Fiskalpolitik: ‚Keynesianer‘ versus ‚Austrians‘

5. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

„Fear the Boom and Bust“ ist ein YouTube-Video aus dem Jahr 2010, produziert von John Papola und Russ Roberts. Es geht darin um die Theoriekontroverse „Keynes versus Hayek“ – künstlerisch aufbereitet als Hip-Hop-Rap-Song.

Hier möchte ich mit meinem Referat anknüpfen, nicht musikalisch, sondern inhaltlich. Ich möchte zentrale keynesianische Positionen, die in der Mainstream-Volkswirtschaftslehre vorherrschend sind, einer kritischen Betrachtung unterziehen.

Das soll aber nicht aus Sicht der Lehre, die Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) vertritt, geschehen, sondern aus der Sicht der Erkenntnisse, die Ludwig von Mises (1881 – 1973) anbietet.

Mises ist der Auffassung, dass die Nationalökonomie sich widerspruchsfrei nur als Lehre des menschlichen Handelns – als apriorische Handlungswissenschaft – begreifen lässt, die er selbst als Praxeologie bezeichnet.[1]

Hayek folgt Mises in diesem Punkt nicht. Hans-Hermann Hoppe bezeichnet Hayeks wissenschaftliche Methode als Ultra-Subjektivismus – und so gesehen übt Hayek quasi einen Schulterschluss mit der wissenschaftlichen Methode, die die Hauptstrom-Volkswirte vertreten.[2]

Ich werde die Kontroverse über die richtige wissenschaftliche Methode in der Nationalökonomie aber an dieser Stelle nicht weiter thematisieren.

Nur so viel sei betont: Die Unterschiede in den theoretischen Positionen, die zwischen Keynesianern (und ‚Hayekianern‘) und ‚Misesianern‘ zutage treten, finden ihre Begründung vor allem in den jeweils angewandten wissenschaftlichen Methoden.

Annahmen

Wie vergleichen sich nun die Positionen der Keynesianer und Austrians mit Blick auf die Fiskalpolitik? Unter Fiskalpolitik sind alle Maßnahmen des Staates zu verstehen, die seine Einnahmen und Ausgaben betreffen.

Für Keynesianer ist die Fiskalpolitik vor allem ein Konjunkturinstrument: Lahmt die Wirtschaft, soll der Staat mit zusätzlichen Ausgaben die Nachfrage und damit Wachstum und Beschäftigung fördern.

In der keynesianischen Theorie werden dabei (mehr oder wenig stillschweigend) einige Annahmen getroffen wie vor allem die folgenden vier:

(1) Die freie Marktwirtschaft ist störanfällig. Daher ist es Aufgabe des Staates, mittels Fiskalpolitik den Wirtschaftsablauf zu glätten – beziehungsweise für Vollbeschäftigung zu sorgen.

(2) Der Staat handelt wie ein wohlmeinender Diktator. Er wird von den Wählern beauftragt, das Gewünschte in die Tat umzusetzen – und der Staat setzt dann alles daran, diesem Auftrag nachzukommen.

(3) Der Staat ist allmächtig: Keynesianer meinen, dass der Staat die Ziele, die er erreichen will, beziehungsweise die er vorgibt erreichen zu wollen, auch erreichen kann.

(4) Staatliches Handeln führt eine Win-Win-Situation herbei: Eine Situation, in der das Gemeinwohl (was immer das auch sein soll) verbessert wird (was jedoch nicht heißen muss, dass dabei alle besser und niemand schlechter gestellt wird).

Diese Sichtweise der Keynesianer teilen die Ökonomen der Österreichischen Schule – in ihrer Misesianisch-liberalen-libertären Ausprägung (die ‚Austrians‘) – nicht beziehungsweise lehnen sie ab.

Um die Position der Austrians besser zu verstehen, sollen ihre Argumente nachfolgend näher betrachtet werden. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Frage: Wie finanziert sich der Staat?

Wie der Staat sich finanziert

Der Staat hat eine (und nur eine) Finanzierungsquelle: Und das sind die Einkommen seiner Bürger, an die er mittels Besteuerung gelangt.

