Facebook: Dukatenesel oder Luftballon?

21. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Radiosender und Fernsehanstalten haben die Fähigkeit, den Hörern auf die Nerven zu gehen, in den letzten Jahren verfeinert. Besonders schmerzhaft sind die 14-tägigen Dauerbrenner, die gesendet werden, ohne sich um Informationen zu kümmern. Man achtet auf den Wind und hängt sein Fähnlein heraus, ob es um die Ukraine, facebook oder eine Ohrläppchenzerrung bekannter deutscher Fußballrecken geht.

Nicht immer sind Radiosendungen zu Alltagsthemen, wie dem Fußball, vollkommen unterhaltungsfrei. So wurde vor dem Championsleague-Finale in München ein Sportreporter gefragt, ob es für den FC Bayern finanziell von Bedeutung sei, ob der Verein gewinnt oder zweiter wird. Der Reporter hat sich mit seinen Aussagen in Windeseile auf das Qualitätsniveau einiger Talkshows geschossen. Nein, so der gute Mann, das sei im Grunde unwichtig. Denn die Finalteilnahme alleine brächte ungefähr 5,5 Millionen, bei einem Sieg käme nur unwesentlich mehr heraus, nämlich etwas mehr als 9 Millionen ein. Man hörte und staunte, als der Berichterstatter dann noch sagte, im Verhältnis zu den bisher aufgelaufenen Gesamteinnahmen von rund 45 Mio. seien dies „Peanuts“. Diese Erdnüsse scheinen sich angesichts der Zahlen vor allem zwischen den Ohren des Sprechers zu befinden. Sie sehen, auch beim Staatsrundfunk setzt man – freiwillig oder aus Versehen – auf die Humorkarte.

Derartige Interviews sind nicht nur auf den Ballsport beschränkt. Seit einigen Tagen plärrte es aus allen Lautsprechern. Das so genannte soziale Netzwerk facebook ging an die Börse. Auch das GEZ Universum wollte medial dabei sein und berichtete meist schwer verdaulich über Sinn und Zweck derartiger Firmen und versuchte offensichtlich verkrampft, den Anschein der Moderne in den Behördensprech des Staatsrundfunks zu verschleppen.

Um sich dem Glanze vermeintlich investigativer Recherche hinzugeben, wurde aus dem bekannten Kaffeekränzchen gern gefragter „Experten“ eine Koryphäe aus dem Hut gezaubert. Ein frankfurter Fondsmanager wurde zum Thema facebook-Börsengang gefragt und gab ein paar Allgemeinplätze von sich. Was soll der Mann auch sagen? Die Vergangenheit zeigt, dass auch vollkommen absurd bewertete Aktien steigen können, so wie unterbewerte Aktien auch fallen. Die Börse ist eine Börse und keine Unternehmensbewertungsplattform. Für die Social Media Fonds war die vergangene Woche kein Jubelfest.

Beim Thema facebook oder vergleichbarer Plattformen scheiden sich die Geister nicht nur an der Bewertung des Unternehmens. Auch die seltsame Geschichte der Gründung und der Kreis der Eigner nährten immer wieder Zweifel an der aufgebauschten Story vom „start up“. Hat der Badeschlappenmann das Netzwerk wirklich so mir nichts dir nichts aus dem Boden gestampft? Den Investoren war es egal, wie gewohnt wollten auch viele Privatanleger mal wieder dabei sein.

An die Zeit des Neuen Marktes erinnert neben der feierlichen Berichterstattung auch der Drang vieler Firmen, neben der Website nun auch ein Facebook-Profil anzulegen und die entsprechende Adresse jedem um die Ohren zu hauen. An der Produktqualität ändert das freilich nichts, womit dieses Vorgehen an den unseligen Schritt der Deutschen Bank erinnert, sich in „Deutsche Bank 24“ umzubenennen – was haben wir gelacht.

Nach dem Hype der ersten Jahre hat sich die Euphorie am Netz bei vielen Menschen mittlerweile etwas gelegt. Überspitzt formuliert lässt der Drang nach, allen „Freunden“ mitzuteilen, das man gerade ein Zwiebelmettbrötchen gegessen hat und von diesem Vorgang auch 12 Bilder eingestellt hat. Auch die Suchanfragen zu „facebook“ sind in vielen Ländern auf dem Rückzug, aus Sicht der Alteigentümer ein nachvollziehbarer Zeitpunkt für ein IPO. In Deutschland legen die Anfragen noch zu, jeder mag für sich beurteilen, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist.

Wir haben einmal nachgeschaut, wie der Vergleich der Suchanfragen in Russland ausfällt, wenn man die Daten für facebook mit einer führenden russischen Seite wie Yandex vergleicht.

Das Ergebnis ist zumindest interessant, wenn auch die Daten nicht als Investmentindikator missverstanden werden sollten.

Mittlerweile hört man von vielen Menschen, die ihren Account haben löschen lassen. Was wird passieren, wenn die Firma mehr Werbung schaltet oder Dienste auf Gebührenbasis umstellt? Lässt sich die Mitgliederzahl monetarisieren?

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.



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3 Kommentare auf "Facebook: Dukatenesel oder Luftballon?"

  1. pat sagt:

    Ich möchte bei Investitionen in soziale Medien im Internet nur mal auf Myspace und wie es der News Corporatien damit erging. 2005 für 580 Millionen US$ gekauft, 2011 für 35 Millionen US$ verkauft. Zwischendrin jede Menge Fehlentscheidungen und ein rasantes Überholmanöver durch Facebook 2008.

    Der Internetmarkt ist schnelllebig und kompliziert. Insbesondere ausgeprägte Hierarchien in der Entscheidungskultur, wie sie oft in großen Unternehmen überwiegen, werden sehr schnell abgestraft. Ob das weiterhing noch funktioniert, wenn so viele bei der Richtung mitbestimmen wollen?

  2. vegaman sagt:

    Das Ergebnis dieser Umfrage zeigt bei 900 Mio facebook-Nutzern weltweit wohl mehr, was für komische Leute hier unterwegs sind…

    na ja, was solls, ich fühl‘ mich wohl hier 😉

    Grüße

    vegaman

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