Fracking-Träumer aufgewacht

10. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wenige Entwicklungen wurden in den vergangenen Jahren zu Unrecht so bejubelt, wie die Förderung von Shale Gas in den USA. Mittlerweile ist von mancher Finanzierung genauso wenig übrig wie von den angeblich für 100 Jahre ausreichenden Reserven.

Die Geschichte vom Aufstieg der Shale Gas Förderung in den USA wurde von Teilen der deutschen Industrie und den Medien gefeiert wie der Schokoladenhase vom Kleinkind. Lächerliche Zahlen von angeblich für 100 Jahre ausreichende Reserven wurden herumgereicht. Um welche Art der Reserven es sich handelte, dafür interessierte sich kaum jemand. Für manchen sind Reserven halt Reserven, proven hin, unproven her. Es kann halt nicht jeder Geologe sein.

Internationale Unternehmen, darunter viele Europäer, wie die britischen Konzerne BP und BG Group, kauften Anteile an Shale Gas Firmen oder leasten Land zur Gasförderung. Viele wollten sich rasch ihren Anteil am Boom des hydraulic fracturing („fracking“) und horizontal drilling kaufen. Bei den meisten dauerte es nicht einmal zwei Jahre bis die Hälfte der investierten Milliarden abgeschrieben werden musste.

Teures Lehrgeld wechselte die Hände, teils auf Grund von Anfängerfehlern. So war es gang und gäbe, Land zu leasen, dass an einen raschen Beginn der Förderung gebunden war. Das war eine ziemlich dämliche Idee, da sich der zu fördernde Rohstoff gerade in einem ausgeprägtren Bärenmarkt befand. Den US-Firmen war das egal, die Leasingraten wurden überwiesen, die Förderkosten übernahm oft der Investor und zudem gab es Royalty-Zahlungen für die geförderten Mengen. Die Investoren mussten fördern, obwohl die Preise so tief waren, dass eine kostendeckende Förderung gar nicht möglich war.

So kam die Aussage des CEOs von Chesapeake, Aubry McClendon, zum Thema womit man eigentlich Geld verdiente als man noch welches verdiente erstaunlich offenherzig daher.

(Chesapeake Business Update Call Q3 2008) „I can assure you that buying leases for X and selling them for 5X or 10X is a lot more profitable than trying to produce gas at $5 or 6$ mcf [million cubic feet]“

Das war 2008. Jeder der diese bemerkenswerte Stellungnahme von der damaligen Nummer eins im Shale-Gas Markt nicht gelesen, nicht ernst genommen oder nicht verstanden hatte und dennoch Milliarden für genau diese Leases ausgegeben hat, sollte sich mit der Eselmütze auf dem Kopf in die Ecke stellen und sich eine Weile schämen.

Letzteres sollten auch Verantwortliche bei der dem Energieministerium unterstellten EIA (Energy Information Agency) tun. Diese hat basierend auf offenbar nicht überprüften Daten des privaten Unternehmens Intek den Mythos von den 100 Jahre haltenden Reserven mit begründet. Intek verwendete seinerzeit teilweise einfach Daten aus Firmenpräsentationen für Investoren. Darunter waren auch die Präsentationen von Chesapeake.



Die Aufgabe einer staatlichen Agentur mit nicht zu knappem Budget sollte es nicht sein, Daten von anderen zu kaufen und diese zu verwenden ohne sie vorher zu prüfen. Die Agentur sollte die Daten selbst erheben und wenn Sie dazu nicht in der Lage ist muss sie die Werte prüfen. Wenn sie sich dazu nicht in der Lage sieht, sollte sie die Daten nicht veröffentlichen und schon gar nicht die Welt mit blödsinnigen Zukunftsvisionen im pdf-Format beglücken.

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Widerspruch gegen die Zahlen der EIA kam aus berufenem Munde. An vorderster Front bemängelten Geologen vom USGS (United States Geological Survey) die Zahlen. Die völlig überhöhten Werte der EIA wurden für die enzelnen Förderregionen untersucht. Für alle Gasfelder zeigten sich drastisch überhöhte Zahlen der EIA. Beispielhaft sei hier das Marcellus Feld erwähnt.

(US Geological Survey) The Marcellus Shale contains about 84 trillion cubic feet [tcf] of undiscovered, technically recoverable natural gas“

Diese 84 tcf sind circa 80% weniger als der Wert, den die EIA meldete. Anstatt eines empörten Aufschreis bei der Energy Information Agency gab man sich angesichts der Zahlen der Geologen geradezu kleinlaut. Hier die Erwiderung der EIA.

(EIA) „We consider the USGS to be experts on this matter. They’re geologists, we’re not. We’re going to be taking this number and using it in our model“

Respekt. So einfach ist ein Schritt, der aufs ganze Land übertragen eine Reservenreduktion von 100 Jahren auf 20 Jahre bedeuten würde. In einem nächsten Schritt sollte die EIA nun ein paar Nutzlos-MBAs gegen Geologen eintauschen.

Angesichts der immer noch nicht ökonomischen Förderung und der immer deutlicher zu Tage tretenden Überschätzung der Shale Gas Kapazitäten in den USA darf man für die Gaspreise in den Staaten langsam wieder optimistisch werden. Die mittlerweile einige Jahre anhaltende Abkoppelung der Preise für Gas in den USA und andernorts lässt das Potential für einen ersten Anstieg erkennen.

