Frage der Woche: Demos & Gewerkschaften

17. Oktober 2011 | Kategorie: Frage der Woche, Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die aktuellen Bewegungen „gegen die Macht der Banken“  in den USA und in Westeuropa werden auch in den Medien angesprochen. Angelockt von der Möglichkeit, sich ins rechte Licht zu rücken, stellen sich auch viele Verbände und Gewerkschaften hinter die Bewegung – was auch immer das heißen soll.

Ein großes Wort, von dem sich der eine oder andere Funktionär wohl einen Funken Glanz erhofft, ist die Solidarität. Ein vielbeschworener Begriff der in Bezug auf die Eurozone sogleich mit Eurobonds verwoben wird. Besonders bemerkenswert waren diesbezüglich die Worte des Gewerkschaftsfunktionärs Bsirske, der sich für eine „zügige Einführung von Eurobonds“ aussprach.

„Eurobonds können als gemeinsame Anleihen aller Euroländer die Spekulation gegen die Staaten stoppen und bündeln die gesamte Finanzkraft der Eurozone“, sagte Bsirske auf dem Bundeskongress der Dienstleistungsgewerkschaft in Leipzig.

Da das Risiko eines Zahlungsverzuges oder Staatsbankrotts in der gesamten Eurozone „gegen Null“ gehe, gebe es auch keinen Grund, warum die Zinsen für Eurobonds wesentlich höher sein sollten als in Ländern wie Deutschland oder Frankreich.

Es ist erstaunlich, wie die Ökonomie auf den Kopf gestellt wird. Eine beachtliche Leistung, den Eurobonds so aus der Hüfte heraus eine Ausfallwahrscheinlichkeit von nahe Null zuzugestehen. Auch ein Blick über der Tellerrand vermeintlich lediglich periphärer Probleme hinaus auf die Entwicklung in Deutschland oder Frankreich wäre bei der Beurteilung der realen Lage hilfreich. Wo die Rendite der Bundesanleihen wohl stehen wird, wenn die BRD erst einmal mit beiden Beinen ins Haftungsboot gesprungen ist. Nebenbei gefragt, mit wem oder was wollen Herr Bsirske und andere eigentlich solidarisch sein und wer darf dafür die Tasche öffnen? Jeder Euro, der an A verteilt wird, muss B weggenommen werden. Mit welchem Recht und zu welchem Zwecke geschieht das?

Auch bei den Kosten sieht die Betrachtung recht einseitig aus.

„Für die derzeitigen Wackelstaaten aber hätten Eurobonds den Vorteil, dass ihre Refinanzierungskosten auf einen Schlag drastisch sinken würden“, fügte der Gewerkschaftsvorsitzende hinzu. „In jedem Fall dürften die Kosten für Deutschland weitaus geringer ausfallen als die Kosten, die ein Zusammenbruch der Euro-Zone für die deutsche Wirtschaft nach sich zöge.“

Leider wurde in aller Erregung vergessen: Die Refinanzierungskosten für Deutschland würden im Gegenzug steigen. Im Rahmen der Solidarität aber wird der gute Mann dies seinen Schutzbbefohlenen sicher ganz ruhig und sachlich erklären. Oder wären es in diesem Falle wiederum todesmutige Spekulanten, denen 2% für eine zehnjährige Bundesanleihe dann ein bisserl wenig sind und die Papiere nicht kaufen? Ist es mittlerweile schon verwerflich, etwas nicht zu kaufen? Spekulative Konsum- und Investitionsverweigerung als neuer Tatbestand in Tateinheit mit verwerflicher unsolidarischer Grundhaltung – macht dann drei Jahre Bunkerhaft. Tolle Aussichten.

Auch fehlt erneut die Frage, warum es eigentlich zu steigenden Renditen kommt. Spekulanten? Bei dem Niveau? Lächerlich, die Rendite einjähriger Papiere Griechenlands überstieg in der vergangenen Woche die Marke von 160%. Die Absicherungsprämien verhalten sich dementsprechend. Kein Mensch geht hier short, es kauft nur keiner. Die Spekulantenmasche ist ebenso abgedroschen wie sachlich falsch.

