen derweil die Sicherungen. Nun hat Sizilien die Hand gehoben. Kein Geld mehr da, mi dispiace molto!

Im Grunde ist es kein Wunder, wenn in Geberländern, in denen es nicht verboten ist, kontrovers zu diskutieren, das Thema Euroaustritt sehr wohl auf den Tisch kommt. Da das hochinfektiöse Nimm-Virus die Zahl der Geberländer mittlerweile stark reduziert hat, rückt das Nordlicht Finnland in den Fokus. Neben einem oft klaren Himmel findet man in Helsinki oft auch klare Worte. So sagte die Finanzministerien Urpilainen der Zeitung Kauppalehti, man werde nicht um jeden Preis am Euro festhalten und man sei auf „alle Szenarien vorbereitet, auch auf einen Ausstieg aus der Eurozone“. Mögen Ideologen dies als unsolidarisch abqualifizieren, so ist eine Vorbereitung auf alle Eventualitäten  lediglich Ausdruck einer professionellen Berufsauffassung. Wir hoffen, dass man im hohen Norden auch im Falle der zerbröselnden Nokia für alle Szenarien gewappnet ist, denn wenn Rekordverluste gefeiert werden, ist das selten ein gutes Zeichen.

Ein Blick auf das finnische Nettoauslandsvermögen inklusive der Target2 Salden zeigt, wie nahe das Land diesbezüglich am Notausgang sitzt.

Bezogen auf das Target2 System besteht die Möglichkeit, weiterhin daran teilzunehmen, denn nicht nur Mitglieder der Eurozone sind an dieses System angeschlossen. Die Alternative ist der Austritt aus diesem System. Da für Nicht-Mitglieder im ach so elitären Euroclub ein positiver Saldo vorgeschrieben ist, wäre ein Verbleib Finnlands im Target2-Verbund möglich, was den ersten Schritt des Euroaustritts vereinfachen würde. Danach würden die Finnen, um einen ausufernden Anstieg der Salden im Falle einer Kapitalflucht in ihr Land zu verhindern, versuchen, auch Verbindlichkeiten innerhalb des Systems besichern zu lassen. Bei den Entscheidern des Eurosystems dürfte dieser durchaus sinnvolle Vorschlag in der Rundablage landen.

Das Thema Sicherheiten (Collateral) sollte schon seit langem ernsthaft diskutiert werden. Bei Geschäften zwischen Zentralbanken bietet sich an erster Stelle Gold an, denn welche Sicherheit soll man Anleihen in einer Schuldenkrise beimessen? Auch Unternehmensanteile – an sich ein schönes Asset – als Pfand einzusetzen, machen nicht zuletzt bei möglichen bilateralen Streitigkeiten um gigantische Summen wenig Sinn. Es bietet sich schon aus praktischen Gründen das klassische Zentralbankasset an. Es ist jedoch fraglich, ob die Eurokraten für eine derartige Diskussion schon weichgekocht genug sind.

Eine finnische Absage an das europäische Fass ohne Boden und die neu erlangte Eigenständigkeit dürften für einen deutlich positiven Nettokapitalfluss in den hohen Norden führen. Dies ist ein auch in der aktuellen Krise erstaunlicherweise unterschätzter, für ein Land jedoch wichtiger stabilisierender Faktor. Eine schwache Währung löst keine Probleme, ganz im Gegenteil. Bei der Refinanzierung der eigenen Schulden haben die Finnen derzeit leichtes Spiel, eine Vergemeinschaftung europäischer Schulden könnte die Lage für das finnische Schatzamt nur verschlechtern.

Auch das Vehikel „Europäischer Stabilitätsmechanismus“ (ESM) verursacht hohe Wogen. In den letzten Wochen kochte neben der fehlenden demokratischen Legitimation die Diskussion um direkte Anleihekäufe durch den ESM hoch. Die Finnen und Niederländer wollen diese verhindern und kündigten an, im Fall der Fälle ihr Veto einzulegen. Bestimmt dann allerdings der Gouverneursrat des ESM, dass ein „Notfall“ vorliegt, helfen diese Einsprüche nicht mehr, denn die Einstimmigkeit ist in einem Notfall nicht mehr zwingend, es genügen 85%. So würde man kleineren Länder Risiken für etwas aufzwingen, das sie aktiv abgelehnt haben. Spätestens in dieser Situation steht die Eurozone an der Wegscheide.

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.

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3 Kommentare auf "Frage der Woche: Freiheit auf Finnisch?"

  1. crunchy sagt:

    Die Finnen sind die besten Europäer. Bezugnehmend auf
    den Maastricht-Vertrag kehren sie vor der eignen Türe.
    Ich hoffe, dass sie durch das BVerfG lobend erwähnt werden. Was Nokia angeht, bin ich mir da nicht so sicher, ob das Ursprungsgeschäft (Holz) dem Konzern nicht ein Floss bauen kann. Wer in den Apfel beisst und sonst keinen (Hinter)grund hat, findet sich schnell mal jenseits des Paradises wieder.
    Der „Salonkommunist“ gefällt mir besonders gut. Stellt der Begriff doch klar, dass wir uns hier in Analogie zum Salongeneral in einem Währungskrieg befinden.
    Wie die Angie immer betet: „Fällt der Euro, fällt Europa.“ Nur: So´n Blödsinn… !

  2. JayJay sagt:

    Das Finnland austritt, als erstes Land habe ich schon 2010 geschrieben & genauso wird es kommen.
    http://steuerhilfe.net/index2.html (siehe dort meinen Kommentar vom 21.11.2010)

    PS: Hoffe es ist erlaubt mal den Link zu setzen
    Gold & Silber Ahoi

  3. 4fairconomy sagt:

    Wusste nicht, wie katastrophal die Situation von Spanien ist. Danke für die Grafik! Ist Spanien überhaupt zu retten bzw. kann es sich aus der misslichen Lage befreien? Wird wohl eng werden…

    Salonkommunist (*schmunzel*)… Gibt’s auch den Salonkapitalist? Z.B. der an immer steigende Boden- und Immobilienpreise glaubt, bis ihm (und nicht nur ihm!) das System um die Ohren fliegt? Gewichtige Beispiele in der (auch jüngeren) Geschichte gebe es ja zur genüge (Japan, USA, Spanien…)

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