Finanzielle Systemgastronomie

3. Juli 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wer bei sinkender Qualität und steigenden Preisen ans Essen denkt, der darf sich freuen. Er ist offenbar gänzlich unbelastet von den fleckigen Details des Finanzmarktes. Der Müll, der in manchem Finanzprodukt schlummert erinnert jedoch an die dunkelsten Stunden der Gastronomie.

Die Zeiten für Schlemmermäuler an den Finanzmärkten waren in den letzten Jahrzehnten rar gesät. Zu Beginn der 80er Jahre gab es eine Phase, an der es feinste Leckereien zum Spottpreis gab. Danach gab es bestenfalls stellenweise einmal größerere (2002) und kleinere (2009) Rabattaktionen in ausgewählten Aktienmärkten.

Im Jahr 2013 gab es dann im Rahmen der Sonderaktion „Anleihen-Ramsch der Südschiene mit 30% Rabatt“ noch einmal leicht verderbliche Ware zu niedrigeren Preisen, aber das war es dann auch. Derzeit geht es nicht mehr darum, was günstig ist, sondern was im Vergleich zu anderen Dingen am wenigsten überteuert ist. Ein sinnloses Kopf-an-Kopf-Rennen, Geldanlegen aus Gewohnheit. Wenn schon die Qualität sinkt muss wenigstens der Preis steigen lautet das aktuelle Motto an den Finanzmärkten. 

Die Bewertung des US-Aktienmarktes schwingt sich seit geraumer Zeit in extreme Höhen hinauf.

In der Breite sieht es noch deutlicher aus, aber das spielt auf dem erreichten Niveau fast keine Rolle mehr.

Der obige Chart zeigt das Case Shiller Kurs-Gewinn-Verhältnis (Case Shiller Price/Earnings – CAPE). Das CAPE gibt an, wie das aktuelle Kursniveau im Verhältnis zu den inflationsadjustierten Gewinnen der letzten 10 Jahre ist. Es handelt sich also um ein zyklisch bereinigtes KGV, das eine Bewertung ermöglichen soll, die unbeeinflusst davon ist, ob die Gewinne gerade durch konjunkturelle Schwankungen nach oben oder unten verzerrt sind. Die langfristige Prognosegüte dieses Indiktors ist gut, die Regel leicht zu merken. Wer billig kauft hat langfristig deutlich höhere Renditen zu erwarten als der der teuer kauft. Aktuell ist es teuer, dementsprechend sind die Erwartungen mau.

Bereinigt man diese Daten noch um die Gewinnmarge, die bekanntlich ebenfalls zyklisch ist, fällt das Urteil noch härter aus. Trotz der leicht sinkenden Margen liegt der aktuelle Wert immer noch rund 50% über dem langfristigen Mittel.

Nutzt man für die Adjustierung nutzen wir die historische mittlere Gewinnmarge von 6,5% kann man das Abwärtspotential erneut berechnenAusgehend vom aktuellen Kursniveau von 2428 käme man bei einer Normalisierung des CAPE bei einem Indexstand von 1358 Punkten heraus, immerhin ein Minus von 44%. Geht man von einer simultanen Normalisierung der Margen aus, so geht es weiter in Richtung 965 Punkte, damit liegt man schon 60% hinten.

Mit einer Normalisierung ist hier eine Rückkehr zum langfristigen Mittel gemeint, wie sie immer wieder vorkommt. Das ist bei weitem keine Unterbewertung.

Um gemessen am CAPE das Bewertungsniveau von 1982 zu erreichen müsste der S&P 500 von aktuell 2428 Punkten auf rund 675 Zähler fallen. Dann würde sich Anlegern in der Tat ein reichhaltiges Buffet bieten, entspräche dies doch einem Rückgang von 72%. Eine simultan stattfindende Normalisierung der Margen würde dann Kurse von 352 nach sich ziehen. Das klingt einigermaßen absurd, handelte es sich doch bei einer derartigen Bewegung um einen Rückgang in Höhe von 85%. Man sollte ein solches Extremszenario sicher nicht als hochwahrscheinlich abspeichern. Es ist jedoch nicht so, dass es so etwas noch nicht gegeben hätte. 1929 fielen die Kurse bekanntlich um rund 90%. Der Dax laboriert übrigens mit einem CAPE von knapp 20 ebenfalls an merklich erhöhter Temperatur.

Langweilig wurde es auf dem Weg niemanden, denn der Weg von minus 80% nach minus 90% bedeutet immerhin eine weitere Halbierung. Zum Glück darf der Markt ja am Tag nur noch ein halbes Prozent fallen. Nicht dass noch jemand nervös wird.

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