Finanzmoloch kontra Euroland

10. Dezember 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Manfred Gburek

Vor einer Woche fiel hier der Begriff „transatlantischer Geldkrieg“, jetzt offenbart sich dieser Krieg mit einer tragikomischen Variante: Großbritanniens Premier David Cameron ist zum EU-Gipfel nach Brüssel gereist, um wie ein Auswechselspieler, den sein Trainer die Bank drücken lässt, ohne dessen Einwilligung aufs Fußballfeld zu rennen und mitzuspielen…

Was Günter Netzer bei Borussia Mönchengladbach 1973 gelang, bleibt dem Briten-Premier verwehrt: Er bekam von Angela Merkel, Nicolas Sarkozy & Co. mit 17 Euro-Ländern und neun EU-, aber noch nicht Euro-Ländern im Rücken die Rote Karte und zog schmollend von dannen, um seine Bockigkeit in London als Sieg feiern zu lassen – den die Briten ihm aber als Niederlage ankreiden.

Ein solches Benehmen ist nur zu verstehen, wenn man das Verhältnis Großbritanniens zu den USA im geschichtlichen Zusammenhang einbezieht: Sie kämpften im 2. Weltkrieg Seite an Seite, zogen gemeinsam in den Irak- und Afghanistan-Krieg und sprechen eine weitgehend gemeinsame Sprache, die international verwendet wird – in den EU-Gremien und als zweite Sprache in den meisten Ländern der Welt, sogar in China, wo man sich zumindest in den Metropolregionen auf englisch ganz gut durchkämpfen kann. Nur gibt es zwischen den USA und Großbritannien einen entscheidenden Unterschied: Die einen sind Weltmacht, die anderen längst nicht mehr.

Wirtschaftlich gesehen ist der Unterschied noch größer: Während die USA trotz der ganz verschiedenen wirtschaftlichen Strukturen der Großräume New York und Los Angeles, Atlanta und San Francisco einen zusammenhängenden Block mit derselben Währung (sogar einer Weltwährung) bilden, ist Großbritannien bezüglich Warenverkehr zwar mit Kontinentaleuropa verbunden, aber bei Weitem nicht so verwachsen wie Deutschland mit Frankreich, Italien oder den Niederlanden.

Ganz zu schweigen vom Britischen Pfund als ehemaliger Weltwährung. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich 1967 vor einem längeren Studienaufenthalt in Cambridge einen recht hohen Betrag Pfund gegen Mark zum Kurs von 1 zu 12 getauscht habe, entsprechend dem Verhältnis von 1 Pfund zu gut 6,12 Euro. Dagegen beträgt das aktuelle Verhältnis nach jahrzehntelanger Pfund-Talfahrt trotz zwischenzeitlicher Aufwärtsreaktionen nur noch 1 Pfund zu 1,17 Euro. Das entspricht einem Verlust der britischen Währung auf der Mark-Euro-Achse von fast 81 Prozent in 44 Jahren.

Dieser Währungsverfall verdeutlicht zunächst die Gegensätze zwischen Großbritannien und Deutschland. Geht man jedoch davon aus, dass Deutschland die führende kontinentaleuropäische Wirtschaftsmacht mit entsprechender Sogwirkung auf andere Euro-Länder bleibt, ist nicht abzusehen, ob die Pfund-Talfahrt jemals nachhaltig zu stoppen sein wird. Erschwerend kommt hinzu, dass die Briten sich im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte immer weniger um ihre Industrie gekümmert und stattdessen lieber einen auf London konzentrierten Finanzmoloch aufgebaut haben, dessen herausragende Aktivität im extrem zyklischen Investment Banking besteht. Kein Wunder also, dass Cameron auf dem Weg nach Brüssel außer dem Nein auf fast alles, was Kern-Europa beschloss, auch ein Papier zur Abwehr der Finanztransaktionssteuer bei sich trug.