Die Anomalie in den Renditeniveaus ist nicht der Unterschied der Renditen bei den Anleihen verschiedener Länder. Die Anomalie waren die wenigen Jahre, in denen die Niveaus annähernd gleich waren. Angesichts vieler Ansichten aus Politik und Funktionärskreisen fragt sich so mancher, wessen Macht man besser gleich mit beschneiden sollte. Die „Macht der Banken“ ließe sich übrigens recht einfach eindämmen, wenn man es ernst meinte. Wie wäre es mit der Abschaffung der unsinnigen Basel-Richtlinien mitsamt der Risikogewichtung und einer festen Eigenkapitalquote für Banken von zum Beispiel 10%. Viel Spaß schon einmal bei der Staatsfinanzierung!

Fachkenntnis hin oder her, an einer Gegenbewegung nimmt man gerne teil, ob man sie nun unterstützt oder es einfach schön ist, dass sie von eigenen Versäumnissen ablenkt.

Zur Frage:

Was denken Sie, ist die Beteiligung von Gewerkschaften an den aktuellen Bewegungen à la Occupy Wallstreet ernst zu nehmen, reiner Opportunismus oder ein bisschen von beidem?

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Die bereits abgeschlossenen Umfragen beim Bankhaus Rott & Meyer können Sie im Archiv einsehen.

Gold: Die härteste Währung der Welt: Die Währung der Zukunft

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14 Kommentare auf "Frage der Woche: Demos & Gewerkschaften"

  1. auroria sagt:

    Glaubhaft ist die Beteiligung der Gewerkschaften schon, als große Freunde der Banken waren die auch bisher nicht bekannt.

    Nur hilfreich ist sie nicht. Jedenfalls nicht deren Vorschläge.
    Den anderen Staaten wollen sie helfen, statt den Banken, obwohl das ja aufs gleiche hinausläuft.
    Und mit Eurobonds werden weder die Banken gezügelt, noch irgendwelche Probleme gelöst, sondern nur verteilt.

    Dass ein gehöriger Anteil Opportunismus dabei ist versteht sich von selbst.

  2. crunchy sagt:

    Gewerkschaften habe ich ausschliesslich als Günstlinge des Systems
    wahrgenommen.
    Dem Linken Spektrum entsprungen, ist ihnen Gelddrucken nie fremd gewesen.
    Betriebsräte dienten der Geschäftspolitik und liessen sich dafür vergüten.
    Sie sind Teil des Filzes, der dekadentes, verkommenes und gesellschaftsfeindliches Verhalten fördert und das soziale Füreinander soweit zerstört hat, dass soziale Verantwortung erst wieder auf der Strasse bei Demos erlernt wird.

    Selbst war ich so einem Verein jahrelang treu. Als ich bemerkt hatte, wie sehr die mich verarschten, konkret einen beruflichen Aufstieg beinahe verhinderten, bin ich raus.

    Danach war ich vogelfrei….!

    Alles, was mit denen paktiert ist: Pack!

  3. retracement sagt:

    Occupy Apple Stores ?

    http://www.youtube.com/watch?v=xDNdkFomTCg&feature=related

    Edit: Das Ergebnis der Umfrage spricht Bände. Würde ich als Kontraindikator werten. Scheinbar ist doch klar, dass wir auf dem Holzweg sind. Nun die Würmer ohne Holz in Frage zu stellen ist doch sehr schemelhaft. Ich unterstelle den Leutchen bei Stuttgart21 ja auch nicht, daß die Aussicht vom Killesberg auf Jahre verhunzt wird, wenn sie sich vor den Wasserwerfer stellen. Über was reden die denn so, wenn sie zusammenstehen? Ich war nicht dabei.

  4. Hans im Glueck sagt:

    Auf die Gewerkschaften können wir verzichten. Die wollen sich da nur „reinschmugeln“, genauso wie unser Politiker. Die jetzt schön in den Zeitungen und natürlich online ihren Beistand zu der Occupy Bewegung kundtun. LÄCHERLICH nenn ich das!

  5. karlie sagt:

    Gerade die Gewerkschaften haben doch durch ihre jahrelang zurückhaltende Lohnpolitik und das dadurch absinkende Reallohnniveau in Deutschland die Eurokrise mitverursacht.

