Folgen der Russlandkrise

20. Dezember 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Wirtschafts- und Finanzsanktionen gegenüber Russland richten große Schäden an. Doch der Westen scheint mit ihnen nicht den politischen Zielen, die er erreichen will, näherzukommen…

Es ist unklar, ob es allein der fallende Ölpreis und die Handelsrestriktionen sind, die Russland unter Druck setzen. Vermutlich bringen vor allem die finanziellen Sanktionen, die die USA erlassen haben, das Land in arge Bedrängnis.

Im Zuge ihrer „Financial Warfare“ haben die USA russische Banken und Firmen zusehends von den internationalen Aktienmärkten abgeschnitten, vor allem von den ausländischen Kreditmärkten: Eine Reihe von russischen Unternehmen erhält keine langfristigen Kredite mehr und ist zusehends auf kurzfristige Kredite (30-Tage-Laufzeit) angewiesen. Dies wiederum dürfte zusätzlich zu den verringerten Öleinnahmen die finanzielle Position Russlands und das dem Land entgegengebrachte Vertrauen schwächen und letztlich zu Kapitalflucht führen.

Russische Unternehmen haben derzeit Auslandschulden in Höhe von etwa 422,4 Mrd. US-Dollar, Banken in Höhe von 192,0 Mrd. US-Dollar. Dem standenEnde November frei verfügbare Fremdwährungsreserven des Staates in Höhe von gut 360 Mrd. US-Dollar (ohne Goldbestände) zur Verfügung.

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Mitte 2014 waren 60 Prozent aller Auslandsschulden in US-Dollar denominiert, 11 Prozent in Euro und 26 Prozent in Rubel. Sollten russische Banken und Unternehmen nicht in der Lage sein, ihre Auslandsverbindlichkeit wie vereinbart zu zahlen, drohen den Haltern der von ihnen emittierten Papiere – Kapitalsammelstellen in Europa und den USA und anderswo auf der Welt – Verluste, die letztlich die Sparer zu tragen haben. Zudem wären Vertrauensverluste in den weltweiten Kreditmärkten denkbar, die sich zu einer „Kreditkrise“ auswachsen könnten. Kapital würde zusehends aus den ‚Emerging Markets‘ abgezogen und Kreditfinanzierungsprobleme in den betroffenen Ländern auslösen; zu denken wäre etwa an die Türkei, Brasilien und Südafrika.

Nicht zuletzt hängt Europas Energieversorgung an Russland. Für Deutschland etwa sind Öl und Gas die Hauptenergieträger mit einem Anteil von zusammen 55 Prozent am Gesamtenergieverbrauch. Russland ist Hauptlieferant und stellt jeweils etwa ein Drittel des Bedarfs bereit. Lieferstörungen können weitreichende Wirtschaftsschäden nach sich ziehen, gerade natürlich für die deutsche Wirtschaft.

In einer eng vernetzten internationalen Arbeitsteilung ist das wirtschaftliche Wohlergehen eines jeden Teilnehmers im Interesse aller. Die Wirtschaftssanktionen, die gegen Russland erlassen werden, führen zu einer Schädigung aller Beteiligten:

Der russischen Bevölkerung gehen Arbeitsplätze und Einkommen verloren, ihre Versorgungslage verschlechtert sich. In Europa, insbesondere Deutschland, werden ebenfalls Produktion und Beschäftigung leiden, und zudem wird die Handlungsfreiheit der Konsumenten und Unternehmen eingeschränkt. Für den Westen könnte es schwierig werden, seine Sanktionen gegenüber Russland aufrecht zu erhalten, sollten sie zu noch größerer Not in der russischen Bevölkerung führen. Es wäre dann sogar denkbar, dass die Sanktionen aufgehoben werden (müssen), ohne dass es zu Konzessionen von russischer Seite kommt. Die ökonomische Einsicht würde obsiegen: Wirtschafts- und Finanzsanktionen sind nicht geeignet, um politische Ziele durchzusetzen und führen in jedem Fall zur Schädigung aller Betroffenen.

Ein Blick auf die weltweite Finanz- und Wirtschaftslage lässt eine wachsende Zahl von Risikofaktoren erkennen, die sich belastend für den Euroraum erweisen könnten. Der gefallene Ölpreis (in US-Dollar gerechnet) senkt die Rechnung der ölimportierenden Länder und erhöht so die verfügbare Kaufkraft von Bürgern und Unternehmen.

Dem steht gegenüber, dass die ölexportierenden Länder (soweit sie keine größere Ölmenge absetzen) nun weniger Einnahmen haben und folglich ihre Nachfrage nach Auslandsgütern einschränken. Weltwirtschaftlich kommt es folglich zu einem Umverteilungseffekt: ölimportierende Länder gewinnen, ölexportierende Länder verlieren. Wie der Netto-Effekt auf die Weltwirtschaft ausfällt, ist ungewiss.

