Frage der Woche: Die EU erläutert Sparen 2.0

25. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Nun haben es die Eurokraten getan. Sie einigten sich darauf, dass Sparen allein nicht hilft und beschlossen fortan gleichzeitig zu sparen und mehr auszugeben. Diese Denkweise erschließt sich erst dann, wenn man sich anschaut, was die Damen und Herren unter Sparen verstehen.

Aus Anlass der Feier der selbsternannten Obersparer wollen wir einen Blick auf die Defizite der letzten Jahre werfen. Vor allem das Jahr 2011, in dem allerortens neben den Auftragseingängen auch die letzten XL-Aufschwungsfantasien verblichen, hat in der Euro-Spardose ein Vakuum hinterlassen. Wo sind bloß die Früchte des „harten Sparkurses“ und was versteht man unter „vollkommen ungerechtfertigten Einschränkungen“ wenn zwischen Einnahmen und Ausgaben ein Loch von acht bis zwölf Prozent klafft?

Aggregiert man die Daten der Eurozone, so gibt es ebenfalls keine Gratis-Kinokarten für gute Sparleistungen. Schon wieder mehr abgehoben, als auf dem Konto war, wie ärgerlich. Bei der Betrachtung sollte nicht vergessen werden, dass sich die Eurozone derzeit am Beginn einer erneuten Rezession befindet. In der Regel wirken sich diese wirtschaftlichen Schrumpfungen nicht eben positiv auf die Staatseinnahmen aus. Wer in diesem Umfeld bereits ordentlich gehelter staatlicher und privater Bilanzen mit noch mehr Krediten gegensteuern will, der sollte sich zumindest nicht wundern, wenn ihm niemand mehr Geld leihen mag. Schließlich war die EU schon vor der Eurozone ein einzige große Umverteilungsmaschine mit erheblichen Reibungsverlusten. Jetzt von einem „Marshall-Plan“ zu faseln zeugt nicht von großer Kenntnis der aktuellen Zahlen.

Mit der üblichen bürokratischen Lässigkeit, die offenbar bei Entscheidungen jenseits der Milliardenmarke spontan Einzug hält, ordnet Brüssel diese Entwicklung tatsächlich als „Sparkurs“ ein. Ein interessanter Gedanke. Gestern habe ich 20 Euro verdient und 50 ausgegeben. Heute verdiene ich 20 Euro und gebe 40 aus, folglich spare ich, weil ich langsamer in den Dispo absacke. Wenn man auf diese Art und Weise spart, kommt mit den Jahren in der Tat ein hübsches Sümmchen zusammen, leider an Verbindlichkeiten.

Das frisch veröffentlichte Wachstums-Manifest der vier Länder Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien hinterlässt beim Leser einen Schauer der Vergangenheit und erinnert in seiner Geist- und Trostlosigkeit an die traurige Formation der neuen griechischen Regierung. Im Unterhaltungsblättchen Focus wurde das Ganze unter dem Titel „Milliardenschwere Maßnahme macht Schluss mit Sparen“ wie folgt zusammengefasst:

(Focus online) Das Wachstumsprogramm soll 130 Milliarden Euro umfassen. Diese Summe entspreche einem Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Europäischen Union. (…) Haushaltsdisziplin allein reiche nicht aus, um Wachstum und Beschäftigung anzukurbeln. (…) Nötig seien „Instrumente der Solidität“ und „Instrumente der Solidarität“.

Gähn, ach ja, da sind sie wieder die vielbeschworene Solidarität und die große Vokabel „Ankurbeln“. Was darunter zu verstehen ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen – was dabei herauskommt ebenfalls. Aber vielleicht fehlen in den Südländern doch noch ein paar Brücken, Straßen oder Häuser, es sind schließlich kaum welche gebaut worden in den letzten Jahren. Im Grunde implodiert die griechische Wirtschaft aus EU-Sicht vermutlich nur, weil nicht alle Autobahnen achtspurig sind und es bei der Auslieferung der zahlreichen tollen Produkte der heimischen Wirtschaft zu logistischen Enpässen kommt. Ein paar Gelder für den nahezu brachliegenden Tabak- und Zitrusfruchtanbau in Finnland wären als Lastenausgleich sicher machbar. Sollte jemand nicht in der Lage sein, kostendeckend zu produzieren, dann muss man diese Lücke halt mit Steuergeldern stopfen.