Die Besteuerung kann verschiedene Formen haben: (1) Offene Besteuerung (in Form der direkten und indirekten Steuererhebung), (2) das Aufnehmen von Krediten (was künftige Besteuerung bedeutet), (3) Verkauf von zuvor verstaatlichtem Vermögen (was einer Doppelbesteuerung gleichkommt) und (4) das Inflationieren des Geldes (das ist die Inflationsteuer).

Nehmen wir an, der Staat erhebt eine Steuer auf die Gewinne, die der Unternehmer erzielt (oder, was quasi auf dasselbe hinausläuft, er besteuert die Einkommen der Arbeitnehmer).

Für den Unternehmer ist es fortan weniger lohnend, unternehmerisch tätig zu sein, also Konsumverzicht zu üben, zu sparen und zu investieren.[3] Denn der Grenzertrag seiner Arbeit nimmt ab, und der Grenzertrag der Nichtarbeit (Freizeit) steigt.

Der Unternehmer wird nun mehr konsumieren und weniger sparen und weniger investieren. Die materielle Wohlfahrt der Volkswirtschaft sinkt dadurch, und zwar notwendigerweise (im Vergleich zu einer Situation, in der der Unternehmer nicht besteuert wird).

Das ist ein denknotwendiges Ergebnis. Es folgt aus der Erkenntnis, dass der handelnde Mensch eine Zeitpräferenz hat. Die Zeitpräferenz ist aus dem menschlichen Handeln nicht wegzudenken und sie besagt, dass (1) Gegenwartsgüter höher wertgeschätzt werden als Zukunftsgüter, und dass (2) ein Mehr einem Weniger vorgezogen wird.[4]

Die Steuern vermindern das Einkommen des Besteuerten, und das erhöht seine Zeitpräferenz, und zwar notwendigerweise. Für ihn wird das gegenwärtig verfügbare Einkommen wertvoller im Vergleich zum künftig erzielbaren Einkommen.

Doch nicht nur das. Der Besteuerte will nun auch rascher an die gewünschten Güter gelangen, auch wenn er dazu auf weniger zeitintensive und damit weniger ergiebige Produktionswege zurückgreifen muss.

Die Produktionsleistung sinkt dadurch – und zwar notwendigerweise im Vergleich zu einer Situation, in der er nicht besteuert worden wäre, und in der er ergiebigere Produktionswege gewählt hätte.

Nun könnte man einwenden: Die Produktionsleistung des Besteuerten mag zwar sinken. Aber könnte das nicht aufgewogen werden von den positiven Effekten, die daraus rühren, dass die Steuerempfänger zusätzlich Geld bekommen und es ausgeben?

Es wurde bereits argumentiert, dass die Besteuerung die Produktionsleistung der Unternehmer herabsetzen muss (denn es erhöht deren Kosten, zu sparen und zu investieren und senkt die Kosten des Konsums/Freizeit).

Für Nichtproduzenten, die Netto-Steuerempfänger, wird es hingegen billiger, auf produktive Tätigkeiten zu verzichten. Es wird für sie billiger, auf unproduktive Tätigkeiten auszuweichen, um das Einkommen zu erhöhen.

Sie beauftragen die Regierung, ihnen ein Einkommen zuzuschanzen, das anderen abgenommen wird. Auf diese Weise können sie an Einkommen gelangen, ohne dass sie dafür eine produktive Marktleistung erstellen und bereitstellen müssen.[5]

Unter diesen Umständen muss es zu einem Ansteigen der Zeitpräferenz in der Volkswirtschaft insgesamt kommen. Produzenten und Nichtproduzenten sparen und investieren weniger und konsumieren mehr als im Falle der Nichtbesteuerung. Die materielle Ausstattung der Volkswirtschaft fällt geringer aus, als sie ohne Besteuerung und Umverteilung ausfallen würde.

Damit dürfte deutlich geworden sein, dass die Besteuerung wohlstandsmindernd wirkt, und auch, dass es eine neutrale Steuer nicht geben kann. Immer gewinnen die einen auf Kosten der anderen.

Eine Win-Win-Situation kann der Staat im Zuge einer Besteuerung nicht herbeiführen. Ändert sich das Bild vielleicht, wenn man die staatliche Konjunkturpolitik (die andere Seite der Fiskalpolitik) in die Betrachtung einbezieht?

Sind staatliche Konjunkturprogramme akzeptabel in Zeiten der Rezession-Depression?