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Angesichts der starken Abhängigkeit der US-Stromerzeugung, dem zunehmenden Gasverbrauch aus Industrie und dem gestiegenen Bedarf von Erdgas für das Heizen und Kühlen von Immobilien ist die Nachfrage weiterhin steigend. Vor allem den Stromerzeugern bricht durch die Regulierung die Alternative Kohle weg. Anziehende Gaspreis werden umgehend auf die Erzeuger und auf die Konsumenten durchschlagen.

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Gleichzeitig beginnt die mittlerweile abnehmende Förderung durch auslaufende Leasingverträge, Insolvenzen und ausbleibende Gelder nicht-amerikanischer Investoren zu wirken. Man darf gespannt sein, wie stark die Preisspitzen ausfallen werden, wenn diejenigen aufwachen, die derzeit noch selig ihren Traum vom billigen Gas träumen. Eingedenk des weit verbreiteten, medial befeuerten recht tumben Sentiments muss man wohl einer sehr schmerzhaften Überraschung am Gasmarkt ausgehen. Es ist an der Zeit aufzuwachen.

Frühere Beiträge zum Thema Shale Gas/Fracking
Der Mythos vom billigen US-Gas (I)
Der Mythos vom billigen US-Gas (I)
Ein Gasverkäufer namens Barrack
Pumpen bis nix mehr kommt



 

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4 Kommentare auf "Fracking-Träumer aufgewacht"

  1. Thomas sagt:

    Nach all den Jahren sieht das Bankhaus tatsächlich eine Anlageklasse positiv. Ich bin begeistert und gehe All-in 🙂

  2. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Thomas,

    haha, vielen Dank für die Blumen. Aber Anlagetipps dürfen und wollen wir natürlich nicht geben. Falls Sie wirklich tätig werden wollen, verlieren Sie die Terminkurve nicht aus dem Auge.

    Generell beurteilen wir nie Anlageklassen generell. Es geht uns lediglich um die Mischung aus Bewertung und Qualität. Nicht umsonst hieß es einst in den Heirats-Annoncen im ländlichen Raum „ab 40 Hektar ohne Bild“.

    Mancher Leser hat unsere Artikel schon als „bärisch“ klassifiziert, aber das ist gar nicht unser Punkt. Weder freuen wir uns wenn der Markt steigt, noch lachen wir hämisch wenn er fällt. Aber wenn etwa Bergbauunternehmen in schweres Fahrwasser geraten, was früh zu erkennen war, dann macht es keinen Sinn, sich die Lage schönzureden. Basismetalle, Minen, „Mittelstandsanleihen“ und manch anderes Elend zeigt mal wieder, dass manchmal der Gewinn im Auslassen vermeintlicher Gelegenheiten (oder im shorten) liegt.

    Bemerkenswert finden wir es immer wieder, wie die Marktbeobachter Probleme in einem Sektor sehen, sie für andere aber ausschließen, weil der Preistrend noch nach oben zeigt. Aber so ist der Mensch, Unfälle haben auch immer nur die anderen und aus dem Aktienmarkt steigen auch ALLE aus, wenn man die Probleme sieht. Klappt zwar nie, aber man darf ja nie aufgeben 😉

    Der Bus, der gerade am Aktienmarkt an mancher Haltestelle vorbeigetuckert ist, wird an so mancher noch einmal vorbeikommen. Dann allerdings schneller und in die andere Richtung.

    Ihnen jedenfalls viel Erfolg, egal ob Sie am Terminmarkt aktiv werden, nichts tun oder einfach mal ein paar hundert Grillgasflaschen auf Vorrat kaufen. Dann schaut sicher auch der BND auf eine Wurst vorbei 😉

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

    • Thomas sagt:

      Guten Abend Bankhaus Rott!
      Da ich, zumindest was Edelmetalle angeht, eher ein Habich(t) bin, hatte ich tatsächlich über Gasflaschen nachgedacht. Ich dachte, ich bin schlau und gehe auf jeden Fall nicht zur Außenstelle des BND, den Baumarkt Hornbach. Scheinbar reicht das nicht.
      Dann nicht. Ich warte also weiter auf den Bus. Vielleicht haben Sie ja in gefühlten 5 Jahren wieder einen positiven Bericht für mich 🙂 .
      Grüße

      • Bankhaus Rott sagt:

        Hallo Thomas,

        hm, das ist natürlich schade, dann bleibt nur Kohle oder Bratwurst-Sushi 🙂

        Das schöne ist ja, das Warten auf den Bus kostet nichts. Manchmal lernt man sogar etwas dabei. Denn hat nicht kürzlich erst die Bahn gezeigt, wie fies die Deflation ist? Mehr Fahrzeit für die gleiche Strecke und für das gleiche Geld! Und wenn die Fahrt zulange dauert gibt es sogar noch etwas zurück! Wenn das nichts ist. Da kriegt man noch was für sein Geld. Leider lässt sich auch daraus kein Trade ableiten …

        Beste Grüße
        Bankhaus Rott

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