Was dabei – außer einer noch größeren Fehlallokation als sie bereits herrscht – herauskommen soll, bleibt schleierhaft. Aber der der nicht gewählte italienische Regierungschef Monti weiß offensichtlich mehr und mahnte an, es müsse sowohl auf Haushaltsdisziplin als auch auf Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen Wert gelegt werden.

Da freuen wir uns schon auf die Vorschläge und Ideen der Großeuropäer, wofür der Euro des Steuerzahlers denn am sinnvollsten ausgegeben werden sollte. Was mag bloß auf Europa zukommen? Die Zwangsexpansion von Schlecker in die griechische Bergwelt? Hunderte von Opel-Verkaufshallen in Zentralportugal? Die Vertriebler dürfen natürlich nur Elektroautos absetzen, für deren Betrieb ausschließlich der in griechischen Groß-Solarkraftwerken erzeugte Strom verwendet werden darf. Der Atomstrom aus Frankreich wird dann nicht mehr vollständig benötigt und kann zur Kühlung derjenigen Flüsse eingesetzt werden, die sich durch die Abwärme bei der Erzeugung des Stroms aufwärmen. Klarer Fall von Kreislaufwirtschaft. Generell gilt: Was nicht verkauft werden kann, wird vom Staat gekauft und dann von hochbezahlten Zerlegungsingenieuren des gehobenen Dienstes manuell verschrottet. Solide und solidarisch – Gemeinsam für Wachstum und Arbeitsplätze! Klingt fast so, als meinten die das ernst …

Die privaten Haushalte stecken in vielen europäischen Ländern bis zum Hals im Schuldenschlamassel. Im Schatten der berechtigen Kritik an Banken für absurdes Geschäftsgebaren und dumme Fehler bei der Kreditvergabe sollte die zweite Seite dieser Kredite nicht vergessen werden. Ein in wirtschaftlich guten Zeiten aufgetürmte private Verschuldung, die gerade noch tragbar ist, wird bei einer Abschwächung und den typischen Folgeereignissen wie Gehaltseinbußen oder Jobverlust rasch zum Alptraum.

Angesichts der Verschuldungsquoten privater Haushalte ist die Kritik, die Kreditvergabe an private Haushalte solle hochgefahren werden, lachhaft. Viele Konsumenten können schon jetzt die laufende Belastung nicht mehr schultern, von einer möglichen Tilgung ganz zu schweigen.

Mit welcher Entwicklung rechnen Sie bei den Konsumenten in Europa in den kommenden 10 Jahren?

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.

P.S.: Die Senkung der Verschuldung beinhaltet natürlich auch einen Zahlungsausfall.


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21 Kommentare auf "Frage der Woche: Die EU erläutert Sparen 2.0"

  1. FDominicus sagt:

    Kram‘ ich mal ein bisschen:
    http://www.freiewelt.net/blog-3580/begriffserkl%E4rung.html

    Sparen auf „normal“. Weniger ausgeben als man einnimmt.
    Sparen auf „delebetisch“ Weniger neue Schulden machen als „gestern“.

    Nun auch das delebetische Sparen ist ziemlich beeindruckend gegen die Wand gefahren….

  2. EuroTanic sagt:

    Dieses Neusprech is schon lustig. Unanständig hohe Abgeordnetengehälter heissen Diäten, Sozialkürzungen zu Lasten der Bevölkerung heissen Reformen, und Sparen kann man sich auch sparen. LOL
    „Wenn eine Schuldenbremse die Schulden bremsen würde müsste eine Handbremse ja auch die hand bremsen.“ LOL

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo EuroTanic,

      diesbezüglich sehr hübsch ist auch die Verwendung der Bezeichnung „Sondervermögen des Bundes“ für Schulden.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • philly sagt:

        auch gut finde ich RETTUNGSSCHIRM, der eigentlich die Enteignung vieler zugunsten einiger weniger „wichtiger“ (too big to fail) bedeutet und den sofortigen Tod aller bei Nichtbenutzung (Ungehorsam) suggeriert.

      • Avantgarde sagt:

        Orwell ist überall….

