Finanzielle Medikamente und reale Resistenzen

5. Dezember 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Bankhaus Rott) Das Zeitalter der vermeintlichen Great Moderation liegt seit der Jahrtausendwende hinter den Finanzmärkten. Der Glaube an die Allmacht der Zentralbanken hält sich allen Fakten zum Trotz weiterhin, denn irgendwie muss das Blei doch zu Gold werden.

So neigt der Mensch noch immer dazu, über die Vergangenheit zu schmunzeln. Wie albern waren doch die Hoffnungen der Alchimisten, aus nicht edlen Metallen Gold zu machen! 

Für wesentlich schlauer hält man es hingegen heutzutage, darauf zu vertrauen, auß heißer Luft Kaufkraft erzeugen zu können.

Statt steinerner Schmelzöfen und metallischer Laborutensilien versuchen die heutigen Finanzalchemisten, sich mit Notenbankbilanzen und mehr oder minder fantasievollen Programmen über lästige Dinge wie Angebot und Nachfrage hinwegzusetzen. Warum es möglich sein sollte, Kaufkraft aus dem Nichts zu schaffen, wird angesichts vermeintlicher Alternativlosigkeiten selten gefragt und noch seltener beantwortet.

Aber wer kein Geld mehr in der Tasche hat und nicht mehr anschreiben lassen kann, dem bleibt halt nur der Versuch der Zechprellerei.

Der große Gehilfe der Rettungs- und Stützungspolitik ist das Nominalvirus. Ist ein Geldbetrag heute größer als in der Vorperiode, dann wird sich die Lage schon gebessert haben. Manch einer mag das sogar glauben, bei vielen anderen jedoch wachsen die Zweifel, was die regelmäßigen Renteninformationen mit für das Jahr 2060 genannten Auszahlungssummen überhaupt noch für eine Bedeutung haben.

Während der Erhalt des status quo bisher gelang, ist die ökonomische Erfolglosigkeit des grassierenden Notenbankaktionismus seit der Jahrtausendwende, dem Ende der Great Moderation, unbestritten.


Floskeln, die sich auf metaphysisch wirkende politische Ziele („Euromantik“) und das Wecken von Ängsten fokussieren, können vom realen Abschwung bestenfalls in TV-Sprechzirkeln ablenken. All das erinnert an das sprichwörtliche „politische Arbeitsessen auf Schloss Falkenlust zur Bekämpfung des Welthungers“.

Eine Darstellung des Auseinanderlaufens von Wunschdenken und Realität findet sich im Jahresausblick von Morgan Stanley. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Zinsen und des BIP in Großbritannien und steht beispielhaft für die meisten westlich geprägten Volkswirtschaften. Gut zu sehen ist der systemische Bruch um die Jahrtausendwende.

 

Der Blick auf die verfügbaren Realeinkommen in Europa zeigt, wohin die Reise für die Bürger geht. Von einer Erholung, wie sie nach dem Einbruch der Jahrtausendwende durch den konstruierten Finanz- und Immobilienboom zustande kam, ist weit und breit nichts zu sehen. Was die von einigen – in der Regel verschuldeten – Träumern herbeigesehnte Inflation an dieser Misere ändern soll, bleibt rätselhaft.

Um die Fortführung der Alchimie dennoch zu rechtfertigen, gerät nun die so genannte „Sparpolitik“ unter Beschuss. Dieser akute Fall von Krugmanitis hat auch weite Teile der Medien infiziert, was eine aufschlussreiche Interpretation des Begriffes „Sparen“ nahelegt. Schaut man sich die von so genannten „Sparweltmeistern“ vorgelegten Zahlenwerke genauer an, zeigt sich allenfalls die Unfähigkeit oder die Weigerung, sich um die Ausgaben zu kümmern. Da das monetäre Füllhorn für viele Politiker das einzige Mittel zur Wiederwahl zu sein scheint, ist mit einer Änderung dieser Einfallslosigkeit nicht zu rechnen.

Auf den Punkt gebracht hatte dieses Prinzip einst Alan Greenspan. Der ehemalige Fed-Chef sagte zu Beginn der US-Immobilienblase, jeder Amerikaner solle sich ein Haus leisten können, auch derjenige, der sich keines leisten könne. Dieser Satz ist ein kleines rhetorisches Schmuckstück. An den Folgen der Umsetzung dieser Maßgabe laborieren nicht nur die US-Bürger bis heute.

Wie der Begriff „Sparen“ in Europa in den letzten Jahren genau interpretiert wurde, zeigt die folgende Grafik. Die gerne ins Feld geführte Übernahme der Bankschulden trifft in nennenswertem Umfang übrigens nur auf den Spitzenwert in Irland im Jahr 2010 zu. Die meisten Versprechungen und Garantien sind bis heute nicht zahlungswirksam.

Leider ist der Mythos vom Kaputtsparen ebenso langlebig wie der Glaube an die ewig währende Hoffnung auf die wohlstandsmehrende Wirkung heißer Luft. Natürlich schrumpft das BIP, wenn Dinge, die niemand bezahlen kann, auch nicht produziert werden. Man kann das beklagen aber auch als Zeichen der Gesundung betrachten. Oder vertraut man immer noch darauf, die im Kreditboom aufgeblasenen Kapazitäten auch in normalen Zeiten voll auslasten zu können?

Es bleibt dabei, kein Entzug ohne Leiden.
 


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