Nehmen wir an, die Volkswirtschaft befindet sich in einer Rezession-Depression (einer Unterbeschäftigung). Ist es da hilfreich, wenn der Staat zu nachfragewirksamen Ausgabenprogrammen greift, um die Wirtschaft anzuschieben?

Keynesianer würden diese Frage mit ja beantworten. Der Grund: Aus ihrer Sicht ist die freie Marktwirtschaft störanfällig, sie verfügt nicht über ausreichende Selbstheilungskräfte, um aus einer Unterbeschäftigungskrise in die Vollbeschäftigung zurückzukehren.

Im 20. und auch 21. Jahrhundert hat es zweifelsohne mehr oder weniger große „Krisen“ gegeben. Zu nennen sind zum Beispiel die deutsche „Hyperinflation“ 1923, die „Große Depression“ 1929 – 1933, die „Große Inflation“ in den 1970er und 1980er Jahren in den USA und anderswo, die Asien- und Russland-Krise 1997/1998, das Platzen des „New Economy Booms“ 2000/2001 und die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009.

Doch reichen solche Verweise aus, um daraus auf eine Instabilität der freien marktwirtschaftlichen Ordnung schließen zu können?

Um diese Frage zu beantworten, muss man fragen: Was waren die Ursachen dieser Krisen? Nun, alle diese Krisen waren in der einen oder anderen Weise verursacht durch staatliche Eingriffe in den freien Markt. Sie bezeugen in keiner Weise das Versagen der freien Marktwirtschaft! Die vermeintliche Instabilität der freien Marktwirtschaft ist vielmehr ein von marktfeindlichen Kreisen gehegter Mythos.

Was aber auch immer die Ursache der Unterbeschäftigung im Einzelnen sein mag (ob sie Folge einer Naturkatastrophe oder eines geplatzten Spekulationsbooms ist), für unsere Überlegungen ist das Folgende wichtig:

Eine Unterbeschäftigung stellt sich nur dann ein, wenn die Preise der angebotenen Konsum- und/oder Produktionsgüter zu hoch sind, wenn die Löhne, die zur Erzeugung der Güter zu zahlen sind, zu hoch sind.

Produzenten werden ihre Waren nicht los, häufen Lagerbestände an, wenn sie nicht bereit sind, die Verkaufspreise so weit zu senken, bis die Ware Nachfrager findet.

Arbeitnehmer müssen bereit sein, für einen niedrigeren Lohn zu arbeiten, ansonsten bleiben sie arbeitslos.[6]

Nehmen wir an, die Wirtschaft befindet sich in einer Unterauslastung. Um die Wirtschaft zu beleben, erhöht der Staat die Nachfrage im Bausektor (in dem die Lage besonders trüb ist).

Die zusätzliche staatliche Nachfrage verhindert, dass die Preise der Güter, die die Bauindustrie anbietet, zurückgehen; die Preise werden auf ihrem (offensichtlich) überhöhten Niveau gehalten oder vielleicht noch weiter in die Höhe getrieben.

Die staatliche Nachfrage verhindert, dass die Bauunternehmen sich an die geänderten Nachfragebedingungen anpassen; möglicherweise wird der Bausektor sogar noch weiter aufgebläht.

Die Ressourcen, die die staatliche Nachfrage in die Bauindustrie lenkt, entgehen anderen Sektoren. Beispielsweise sinken Produktion und Beschäftigung in der Automobilindustrie, weil sie für ihre Inputgüter nunmehr höhere Preise bezahlen muss – im Vergleich zu einer Situation, in der der Staat die Güternachfrage zu Gunsten der Bauwirtschaft nicht ausgeweitet hätte.

Wir erkennen: Sollte es der Keynesianischen Fiskalpolitik gelingen, die Produktions- und Beschäftigungssituation vor dem Einbruch zu bewahren, so ist das nur möglich, wenn die einen (per Umverteilung) besser gestellt werden auf Kosten der anderen.

Die Sache mit dem „Multiplikator“

Aus keynesianischer Sicht sind alle Produktions- und Beschäftigungsprobleme Ausdruck der Tatsache, dass die effektive Nachfrage zu gering ist. Die keynesianische Theorie geht davon aus, dass alles, was nachgefragt wird, auch produziert werden kann. Im keynesianischen Theoriegebäude ist die Knappheit damit überwunden – das Knappheitsproblem ist eliminiert!