        Die Bundesschuldenverwaltung wurde 2002 in Bundeswertpapierverwaltung umbenannt, seit 2006 heisst sie Finanzagentur 🙂

        Entlassungen von Arbeitnehmern heissten Freisetzungen und die Arbeitnehmner selbst sind Humankapital.
        Die Menschen sind nicht mehr arbeitslos, sondern arbeitssuchend.
        Sind sie völlig enmutigt und gehen erst gar nich mehr zum Amt nennt man sie stille Reserve.
        Und noch ein Originalzitat von Phillip Rössler
        „Jetzt gilt es für die Beschäftigten – mehr als 10.000 vornehmlich Frauen, einzelne Mütter und ältere Frauen – schnellstmöglich eine Anschlussverwendung selber zu finden.”

        Eine Straße, Fabrik wird nicht mehr abgerissen sondern rückgebaut.

        Vertreibung,Mord und Plünderung wird neuerdings als ethnische Säuberung bezeichnet.

        Und das Restrisiko ist euphemistisch das Risiko welches einem ganzen Land wortwörtlich den Rest geben kann.

  3. wroesner sagt:

    Ich hab mal ne Frage: Wo soll man denn jetzt sein Geld hinschieben, wenn’s bald zum Bankencrash kommt? Die Frage ist ernst gemeint. Ich frage deshalb, weil ich aus der überragenden Intelligenz der Autoren folgere, dass man mich nicht auf den Einlagensicherungsfond verweisen wird. Hoffentlich auch nicht auf Gold. Also, was dann ? Oder gibt es doch noch crashsichere Banken? Welche? Bitte für jemanden, der nicht in D wohnt.

    • FDominicus sagt:

      Einlagensicherung ist Augenwischerei. Warum man nicht teilweise auf Gold setzen sollte wurde m.E. hier nie so geschrieben.

      Crashsichere Banken? Die kann es nur geben wenn Sie eine Bank finden die nicht mit 40 er oder größeren Hebeln hantiert. Bei den größeren deutschen Banken würde ich darauf nicht wetten.

      Es wird sich empfehlen nicht alles Vermögen einer Bank zur Aufbewahrung zu geben. Sondern das Geld
      a) auf verschiedene Banken
      b) auf verschiedene Währungsblöcke zu verteilen.

      Es gibt bei b) keine große Auswahl, worum man besser einen bogen machte ist der EUR, und US-$ bereich, jedes sozialistische Land und jedes Land in dem Eigentumsrechte nicht hoch gehalten werden. Also wird die Auswahl sehr überschaubar. Vielleicht trifft es für 5-6 Länder weltweit zu. Aber auch die werden nicht ungeschoren davon kommen. Im Augenblick haben Sie aber nur die Wahl zwischen schlechten und etwas besseren Alternativen. Ich persönlich bevorzuge die „etwas“ besseren.

      Ich persönlich meide alles wo Staat drauf steht. Beachtet man das nicht, geht es einem wie den privaten Griechenlandgläubigern mal eben -80 % Tendenz weiter abnehmend….

    • Skyjumper sagt:

      @ wroesner

      Ihre Frage ist so kaum zu beantworten. Geht es Ihnen um Geld als Geld? Wenn ja, über welche Währung sprechen wir wenn Sie nicht in DE wohnen?

      Unterstelle ich einmal Sie wollen liquides Geld sicher aufbewahren und wir sprechen über Eurogeld, dann empfehle ich wie FDomenicus auch schon die Splittung auf (je nach Betrag) mehrere Banken. Meine Wahl würde dabei auf kleine Institute fallen, vorzugsweise solche die ähnlich aufgestellt sind wie die Genossenschaftsbanken oder die örtlichen Sparkassen in Deutschland.

      Ein Teilbetrag als Bargeld im unmittelbaren Zugriff. Hier kommt es nun schon darauf an von was für einem Szenario Sie denn ausgehen und welch einen Betrag Sie verteilen wollen/müssen.
      Ich pers. würde Edelmetalle im übrigen keinesfalls aussen vor lassen.

      Oder Fragen Sie nach einer grundsätzlichen Anlagemöglichkeit für Vermögen? Dann gilt wie immer und überall: Splitten und Diversifizieren.

    • Avantgarde sagt:

      Und hier eine ganz ernsthafte Antwort, die hier allerdings unerwünscht sein dürfte:

      Bevorzugt in US-Dollar als Papierform und z.T. als US-Treasury Bills.
      evtl. noch CHF,NOK oder CAD in Papierform.

