Finanzmärkte: Der Blick vom Gipfel

10. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Reinhold Messner war der erste Mensch, der die Gipfel sämtlicher 8000er erklommen hat. Für nicht ganz so sportliche Mitbürger gibt es auch abseits der Berge dünne Luft im Übermaß. Viele Aktienmärkte scheren sich derzeit wenig um einen möglichen Sauerstoffmangel und befinden sich auf ungeahnten Höhen. Dummerweise kann man abseits der Berge einen Gipfel erst im nachhinein sehen. Wie sahen wohl die alten Gipfel des Aktienmarktes vor dem Einbruch aus?

Ein Bullenmarkt ist ein Bullenmarkt. Jeder, der als Anfänger gleichermaßen aufgeladen mit jugendlicher Energie und jugendlichem Leichtsinn sein Glück an den Märkten versucht hat, weiß, was das bedeutet. Hat man finanziell überlebt, dann nur weil man es noch rechtzeitig gemerkt hat, wie gefährlich ein ständiges Shorten im Bullenmarkt oder Nachkaufen im Bärenmarkt ist. Hat man es nicht gemerkt, ist man vermutlich nicht mehr aktiv an Bord oder hatte ein überaus exquisites Timing und eine überdurchschnittliche Disziplin. Mit diesen Fähigkeiten ausgestattet würde man allerdings nicht dauerhaft gegen den Trend arbeiten, denn das ist in etwa so sinnvoll, wie eine abwärts fahrende Rolltreppe hoch zu laufen. Es geht rein technisch, ist aber eher etwas für den Notfall.

Der Knackpunkt nicht nur beim Trendfolger sind die Tops und Böden, die echten genauso wie die scheinbaren. Da diese beim Blick auf den historischen Chart jedem sofort ins Auge fallen, zeigen wir heute ein paar Verläufe bis zum letzten Monat eines Bullenmarktes. So sieht man nur den Hinweg zum Gipfel.

Die folgenden Charts zeigen die Hochs der Bullenmärkte (2000 & 2007) beginnend mit den Tiefs der vorherigen Bärenmärkte. Abgebildet ist jeweils der Monat mit dem höchsten bzw. tiefsten Schlusskurs auf Monatsbasis.

Die Lage, als die Subprime Krise bei manchem als „contained“ galt, stellt sich wie folgt dar:

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Der Stand der Dinge um die Jahrtausendwende:

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Wie sieht es heute aus?

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In bewährter Busreisen-Manier möchte man sagen „wie Sie sehen, sehen Sie nichts“. Es ist nicht möglich, das Ende einer Trendphase vorauszusehen. Man kann lediglich eine Schwächung des Marktes oder zunehmende Risiken an anderer Stelle beobachten. Dazu gehören auch aktuell eine sinkende Marktbreite, steigende Risikoprämien von Unternehmensanleihen und anziehende Renditen.



Die Anmerkungen in den Charts zeigen, wie schnell es nach dem letzten Anstieg bergab ging. Zur Orientierung ist es hilfreich sich vor Augen zu halten, was ein prozentualer Rückgang wie in den letzten beiden Baissen bedeuten würde. Nach einem 56%igen Fall ausgehend vom höchsten Monatsschlusskurs bei 11966 stünde der DAX am Ende bei 5265. Ginge es um 72% bergab, käme der Patient bei 3350 Punkten zur Ruhe. Das bedeutet natürlich nicht, dass es so kommen wird. Man sollte derartige Szenarien aber nicht als unmöglich deklarieren.

Einige europäische Indizes sind in der akuten Phase der Krise sogar um 90% und mehr gefallen. Von der ewig währenden Stützung wurde auch die letzten beiden Male geträumt. Das so genannte „Plunge Protection Team“ mit allen Erfolgen und Verfehlungen ist allerdings keine Erfindung der letzten fünf Jahre. Gerade wenn der eine oder andere Unbedarfte aus dem Elfenbeimturm die Aktie zur „neuen Anleihe“ umdeutet, dürften die Probleme nicht mehr allzuweit entfernt sein.

Noch unterhaltsamer als an den Aktienmärkten geht es oft bei den Rohstoffen zu. Unvergessen ist etwa der Bärenmarkt beim Zucker (SB11), dessen Preis sich fast gänzlich in Rauch auflöste (dargestellt ist der relevante adjustierte Kontrakt). Positiv betrachtet darf man festhalten, dass Zucker nicht pleite gehen kann. Das dürfte jedoch ein schwacher Trost für diejenigen sein, die ihre Lektion hinsichtlich der Gefahr des Verbilligens in diesem Massaker gelernt haben. Immerhin ist von der Null aus betrachtet wieder richtig Luft nach oben. Man muss allerdings noch Geld übrig behalten haben.

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Derzeit sind in einigen Aktienmärkten deutliche Phasen der Verteilung zu beobachten. Vor allem an den US-Märkten sind zahlreiche Divergenzen zu sehen (klassische Dow Theorie aber auch zahlreiche Indikatoren zur Marktbreite). Zusammen mit der massiven Überwertung ergibt sich eine Mischung, die mit Vorsicht zu genießen ist. Auch im Bullenmarkt muss man nicht immer long sein. Man weiß nie, wann er vorbei ist. Aber man kann sehen, wenn er kränkelt.

Wie beim Bergsteigen wird es ohne Disziplin auch an den Märkten gefährlich. Wenn das Wetter sich verschlechtert, ist es keine Schande, einen weiteren Versuch einen Gipfel zu erklimmen auszulassen. Besser einmal weniger verdienen und überleben, als ab und zu mehr zu verdienen und nicht zu überleben.



 

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