Filz und andere Gewitter

3. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek – Homepage

Als Leser meiner Kolumnen wissen Sie, dass ich besonders viele Gesprächspartner zum Thema Geldanlage in Deutschlands Finanzhauptstadt Frankfurt treffe. Am vergangenen Dienstag war es sogar ein ganzes Dutzend. Anlass: Das 5. DVFA Asset Management Forum, eine Veranstaltung der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management.

Es ging überwiegend um brisante Themen, also auch um den Filz bei VW. Einer der Knackpunkte, wenn nicht sogar der wichtigste, läuft auf die Frage hinaus: Ist bereits das fragwürdige Verfahren zur Bestellung von Aufsichtsräten an der Misere des Autokonzerns schuld? Es besteht ja der Verdacht, dass in diesen Gremien immer noch Abnicker dominieren, die so manche Schludrigkeit selbstherrlicher oder untauglicher Vorstände durchgehen lassen. Besonders die Angelsachen stören sich daran. Und wenn man bedenkt, dass ausländische Aktionäre unter deren Führung gut die Hälfte der Dax-Aktien besitzen, werden sie mit Sicherheit dafür sorgen, dass ihre Mittel und Methoden noch mehr als bisher in deutsches Recht einfließen – nicht immer zum Besten hiesiger Aktionäre.

Die Zahl der deutschen Publikumsaktionäre einschließlich der Besitzer von Aktienfonds nimmt seit 15 Jahren stetig ab, das ist belegt. Die Ursachen reichen von mangelnder Bildung in Sachen Geld bis zu schwankenden Aktienkursen, die den meisten Anlegern das Gefühl geben, das Risiko von Aktien sei besonders groß.

Diesen Gedanken hat sich ausgerechnet auch der Gesetzgeber zu eigen gemacht, aktuell bei der Umsetzung der Solvency II-Richtlinie – sie gilt im Wesentlichen für Versicherer – in deutsches Recht. Hinter diesem sperrigen Begriff steckt unter anderem eine Diskriminierung von Aktien, wie sie schlimmer nicht sein könnte: Als Risikomaß gilt die Höhe der Kursschwankungen innerhalb nur eines Jahres. Wie man so bescheuert sein kann, ist mir ein Rätsel. Doch jammern hilft nicht, die Einführung soll schon zum 1. Januar 2016 kommen.

Derweil braut sich an anderer Stelle ein Gewitter zusammen, das viele deutsche Unternehmen, vor allem solche aus dem bisher so erfolgreichen Mittelstand, unvorbereitet zu treffen droht. Es geht um Pensionsrückstellungen, die unzureichend gebildet werden. Während die Dax-Konzerne sie mal mehr (etwa BASF), mal weniger (Deutsche Telekom) aufgestockt haben, sieht es bei Unternehmen aus dem MDax insgesamt weniger günstig aus.

Der ganz überwiegend nicht börsennotierte Mittelstand schließlich hat ein großes Problem: Seine Pensionsrückstellungen muss man mit der Lupe suchen. Über kurz oder lang müssen besonders viele Unternehmen aus diesem Sektor vom Pensions-Sicherungs-Verein gerettet werden, sei es durch erhöhte Beiträge an den Verein vonseiten gesunder Unternehmen, sei es am Ende durch den Staat, also die Steuerzahler.

Was diese betrifft, hat das Ganze noch eine pikante Note. Bekanntlich müssen Unternehmen neben einer Handelsbilanz auch eine Steuerbilanz erstellen. Die eine gilt für die Öffentlichkeit, ist also im Prinzip jedermann zugänglich, im Zweifel über den Bundesanzeiger. Die andere dient dem Fiskus und ist nicht publik. Nun wird es zwar etwas knifflig, bleibt aber spannend: Der sogenannte HGB-Zins für Pensionsrückstellungen betrug Ende 2014 bei Handelsbilanzen 4,56 Prozent, bei Steuerbilanzen 6 Prozent, was in Anbetracht eines aktuellen Zinsniveaus um Null weder plausibel ist noch auf Dauer gut gehen kann, weil Unternehmen sich damit reich rechnen würden.

Das heißt, hier muss demnächst auf gesetzlichem Weg Abhilfe geschaffen werden. Der Staat hat allerdings kein Interesse an der Senkung von 6 auf weniger Prozent, weil ihm dadurch hohe Steuereinnahmen entgehen dürften. Folglich muss der Gesetzgeber das Kunststück fertigbringen, eine Lösung für die Handelsbilanz mit weniger als 6 Prozent zu finden, ohne auf Einnahmen aus der Steuerbilanz zu verzichten – eine Mammutaufgabe für mathematisch extrem beschlagene Rechtsverdreher.

Ob die jetzige Koalition dazu in absehbarer Zeit Abhilfe schaffen kann, ist zweifelhaft. Sie muss sich ja zunehmend um das Flüchtlingsproblem kümmern, nun erst recht, da die Folgeschäden aus der vermeintlichen Willkommenskultur in Form von Schlägereien und demolierten Unterkünften immer sichtbarer werden. Dabei hat Schwarz-Rot durch die Rente mit 63 – wohl in erster Linie, um dem Wahlvolk zu frönen – der Gesellschaft einen kaum gut zu machenden Schaden zugefügt: Dem Arbeitsmarkt fehlen Kräfte, die auch nicht durch noch so viele Flüchtlinge sofort zu ersetzen sind. Derart eng können scheinbar voneinander unabhängige Probleme manchmal zusammenhängen.

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2 Kommentare auf "Filz und andere Gewitter"

  1. Habnix sagt:

    „Dabei hat Schwarz-Rot durch die Rente mit 63 – wohl in erster Linie, um dem Wahlvolk zu frönen – der Gesellschaft einen kaum gut zu machenden Schaden zugefügt:“

    Ob die Arbeitskräfte jetzt oder in 5 Jahren fehlen, spielt eigentlich keine Rolle.

    In spätestens 10 Jahre gehen die betrogenen in Rente, also die Geburtenstarken Jahrgänge.Da hat sich der Tot schon einige von ihnen geholt, bevor sie in Rente gehen.

    Nicht die Rente mit 63 ist der Schaden.Der Schaden ist der Betrug am Arbeitnehmer, der mit einer Minirente abgespeist wird.

  2. MFK sagt:

    Ein Rechnungszins von 4,56% muss nicht unrealistisch sein, weil dieser ja auf in der Vergangenheit getätigte Geldanlagen abzielt. Die meisten Versorgungswerke der freien Berufe erzielen diesen (heute) auch. Der Rechnungszins wird jedoch mit den Jahren graduell absinken müssen, wenn die zu erzielenden Renditen gering bleiben, die Betriebsrenten der Höhe nach unverändert bleiben, die Zahl der Betriebsrentenberechtigten nicht abnimmt. Dann müssen die Rückstellungen angepasst werden.

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