Fluchtversuch ins Patt. Oder: Wie die Italiener auch in schwieriger Lage Humor bewiesen haben.

28. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(vom Smart Investor) Spät ist es heute geworden mit Ihrem Smart Investor Weekly (SIW) und das hat einen guten Grund. Weder der Starkbieranstich am Nockherberg noch das DFB-Viertelfinale Bayern gegen Dortmund hielten uns ab, sondern EZB-Präsident Mario Draghi, der heute Abend an der Katholischen Akademie in Bayern Grundsätzliches vortrug…

Die einführenden Worte zu den Lebensstationen Draghis sprach „Mister Euro“ Theo Waigel. Draghis Gastspiel bei der US-Investmentbank Goldman Sachs blieb dabei allerdings unerwähnt, obwohl doch genau dieses immer wieder Anlass zu Kritik und Spekulationen gab.

Zwar erkannte Draghi die grundsätzlich wohlstandsstiftende Wirkungsweise von Märkten an, auffällig oft betonte er aber deren Unzulänglichkeiten und Versagen angesichts der Schuldenkrise. Dieser Punkt ist deshalb von zentraler Bedeutung, weil sich daraus praktisch alle Schritte der beschleunigten EU-Integration und Regulierung ableiten. Dabei ist Marktversagen als Krisenursache bislang nicht mehr als eine Hypothese, freilich eine politisch hochwillkommene. Was Draghi sonst noch so erzählte erfahren Sie in Smart Investor 04/2013.

Diesmal zum Glück noch Komiker

Mit den Wahlen in Italien beherrscht ein anderes „italienisches Thema“ derzeit die Schlagzeilen. In deutschen Redaktionsstuben weiß man in der Regel sehr viel besser als in den betroffenen Ländern selbst, welches der „richtige“ Kandidat einer Wahl ist.

Die US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen Jahr illustrierten das augenfällig, als der weitestgehend glücklos agierende Barack Obama im Vorfeld der Wahl erneut zu einer Art „Messias“ stilisiert wurde. Gegenkandidat Romney wurde dagegen als unverbesserlicher Hinterwäldler abgestempelt. Die hierzulande veranstalteten Umfragen fielen mit Zustimmungsraten von teilweise mehr als 90% für Obama entsprechend eindeutig aus. Tatsächlich gewann Obama aber lediglich mit nur etwa 51% der abgegebenen Stimmen.

Selbst für ein solches Missverhältnis ist man um Ausflüchte nicht verlegen – die Amerikaner sind halt einfach noch nicht so weit wie wir in Europa. Dabei war die Fehleinschätzung kein amerikanisches, sondern ein deutsches/europäisches Phänomen. Zum einen lassen die Europäer gegenüber typisch amerikanischen Themen (beispielsweise Waffen) die sonst beschworene Kultursensibilität gänzlich vermissen. Zum anderen folgt auf eine einseitige Information selten ein differenziertes Urteil – schon gar nicht auf die Ferne.

Nun also Italien: Silvio Berlusconi gilt in deutschen Redaktionen bestenfalls als Fossil, in der Regel aber wenig schmeichelhaft als „lächerlicher Politik-Clown“ (bild.de). Der ehemalige Komiker Beppe Grillo, der bei der Wahl ebenfalls kräftig abräumnen konnte, hatten zudem hierzulande im Vorfeld nur wenige als ernsthafte Kraft auf der Rechnung. Als sich für keinen der EU-Wunschkandidaten ein leichter Sieg abzeichnete, wurde die „Aufklärungsarbeit“ hierzulande intensiviert. Ministerpräsident Mario Monti, der sich erstmals(!) zur Wahl stellte, rettete das nicht mehr – er fiel mit Pauken und Trompeten durch.

