Fliegenmaden – die genialen Mikrochirurgen

29. Oktober 2011 | Kategorie: Aufgelesen

von Hans-Jörg Müllenmeister

Auf der Ekelskala bewegen sich Maden der Schmeißfliegengattungen Lucilia und Calliphora an vorderster Front. Bei chronischen Geschwüren und komplizierten Wunden sind sie aber die Helfer in aller höchster Not. Vor allem Diabetiker, aber auch Patienten mit Brand- und Operationswunden profitieren von den reinigenden Kräften der wuselnden Geister…

Maden reinigen Wunden schnell, gezielt und gründlich, beschleunigen aber nicht ihre Heilung. Sogar Krankenhauskeime wie multiresistente Staphylokokken beseitigen sie, die gegen alle Antibiotika unempfindlich sind. Dabei gehen Maden mit ihren sensiblen Freßwerkzeugen gezielter vor als ein geschickter Mikrochirurg, denn sie unterscheiden beim Fressen gesundes Gewebe – das sie nicht wegraspeln – von schwärendem oder nekrotischem Gewebe.

Nützliche Maden haben eine lange Geschichte

Wie so oft, nutzten Naturvölker intuitiv die Möglichkeiten der Natur: Schon die Aborigines und Mayas setzten Maden zur Wundreinigung ein. Die ersten europäischen Berichte über die heilsame Wirkung stammen aus den Napoleonischen Kriegen. Im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 bis 1865 beließen Militärärzte aus Erfahrung Maden bewusst in den Wunden. Auch in den Weltkriegen zeigte sich, dass besonders beim Austreten von inneren Organen nach Bauchschüssen diejenigen Soldaten im Feld überlebten, deren Wunden von Schmeissfliegenlarven befallen waren. Jahrzehnte vergingen, bis ein amerikanischer Orthopäde und Chirurg über die guten Erfolge mit der Madentherapie bei Knochenentzündungen, also Osteomyelitis berichtete, und er machte erneut die kleinen Kollegen ohne Kittel und Doktortitel populär.

Wiederentdeckte Madentherapie

Antibiotika verdrängten von 1940 an Substanzen wie Kolloidales Silber und die Madentherapie. Erst zunehmend beobachtete Resistenzen und die Misserfolge beim Behandeln chronischer Wunden führte vor rund zwanzig Jahren zu einem Wiedererinnern an die gute alte Made.

1996 fand ein Kongress zum Thema Wundbehandlung statt. Erneut rückten Maden als Wundreiniger ins Blickfeld der Ärzte. Das Vorurteil, Maden seien schmutzig, weil sie von faulem Gewebe leben, revidierte man gründlich. Sie nützen dem Kranken weitaus mehr als das sie ihm schaden, denn sie reinigen mit ihren Sekreten die Wunde. Besonders Wunden an Beinen von Rauchen und Diabetikern, anhaltende Oberschenkelknochen-Entzün­dungen und entzündliche Bauchwunden lassen sich durch Maden erfolgreich therapieren.

Maden im Biosack

Heute züchtet man zur Wundbehandlung die Tierchen speziell in keimfreien Labors und näht die Larven in Säckchen ein, den sogenannten Biobags. Die Maden können gerade noch ihren Kopf zum Fressen durchstecken und die keimtötende Substanz abgeben, aber nicht beliebig in der Wunde herumkriechen.

Die Madentherapie dient dem Reinigen einer Wunde von abgestorbenem Gewebe – dem Debridement,  also auch Wundsekreten und allen Auflagerungen wie Schorf, einschließlich Bakterien, die den Heilungsprozess behindern. Es gibt Wunden, etwa zwischen den Zehen bei Diabetikern, wo man schlecht die Grenze zum gesunden Gewebe ausmachen kann. Hier sind Maden ebenfalls hilfreich. Als Nekrophagen sind sie auf totes Gewebe spezialisiert.

Entweder bringt man fünf bis acht „Freiläufer“ pro Zentimeter direkt auf die Wunde oder man legt sie eben verpackt in besagte Beutelchen auf die Wunde. Die Durchlässigkeit dieser Biobags ermöglicht es einerseits, dass die Maden Sekrete in die Wunde abgeben können; sie gestatten andererseits, dass die Wundflüssigkeit zur Ernährung der Maden zurück in den Beutel führt… (Seite 2)

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2 Kommentare auf "Fliegenmaden – die genialen Mikrochirurgen"

  1. Silberzehner sagt:

    Sehr interessant, vielen Dank für den Artikel.
    Muss mich gleich mal auf die Suche nach einem entsprechenden Buch machen…

    Edit: Und das habe ich bei Wikipedia gefunden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Madentherapie

  2. Silberzehner sagt:

    Und nochmal ich:
    Für die ganz harten unter Euch noch ein Video mit „Freiläufern“:
    http://www.oval-film.com/ekelhaftgesund/filmfenster/maden/maden_behandlungfreilaeufer.htm

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