Vor allem in der kurzen Frist, denn der stark gesunkene Ölpreis verursacht Anpassungskosten. Etwa in der US-amerikanischen Fracking-Industrie, wenn Investitionsprojekte sich nicht mehr rechnen und eingestellt werden müssen. Oder in Form einer verschlechterten Haushaltslage, etwa in den arabischen Ländern, in denen Öleinnahmen die Quelle sind, um insbesondere sozialbefriedende Transferzahlungen zu bestreiten.

Obwohl der gesunkene Ölpreis tendenziell einen (leicht) positiven Netto-Effekt auf die Weltwirtschaft haben sollte, hat sich das internationale Konjunkturumfeld dennoch in den letzten Wochen eingetrübt.

Die chinesische Wirtschaft scheint sich weiter zu verlangsamen – wie es sich beispielsweise in fallenden Häuserpreisen, aber auch in einer nachlassenden Nachfrage nach Rohstoffen (wie vor allem Eisenerz und Kupfer) zeigt.

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Die japanische Wirtschaft hat sich auf eine „QE-Politik“ eingelassen, doch die erhofften Erfolge bleiben aus. Die Fortsetzung der QE-Politik macht Japannun zum internationalen Stabilitätsrisiko.

Mittlerweile werten die Wechselkurse vieler ‚aufstrebender Volkswirtschaften stark ab – ein Zeichen des abnehmenden Vertrauens der Investoren in die Wachstumsaussichten dieser Regionen… (Seite 2)



 

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9 Kommentare auf "Folgen der Russlandkrise"

  1. Venus sagt:

    Ironie des Schicksals oder viel Spaß beim Baden
    http://www.vineyardsaker.de/russland/sanktionen-aussitzen-versteckte-gewinne-einstreichen/#comments
    Ganz so dramatisch ist es nicht, wenn man sich diese Fundamentaldaten zum russischen Energiesektor anschaut.
    Die Russen werden Ihre Probleme lösen.
    Vieleicht pikanter, als man vermutet.

    Bei der EU habe ich meine großen Zweifel.
    Wenn die Russen z.B. aus dem ISS-Programm aussteigen, haben die Europäer ein großes Problem.
    Steinmeier und Co. bekommen langsam kalte Füße, denn es gibt immer eine Zeit nach den Sanktionen.
    PS.: Die illegitimen Sanktionen gegen Russland widersprechen den WTO-Regeln!

    • Eber sagt:

      Besten Dank, Venus, für den tollen Link zu „The Vineyard Saker“ !!! – kannte ich noch nicht, obwohl ich ständig nach neuen, von den Mainstreamern unabhängigen Quellen suche.

      Auf die Schnell habe ich dort jetzt nur diesen Artikel „Sanktionen aussitzen, versteckte Gewinne einstreichen“ gelesen – sehr interessant!

      Unterschwellig hatte ich schon immer das Gefühl, dass der überall vorher gesagte Absturz Russlands so ganz gewiss nicht kommen kann und wird. Denn Russland kann mit Rohstoffen bezahlen, die überall benötigt werden – die U$A aber nur mit bunt bedrucktem Baumwoll-Papier. Ein kleiner aber wichtiger Unterschied.
      Und das mit dem U$-Fracking-Boom könnte auch ganz schnell zu Ende sein – wie auch die Ölförderung Britanniens: *Dank* dieser genialen U$-Öl-Förderpolitik durch die folgsamen Golf-Staaten, ist „man“ derzeit heftig bemüht, die eigene Öl-Förderung zu ruinieren.

      Wie man las, mussten schon viele kleinere „Fracker“ in den U$A Pleite anmelden und auch die Briten haben in ihrer Nordsee-Ölbranche offenbar bereits jede Menge Leute entlassen müssen.
      Bei beiden lohnt sich die Ölförderung nur ab mindestens 70 U$ – bei den derzeit 50 U$ dürfte der Spuk also bald zu Ende sein. Und wie es der „Saker“ so schön beschreibt, dürfte Russland den längeren Atem haben – sehr zu meiner Freude … Vermutlich haben viele maßgebende Politiker der EU und der U$A außerdem viel zu wenig bis kein Gespür für die russische Seele.

      Ganz zwangsläufig werden die Europäer sehr bald aus ihrem politischen Tiefschlaf erwachen – es wird ein böses Erwachen sein.