Stattdessen wurde der farblose Pier Luigi Bersani unvermittelt zum „Held, der keiner sein will“ (spiegel.de) hochgejubelt. Angesichts des vollkommen unattraktiven Kandidatenfeldes machten die Italiener aber noch das relativ Beste aus der Situation und wagten den Fluchtversuch in ein politisches Patt. „Unser Europa“ reagierte prompt, wobei die Wählerschelte durch ausländische Medien und Politiker(!) nur bestätigte, was man aus der EU nicht anders kennt – mangelndes Demokratieverständnis. Respekt vor dem Votum des italenischen Volkes? Fehlanzeige.

Auch das italienische Establishment zeigt die Zähne: Angedroht wurden Neuwahlen, voraussichtlich so lange, bis das Ergebnis passt, oder praktischerweise gleich eine Änderung des Wahlrechts. Dabei haben die Italiener keine Radikalen, sondern Komiker und Clowns in das Parlament gewählt, was vor dem Hintergrund der Schmierenkomödie die seit Jahren um den Euro aufgeführt wird, eine adäquate und geradezu sympathische Reaktion war. (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Fluchtversuch ins Patt. Oder: Wie die Italiener auch in schwieriger Lage Humor bewiesen haben."

  1. wolfswurt sagt:

    Marktversagen?

    Versagt hat hier der Verstand von Draghi&Co, welcher eben jenen Markt, der durch Baisse und Rezession Blasen bereinigen würde, durchregulieren möchte.

    Draghi und Konsorten haben nicht mehr alle Tassen im Schrank.
    Der richtige Aufenthaltsort für jene wäre die Anstalt für psychisch Geschädigte.

  2. FDominicus sagt:

    Ok mein ironischer Kommentar ist nicht durchgegangen. So sei es denn. Fasse ich einfach mal kurz zusammmen.
    – es gibt keine „einfachen“ Mehrheiten
    – daher können die Italiener „leider“ im Augenblick nicht regiert werden.
    – was mindestens bis zu nächsten ober übernächsten Wahl so bleibt.

    Kurz: Die Italiener haben Glück gehabt und weise
    entschieden. Jede Regierung hätte sicherlich neues Ungemach bedeutet. Aber wie es mit schönen Dingen so ist. Die guten Dinge halten meist nicht so lange vor.

    Und dann werden wir lernen wie „alternativlos“ die Euro Zone sein wird.

  3. Reiner Vogels sagt:

    Die Wahl war ein großer Tag für Europa.

    Verloren haben Goldman Sachs, die Nomenklatura der EUdSSR, Angela Merkel, zentralistische Planwirtschaft, die Missgeburt Euro und der Größenwahn der EU-Kommission.

    Gewonnen haben die Demokratie und das italienische Volk, das Selbstbestimmungsrecht der Bürger Italiens und die marktwirtschaftliche Vernunft.

    Es ist zu wünschen, dass sich insbesondere die marktwirtschaftliche Vernunft weiter Bahn bricht und also der Euro Schritt für Schritt auf dem Müllhaufen planwirtschaftlicher Idiotien landet.

    Die Krisenstaaten Europas befinden sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise, also nunmehr seit fast vier Jahren, in einer sich selbst beschleunigenden Todesspirale, die durch das Zwangskorsett der für sie viel zu starken Einheitswährung bestimmt wird. Daraus resultieren Handelsbilanzdefizite, Überschuldung, staatliche Austeritätspolitik und in der Folge davon der Absturz in die wirtschaftliche Depression. Die Italiener sind nicht bereit, diesen Weg weiter zu gehen. Gut so!

    Wenn z.B. Griechenland vor drei Jahren zu einer eigenen Währung zurückgekehrt wäre, einen Schuldenschnitt erzwungen hätte und den wirtschaftlichen Neustart mit eigener Währung gewagt hätte, stünde heute viel besser da. Früher oder später muss und wird es dazu kommen.

  4. M.Schmidt sagt:

    Italienischer Komiker!?

    Ich glaube, von dem könne wir einiges lernen, denn der hat Vieles begriffen.

    Hier ein Link, den ich heute aus Italien bekommen habe:

    http://www.geolitico.de/2013/02/28/ein-steinbruck-ist-das-mas-zwischen-zwei-fettnapfchen/

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