Wenn das nicht schon ausreicht, um die keynesianische Theorie beiseite zu legen, soll eine weitere Kritik an ihr vorgetragen werden. Sie richtet sich gegen den sogenannten Multiplikator.[7] Damit ist die Idee gemeint, dass eine zusätzliche staatliche Ausgabe die gesamtwirtschaftliche Nachfrage um ein Vielfaches der Ausgabe anwachsen lässt.

Der Multiplikator lässt sich wie folgt formalisieren:

Der linke Ausdruck der Gleichung zeigt den Zuwachs des Einkommens (dY) als Folge einer zusätzlichen Staatsausgabe (dG). Die rechte Seite zeigt den Multiplikator, wobei c die marginale Konsumneigung ist. Sie zeigt, dass von jedem Einkommen c Euro konsumiert werden.

Gibt der Staat beispielsweise 1 Euro zusätzlich aus, so steigt in der „ersten Runde“ die Nachfrage um 0,8 Euro, in der zweiten Runde um 0,64 Euro (also 0,8 x 0,8), in der dritten Runde 0,512 Euro und so weiter. Der Multiplikator beträgt also 5.

Das klingt verführerisch: Der Staat gibt 1 Euro aus, und daraus erwächst in wundersamer Weise ein Einkommen in Höhe von 5 Euro! Was ist davon zu halten? Auf was es bei dieser Betrachtung ankommt, ist den richtigen Vergleich zu ziehen.

Es ist nicht entscheidend, ob die zusätzliche Staatsausgabe eine Einkommensmehrung bewirkt. Entscheidend ist, wie sich diese Einkommensmehrung vergleicht mit einer Situation, in der keine solche Ausgabe getätigt wird.

Ein solcher Vergleich kommt zu einem eindeutigen Ergebnis. Wie bereits argumentiert, muss der Staat, wenn er etwas ausgeben will, es vorher jemandem wegnehmen. Wegnehmen kann er nur den Produktiven: den Unternehmern oder Arbeitnehmern.

Besteuert man Unternehmer oder Arbeitnehmer, steigt deren Zeitpräferenz. Sie sparen und investieren weniger und konsumieren mehr, und die Güterproduktion nimmt ab (im Vergleich zur Situation, in der nicht besteuert wird). Und gleichzeitig steigt auch die Zeitpräferenz der Steuerempfänger an.

Dass eine Staatsausgabe die Güterproduktion per Multiplikatoreffekt vermehrt (gegenüber einer Situation, in der die Staatsausgabe ausbleibt und die Menschen über ihr Einkommen selbstbestimmt verfügen können), ist daher ein theoretischer Fehlschluss…  (—> Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Fiskalpolitik: ‚Keynesianer‘ versus ‚Austrians‘"

  1. AblaBix sagt:

    „Was waren die Ursachen dieser Krisen? Nun, alle diese Krisen waren in der einen oder anderen Weise verursacht durch staatliche Eingriffe in den freien Markt“

    Krisen wurden und werden meist immer durch die Geldpolitik der Zentralbanken herbeigeführt…man beachte mal die verdächtigen Zinsänderungen der Fed immer kurz vor allen genannten Krisen.

    Übrigens:
    Man hatte Keynes nicht widerlegen können und hätte jede Auseinandersetzung mit seinen Ideen verloren. Also bestand der Trick der VWL seither darin, Keynes völlig zu verfälschen und den Studenten einen verfälschten Keynesianismus zu lehren, von der Neoklassischen Synthese bis zur aktuellen Neuen Keynesianischen Makroökonomie, die weder neu ist noch die Erkenntnisse von Keynes enthält.

    Damit hat die VWL ihr Ziel erreicht, unter Studenten wie Publikum die maximale Verwirrung zu stiften und für den ganzen Unsinn auch noch Keynes verantwortlich zu machen. Es gibt nicht umsonst und grundlos fast keinen Anhänger der wirklichen Erkenntnisse von Keynes an den Universitäten, die werden mit Erfolg bekämpft und zum Schweigen gebracht.

  2. Michael sagt:

    Jede Ausweitung des Einflusses der öffentlichen Hände führt am Ende zu Zeitverschwendung. Das ist der eigentlich bittere Zusammenhang. Bemutterung macht unfrei.

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