Finanzkrise nicht vorbei

23. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Robert Rethfeld) Trotz der jüngsten Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten ist die Finanzkrise ist noch nicht beendet. Diese Meinung äußerten die Referenten auf der 27. Kapitalanlegertagung, die am 17. und 18. Januar in Zürich stattfand…

Der Ökonom Simon Johnson sieht in angelsächsischer Manier ein Auseinanderbrechen der Eurozone voraus. Gleichzeitig ist er sich sicher, dass die EZB Liquidität zur Verfügung stellen werde. Diese werde aber nicht ausreichen. Eine Restrukturierung der Schulden sei unvermeidlich. Die Banken seien nach wie vor unterkapitalisiert und trügen eine Menge Risiken, wären aber „too big to fail“. Die sechs großen US-Banken seien größer als 2008. Er weist darauf hin, dass Hedge Fonds in die gleiche Zielrichtung „too big to fail“ arbeiten würden. Sollte der erste Hedge Fonds wegen seiner Systemrelevanz vom Steuerzahler gerettet werden müssen, würden Bewegungen wie „Occupy“ neue Nahrung erhalten. Johnson hält eine inflationäre Entwicklung – „The Great Inflation“ – für unausweichlich.

Prof. Dr. Wolfgang Wiegard, ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrates („die fünf Wirtschaftsweisen“) ist der Meinung, dass sich Italien aus eigener Kraft aus Schulden-Schlamassel herausziehen kann. Für Griechenland sieht er eine nicht-freiwillige Insolvenz kommen. Die Schulden würden letztendlich von der EZB übernommen werden. Er fordert anstelle der Finanztransaktionssteuer eine „Finanzaktivitätssteuer“, die die fehlende Umsatzsteuer für Finanzdienstleister kompensiert. Die Einführung von Euro-Bonds sieht er nicht. Diese würde gegen Verträge verstoßen und sei außerdem für Deutschland nachteilig, da die Liquidität aus Deutschland herausfließen würde.

Die Immobilienbranche sei einer der Profiteure der Finanzkrise. Eurobonds würden diese Branche in Deutschland in Bedrängnis bringen. Auf die Peripherieländer komme eine harte Phase der Lohnmoderation zu. Ein Auseinanderbrechen der Währungsunion sei keine Option, ein Austritt Griechenlands hingegen schon. Ein Scheitern der Währungsunion wäre für Deutschland nachteilig, da einerseits das Auslandsvermögen (netto 1 Billion Euro) abgewertet werden würde  und andererseits Target-Forderungen an das EZB-System (etwa 450 Mrd. Euro) ganz oder teilweise abgeschrieben werden müssten.

Eine normale Inflation würde zur Reduzierung der Schuldenstandsquoten wenig beitragen. Es müsse schon eine „Überraschungs-Inflation“ sein, die von den Marktteilnehmern nicht eingepreist sei. Er selbst glaube aber nicht an das Auftreten einer solchen „Überraschungs-Inflation“.

Philipp Vorndran, Finanzmarkt-Stratege bei Flossbach von Storch, sieht die Situation im Bezug auf die Eurozone pessimistischer als Prof. Wiegard. Er geht davon aus, dass der Euro in drei bis vier Jahren keinen Bestand mehr haben wird, allerdings bleibe eine Kerngruppe mit Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Belgien, Finnland und Irland bestehen. Hinzu kämen Slowenien, die Slowakei, Tschechien, Polen Estland und möglicherweise weitere skandinavische Länder. Spanien, Portugal und Italien würden jeweils über eigene Währungen (Peseten, Escudos, Lira) verfügen. Demnach würde es zwar ein Nord-Euro bilden, ein Süd-Euro würde es hingegen nicht geben. Die Austritte würden freiwillig erfolgen.

Ein Schuldenschnitt funktioniert zwar bei kleinen, nicht aber bei großen Volkswirtschaften Es sei zwischen Staatsbankrott und Währungsbankrott zu unterscheiden. Ein Bankrott der Währung sei durchaus möglich. Ein negativer Realzins sei durch die Niedrigzinspolitik einerseits und durch eine steigende Inflationsrate auf längere Zeit sicher gestellt. Mit etwa 5 bis 5 Prozent Inflation sei in den großen Volkswirtschaften in den kommenden Jahren zu rechnen. Das Quantitative Easing werde fortgesetzt.

Die Pensionsverbindlichkeiten würden in einem solchen Umfeld zu einem Problem. Die Pensionskassen würden umdenken. Sie würden beginnen, Aktien relativ zu Anleihen zu bevorzugen. Es würde reichen, wenn Dividenden von Aktientiteln 4% Rendite abwerfen, Kursgewinne seien nicht notwendig. Insbesondere Qualitätsaktien stünden vor einem „Revival“. Der Goldpreis dürfte angesichts negativer Realzinsen weiter steigen.

Felix Zulauf, Zulauf Asset Management AG, Zug, geht von einer sich vertiefenden Krise aus. Die EZB dürfte Kapital zur Verfügung stellen bzw. weiterhin Anleihen erwerben. Die Geldpolitik dürfte jedoch kaum Nachfrage erzeugen, und fiskalpolitisch tritt man auf die Bremse. Ausgaben würden gesenkt, die Steuern würden erhöht werden. Für die europäische Peripherie erwartet Zulauf einen anhaltenden „Bank Run“. Durch das Abziehen der Gelder würden die Peripherie-Banken „verdursten“. Die niedrigen Zinsen würden die Geldmarktfonds in die Knie zwingen, da die Fixkosten bei Geldmarktfonds bei etwa 1,5% vom Anlagevermögen liegen würden. Der Geldmarkt ginge kaputt. Am kurzen Ende sollte der Zinssatz in den USA in den kommenden vier bis fünf Jahren bei null verharren. Die schlechten Banken der Peripherie würden derzeit durch den hohen Spread zwischen kurzem und langem Ende subventioniert. Dies geschähe auf Kosten der starken und gesunden Länder. Das Bankensystem würde bei einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone an den Rande der Pleite gedrängt werden, die Risiken seien enorm… (Seite 2)

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