      Der Grund ist sehr simpel:
      lässt man die Banken und damit die Guthaben tatsächlich pleite gehen ist definitiv essig mit allen Hyperinflationsträumen – dann beginnt eine mörderische Deflationsspirale.
      Der letzte der dann noch Zahlungsfähig ist ist dann der Staat.
      Die dann ausfallenden Dollarkredite werden die verbleibenden US-Dollar in Papiierform unglaublich wertvoll werden lassen.
      Ob und welche Euroländer ihre Währung dann umstellen wird kritisch – weiß keiner so genau – also Vorsicht in Euroland.

  4. Bankhaus Rott sagt:

    @avantgarde

    Hier im Blog gibt es bestenfalls unerwünschte Tonlagen, aber keine unerwünschten Meinungen.

    Zudem ist der von Ihnen gemachte Vorschlag ja nicht außergewöhnlich 🙂

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

    • Avantgarde sagt:

      Geschenkt – war nicht gegen Sie gerichtet 🙂

      Konsequent gedacht ist der Vorschlag nicht außergewöhnlich – lediglich die Folge dessen was sich einige Säuberungs-Reinigungs-Armageddonanhänger wünschen – den Kollaps.
      Die werden sich dann aber wundern wie das immer so abfällig dargestellte Papiergeld und dann auch noch US-Dollar an Wert gewinnt.

      Vielleicht verstehen sie dann aucn den Unterschied zwischen Papiergeld und Kreditgeldsystem….

      Es gibt ein englisches Sprichwort das lautet in etwa so, daß man vorsichtig mit dem sein soll was man sich wünscht – denn es könnte wahr werden.

      Man kann letztlch nur hoffen, daß die Notenbanken es schaffen langsam dem Druck aus dem Kessel zu nehmen und nicht irgend ein Ideologe das Venil mit einem Schlag öffnet.
      Zudem müssen dringend gesellschaftlice Veränderungen kommen – damit meine ich den Abbau der Ungleichgewichte.
      Auf Dauer wird man jedenfalls nicht mit den jetzt nötigen Akutmaßnahmen leben können.

  5. wolfswurt sagt:

    Alles was entschieden und gemacht wird, geschieht in voller Verantwortungslosigkeit.

    Diese Verantwortungslosigkeit bei gleichzeitiger Straffreiheit ist der Garant für jedweden Blödsinn!

    Soweit so gut. Es handelt sich um Erwachsene gestandenen Alter´s.

    Gefährlich ist dann die nächste Generation, welche vom Blödsinn Befallenden groß gezogen wurde.

    Diese Generation wird diesen Zustand als selbstverständlich und Gott gegeben betrachten, was zu einer unermeßlichen Leistungssteigerung des Blödsinn´s führen wird.

    Da die darauffolgende Generation wieder zu einer Steigerung beiträgt, ist für einen klugen Investor viel Reichtum möglich – ein Putt auf die Inteligenz.

    PS:
    So eben entdecktes Beispiel.
    „Der Chef der Piratenpartei, Bernd Schlömer, hat vor zu großer Transparenz in der Politik gewarnt. Es gebe in der Politik einen Bereich, in dem vertrauliche Gespräche geschützt werden müssten, sagte Schlömer der Stuttgarter Zeitung. Das sei nötig, um den Parlamentsbetrieb zu schützen. „Würden wir eine vollkommene Informationstransparenz herstellen, würden unsere politischen, Moral- und Rechtssysteme zusammenbrechen.“
    aus: netnewsexpress

    Auch dieser Mensch würde sich auf Nachfrage seiner vorzüglichen geistigen Gesundheit rühmen…

  6. MARKT sagt:

    Herr Schlömer ist übrigens hauptberuflich im Bundesverteidigungsministerium tätig . Sein Zuständigkeitsbereich ist die akademische Bildung an den Universitäten der Bundeswehr.

    Also ich fühle mich in US-Dollar Cash auch am wohlsten. Fremdwährungen würde ich nur in Konten und Depots des entsprechenden LAndes halten. Meines Wissens ist es aber als Deutscher (Ausländer) mit einem Wohnsitz außerhalb Norwegens nicht möglich ein Konto in Norwegischen Kronen zu halten. Hat sich daran etwas geändert?

  7. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Markt,

    eine Kontoeröffnung in Norwegen sollte auch mit einer so genannten D-Number, die für den temporären Aufenthalt erteilt werden kann, möglich sein.

    http://www.norway.no/temaside/tema.asp?stikkord=94020

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  8. MARKT sagt:

    Vielen Dank für die Info.

    Erst jetzt gelesesn.

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