  6. Gandalf sagt:

    Die Beteilung der Gewerkschaften (und der „Sozialdemokraten“) ist mehr als unglaubhaft. Waren es nicht Asmussen (Spd-Mitglied), der die Finanzmärkte so „dereguliert“ haben, dass alles in Scherben liegt? Sind es nicht die Gewerkschaften und die „Opposition“ im Bundestag, dei zu ‚100%‘ hinter diesem „Rettungswahn“ (und „Eurobonds“) stehen und gleichzeitig am wenigsten Ahnung von den Zusammenhängen haben (wenn ich mir (und nicht nur) z.B. den Panoram-Beitrag anschaue)?

    Hierzu ein paar schöne ‚Leserkommentare‘ zu einem Zeit-Artikel, der sich mit den Occupy-Demos beschäftigt:
    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-10/banken-proteste-frankfurt

    Übrigens haben Hayek und die anderen „Österreicher“ schon sehr früh erkannt, dass sich (Bank-)Finanzkapital und die „Anti-Kapitalistische Szene“ sehr gut verstehen und „erfolgreiche Allianzen“ bilden.
    http://ef-magazin.de/2009/10/31/1614-wiedergelesen-entnationalisierung-des-geldes

    Zitat (es geht um die ‚Entnationalisierung des Geldes‘ – womit übrigens nicht der Euro gemeint ist, sondern kompetitive Geldsysteme ohne manipulierende Zentralbanken):
    „Hayek identifiziert die Banken selbst als Gegner eines solchen Vorhabens, da sie völlig neue Praktiken entwickeln müssten. Das gelte insbesondere in den Ländern, wo der Wettbewerb zwischen Banken seit Generationen durch Kartellvereinbarungen und mit Billigung der jeweiligen Regierungen unterbunden worden sei. Andererseits seien die Gegner eines solchen Plans unter den Inflationisten zu suchen. Denn die Folge konkurrierender Umlaufsmittel sei sehr hartes Geld. „Geld ist die einzige Sache, die durch Wettbewerb nicht billig würde, weil seine Attraktivität gerade darauf beruht, dass es ‚teuer’ bleibt“, schreibt Hayek (S. 84 f.). Zusätzlich sei Widerstand von der anti-kapitalistischen Szene zu erwarten. Diese nähmen den Missbrauch der Geldproduktion in der Hand des Staates unkritisch hin, würden aber erbittert aufschreien, sobald die „reichen Finanzinstitute“ damit betraut seien

    Viele Grüße

  7. EXE sagt:

    Gut kann es nicht sein das stimmt schon wenn da sich Leute bereichern.
    Erst zusehn danach wie eine Fahne im Wind drehen.
    Wie man es nimmt die Bewegung ist gut und wenn es auch nix bewegt die Leute haben sich dafür eingesetzt.
    jetzt müssen nur noch alle ihr Geld von der Bank abziehen dann sehn wir wer to big to fail ist.

  8. Damokles sagt:

    Die Gewerkschaften demonstrieren gegen das, was sie auf der einen Seite als raffgierig ablehnen, auf der anderen Seite aber unbedingt zur Staatsfinanzierung und damit zur Wohltatenverteilung benötigen.

    Alleine das Eintreten für Eurobonds gepaart mit einer ökonomischen Begründung auf Grundschulniveau macht sie zu Mittätern der finanzpolitischen Katastrophe, die m.E. immer unausweichlicher wird.

    Für den Kollaps werden jetzt schon die Sündenböcke bereitgestellt: die Banken. Nicht dass ich ein Bankenfan bin, aber die wirkliche Ursache sind Politiker mit dem Motto: Lebe heute, zahle morgen (oder auch nicht).
    Möglicherweise ist auch der systemimmanente Widerspruch der fehlenden Zinsmonetisierung schuld, den ja schon der gute alte Marx gefunden hat.

    Aber erklären Sie das mal den normalen Mitbürgern… „Och nööö, dann lieber das Feindbild Bangster.“

    • Fnord23 sagt:

      Hallo Damokles,
      hat Marx das erkannt bzw. darüber geschrieben?
      ….der systemimmanente Widerspruch der fehlenden Zinsmonetisierung…

      Kann mich gar nicht erinnern. Na ja, ist schon eine Weile her.