  2. bluestar sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Kann man wohl getrost unter der Rubrik Eigentore der EU-Truppe einordnen.
    „Für den Westen könnte es schwierig werden, seine Sanktionen gegenüber Russland aufrecht zu erhalten, sollten sie zu noch größerer Not in der russischen Bevölkerung führen.“
    Diese Vermutung kann ich keinesfalls teilen.
    1.Die Verschlechterung der Lebenssituation der Russen ist DAS Ziel der Sanktionen. Schließlich hofft man doch auf Unzufriedenheit und Widerstand in der einfachen Bevölkerung, welche sich dann in Proteste ausweiten könnten. Dann gibt es ja auch Chancen auf eine farbige Revolte.
    2. Seit wann interessieren sich EU-Bonzen für die Lebenssituation von Menschen ? Nicht einmal in den eigenen Protektoraten ist Not der Menschen von Bedeutung, solange die eigene Macht nicht gefährdet ist. Ein Blick nach Spanien genügt, da wird wohl kein normaler Russe dauerhaft leben wollen…
    3. Mittlerweile wurde ja die Krim mit einer totalen Wirtschaftsblockade belegt, weil sich die dort lebenden Russen klar gegen die CIA-Junta in Kiew entschieden haben.
    Soviel zum Thema Menschenliebe und Demokratieverständnis des Westens.

  3. cubus53 sagt:

    Der Freihandel mit Kanada (CETA) und den USA (TTIP) wird uns in der globalisierten Welt als „alternativlos“ verkauft, aber Sanktionen gegen Russland gehen schon. Frau Merkel sagt zu TTIP „Niemand wartet auf uns“. Putin auch nicht.

  4. Michael sagt:

    Gäbe es einen Sender wie Europe Today so wäre seine Abkürzung sehr aussagekräftig. Wer wohl jetzt wen anruft? Mama nach Hause telefonieren – oder wie war das nochmal?

    https://www.youtube.com/watch?v=R_YZuYESaoo

  5. Umlandt Gerhard sagt:

    Offener Brief an den Herrn Präsidenten Putin
    und die Russische Führung

    Es gibt ja dieses Video von Nikolai Starikov über das russische Zentralbankensystem in dem erklärt wird, wie das russische Finanzsystem “funktioniert”, nämlich so, daß Russland kein eigenes Geld schöpfen kann, sondern sich diesbezüglich dem Klassenfeind Amerika und dessen Zentralbank ausgeliefert hat. Ich hatte bisher die russische Führung für intelligent und nicht dumm gehalten und glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, als ich in diesem Video erfuhr, daß Russland sein Geld nicht selber schöpft, weil “es verboten ist”. Kleinen Kindern verbietet man ja auch, von der Schokolade im Küchenschrank zu naschen! Sogar die russischen Goldreserven scheinen daher, wenn ich dem Video Glauben schenken darf, gar nicht Russland zu gehören(!), da die Russische Zentralbank “nicht Russland unterstellt ist”, sondern der USA und deren Zentralbank der FED, die wie bekannt von Juden kontrolliert wird. Wenn sich dies wirklich so verhält, dann würde ich als USA nicht nur aus der Ukraine den kompletten ukrainischen Goldschatz (42 Kisten) nach Amerika fliegen lassen, wie bereits geschehen, sondern auch den kompletten russischen Goldbestand! Dann erklärt uns sicher hinterher treuherzig ein russischer Finanzexperte, dass die USA und die FED im Recht waren und Russland gar nichts machen konnte, weil die Russische Zentralbank und damit deren Goldbestände gar nicht “Russland unterstellt” sind, sondern den USA und der amerikanischen Zentralbank. Außerdem würde ich als USA der hochintelligenten russischen Führung erklären, daß wenn Atomkrieg ist, daß dann nur Amerika auf Russland schießen und Russland “nicht zurückschießen darf”, weil die russischen Atomraketen “nicht Russland unterstellt” sind, sondern Amerika. Man könnte nun fragen, was sonst noch alles (z.B. die russischen Frauen) nicht den Russen “unterstellt” ist ….
    Mit freundlichen Grüßen
    Umlandt Gerhard

  6. cubus53 sagt:

    (Alternativer) offener Brief an den Herrn Präsidenten Putin und die Russische Führung.

    Ich rate Ihnen, Ihre Goldbestände dazu zu nutzen, den Rubel ab sofort durch Gold zu decken. Damit würden Sie die Schieflage des westlichen Finanzsystems entlarven und einen Run in den Rubel auslösen.

    Mit freundlichen Grüßen
    cubus53

  7. bluestar sagt:

    @cubus53
    Zusätzlich könnte man doch auch ab 01.01.2015 Rohstoffe in Rubel verkaufen, oder ?
    Das vom US-Kongress vorgelegte und letzten Freitag von Obama unterzeichnete Gesetz HR5859 (Ukraine Freedom Support Act) ist eine faktische Kriegserklärung an Russland.
    Logisch, dass das in den „unabhängigen“ Qualitätsmedien Deutschlands kaum erwähnt wurde.
    Ich weis nicht, auf was die im Kreml noch warten, aber die Situation wird nicht besser und in der Ukraine träumt man ja auch schon offen vom Krieg gegen die Krim…

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