Dass in London außerdem die Finanzaufsicht mit dem Namen European Banking Authority (EBA) ihr Unwesen treibt, hat sich mittlerweile ja schon herumgesprochen. Noch nicht ganz aber, dass ihre Bankenstresstests „Anarchie hoch zehn“ sind, wie die Börsen-Zeitung jetzt zu Recht anmahnt. Die Stresstests bescheinigen unter anderem den deutschen Banken Kapitallücken. Das mag im Einzelnen richtig sein, je nachdem, wie die EBA zu einem solchen Ergebnis gekommen ist. Doch beim letzten Punkt hakt es, denn die EBA habe „x-mal ihre Spielregeln frei Schnauze verändert“, merkt der mit dem Bankgeschäft sehr gut vertraute Börsen-Zeitung-Kommentator Bernd Wittkowski an – und stellt die rhetorische Frage: „Zufall oder Politik?“ An Zufälle mag im transatlantischen Geldkrieg ohnehin niemand mehr glauben… (Seite 2)

 

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6 Kommentare auf "Finanzmoloch kontra Euroland"

  1. FDominicus sagt:

    „Dass in London außerdem die Finanzaufsicht mit dem Namen European Banking Authority (EBA) ihr Unwesen treibt, hat sich mittlerweile ja schon herumgesprochen. Noch nicht ganz aber, dass ihre Bankenstresstests „Anarchie hoch zehn“ sind, wie die Börsen-Zeitung jetzt zu Recht anmahnt. Die Stresstests bescheinigen unter anderem den deutschen Banken Kapitallücken“

    Das hat die EBA wohl von der IPCC gelernt. Wer kann sich wundern? Ich jedenfalls nicht und ich kann auch nichts schlechtes darin sehen nein zu Diktaturen zu sagen.

  2. Reiner Vogels sagt:

    Ich denke, Cameron hat nicht in erster Linie als Agent der USA gehandelt, sondern im wohlverstandenen Interesse seines eigenen Landes. Die EU ist ja auf dem Weg, zu einem geradezu byzantischen Bürokratisierungs- und Regulierungsmoloch zu werden (vom Klima- und Energiewahn bis hin zur de facto Verstaatlichung der Finanzmärkte). Dieses EU-System hat gute Chancen, Innovationen zu ersticken und die wirtschaftliche Dynamik zu lähmen.

    Vor diesem Hintegrund hat Großbritannien die Gelegenheit, sich als Hort der Freiheit und des wirtschaftlichen Fortschritts zu positionieren. Ich denke, man sollte sich überlegen, ob man nicht in Zukunft verstärkt in britische Aktien investieren sollte. Dort liegt innerhalb Europas die Zukunft, nicht im kafkaesken Irrgarten europäischer Bürokratenherrschaft.

  3. wolfswurt sagt:

    Vorweg:

    EZB und BuBa schaffen Geld für IWF der dann die EURO-Zone retten soll.
    Ver-rückter gehts kaum noch.

    England bestimmt seit 400 Jahren die kontinentale europäische Politik mit einem fein gesponnenem Netz im Hintergrund.
    Schwer zu glauben, daß ein van Rompoy, Lady Ashton, Merkozy, Schäuble, Barroso oder Leute wie Martin Schulz hier mit größerer Intelligenz aufzutreten in der Lage wären.

    Ja, die britische Macht wird Europa spalten und damit wie ein Hedgfond das krankhafte Wachstum der EURO-Ideologie beseitigen.

    Welche Parole haut man dem Volk immer unter die Nase: Wettbewerb ist gut.

    Also dann auch Wettbewerb unter den Völkern Europas mit nationalen Währungen, unterschiedlichen Steuergesetzen, unterschiedlichen Sozialstrukturen usw.

    Für Wettbewerb, denn der Beste soll erfolgreich sein.

    Die Unterschiedlichkeit durch die Natur auch im Menschengeschlecht, läßt sich durch vereinheitlichende Ideologen immer nur kurze Zeit außer Kraft setzen.

  4. sachse sagt:

    Die Geschenke sind auf den Weg gebracht, trotzdem kein himmlischer Frieden?

    Wenn die etwas stärkeren Eu’s den schwächeren Eu’s mit Zahlungen über den Umweg IWF unter die Arme greifen und die privaten „Investoren“, die diese Bezeichnung nun wirklich nicht verdient haben, außen vor bleiben, finanzieren die starken die schwachen. Dieses Geld kommt nie wieder zurück, es handelt sich um Geschenke.

    Michel schnallt den Gürtel enger: bei dem Griechenland-Geschenk entsprechen je 10 Mrd einem Tausender je Kopf der Bevölkerung. Geld, das die Griechen ausgeben, aber nicht erwirtschaften müssen und das der Michel erwirtschaften muß, aber nicht ausgeben kann. Der steuerfinanzierte Solizuschlag für Griechenland läßt grüßen.

    Und wenn die Banken an ihrem selbstverschuldeten Elend nicht beteiligt werden, wird die Finanzierung von maroden Staatshaushalten zum Erfolgsmodell und es folgen perpetuierte Probleme mit immer mehr Beteiligten und immer größeren Beträgen!

    Gruß aus Dresden

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