      VG aus Sachsen

  9. crunchy sagt:

    Kompliment an diese Site: Hier kommt kritisch zusammen, was verantwortich für einander die Zukunft gestalten will! Mal fragt man dies, mal fragt man das. Welche Kurse werden wir bei Edelmetall sehen, welchen Kurs wird unsere Politik nehmen? Werden wir alle das noch bekommen, was wir verdienen? Glauben wir an uns, oder unseren Lenkern?
    Haben wir das Richtige gelernt? Oder hat man uns auf der Uni, in der Ausbildung oder der Feuerwehr das Wesentliche beigebracht. Wie war das beim Bund? Haben wir töten gelernt, oder hilfsweise helfen? Auf dieser Site finden wir Hinweise auf das Wichtige im Leben: Darauf, dass man nur mit seinem EIGENEN Hirn überleben kann. Das EIGENE Wesen wird im Leben immer dominieren, es erhält das Leben. Solange es das tut, vergesse man nie, Ärmeren zu geben.
    Dank an diese Site: Werden wir zusammen reich, dann helfen wir Allen leben!

  10. Silberzehner sagt:

    War da nicht mal vor einigen Jahren eine TV-Reportage dass Gewerkschaftsangestellte sich nicht gewerkschaftlich organisieren dürfen?

  11. Avantgarde sagt:

    Was soll diese Gewerkschaftsbashing?
    In jeder großen Organisation gibt es ab und an einige Mißstände.

    Die deutschen Gewerkschaften sind insgesamt doch auch recht besonnen – wilde Streiks oder Generalstreiks wie in anderen Ländern kennen wir hier doch gar nicht.

    Ohne Gewerkschaften wie in D sähe es hier in D wohl eher aus wie im Traumland der Marktradikalen – den USA.
    Dort ist bis zu den Gefängnissen so ziemlich alles privatisiert.
    Hire and Fire der Mitarbeiter.
    Keine oder nur sehr geringe soziale Absicherung der Beschäftigten.
    etc. etc.

    Die Verteilung der Vermögen ist dort als Folge dessen noch viel krasser als hierzulande. Dort gibt es Slums und Kriminalität wie in einem „Dritte Welt“-Land. Die Vermögenden wohnen z.T. in bewachten und eingezäunten Wohnquartieren.

    Die USA sind gerade WEGEN ihrer Marktradikalität am Ende.

    • Gandalf sagt:

      „Die USA sind gerade WEGEN ihrer Marktradikalität am Ende.“

      So ein Unfug

      Sie sind am Ende, weil versucht wurde die Wirtschaft – ‚entgegen eines freien Marktes‘ – mittels der Zentralbank zu manipulieren/regulieren. Das hat hat ja mittlerweile Greenspan selbst zugegeben.

      Das ist Geldsozialsimus – und keine Marktwirtschaft!

      In den USA ist z.B. die Eigentumsquote von Wohnraum immer noch weit höher als wie bei uns! (und die ‚Selbsthilfekräfte‘ sowieso)

      „Die deutschen Gewerkschaften sind insgesamt doch auch recht besonnen – wilde Streiks oder Generalstreiks wie in anderen Ländern kennen wir hier doch gar nicht“

      – und „weil sie so besonnen waren“, ist unser Lohnniveau beständig gesunken – gegenüber Ländern in Osteueropa, so wie in Griechenland! Sie haben tatkräftig (v.a. unter „rotgrün“) daran mitgeholfen die Ungleichgewichte zu zementieren und auszubauen, indem sie diese unseelige „Euromantik“ in allen Belangen – entgegen den Wünschen ihrer Mitglieder – befördert haben

  12. Fnord23 sagt:

    Gewerkschaften, also der Apparat als solches sind natürlich Teil des Systems. Ein Kontrollprogramm so zusagen.

    Das erinnert mich auch an Demos 1989. Da tauchten dann plötzlich SED-Funktionäre auf und zeigten Verständnis fürs Volk. Haben wir aber ausgebuht.

    VG aus Sachsen

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