Fed liebäugelt mit höherer Inflation

27. August 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Am 15. August veröffentlichte der Präsident der Federal Reserve Bank of San Francisco, John C. Williams, eine Analyse, die Sparer und Anleger aufhorchen lassen sollte: Es wäre zu überlegen, so Williams, der als einflussreicher Protegé von Fed-Chefin Janet L. Yellen gesehen wird, ob die Geldpolitik nicht fortan für eine höhere Inflation sorgen sollte.

Eine Geldentwertung von zwei Prozent pro Jahr reicht den US-amerikanischen Zentralbankern ganz offensichtlich nicht mehr aus. Warum?

Der natürliche Zins ist gesunken

Die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise hätte, so argumentiert Williams und auch andere, ähnlich keynesianisch gesinnte Ökonomen, zu einem Rückgang des „natürlichen Zinses“ geführt – das heißt also zu einer Verringerung desjenigen Zinses, bei dem die Volkswirtschaft sich auf Vollbeschäftigung befindet, und bei dem es keine ungewollte Inflation gibt. Dies wiederum stelle die Geldpolitik nun vor ein ernstes Problem.

In einer Phase der Wirtschaftsschwäche kann die Zentralbank den Leitzins im Prinzip lediglich bis auf null Prozent absenken. Wenn aber der natürliche Zins bei zum Beispiel minus zwei Prozent liegt, und wenn gleichzeitig auch die Inflation null Prozent beträgt, so wäre selbst der Nullzins noch zu hoch, und die Wirtschaft bliebe in der Unterbeschäftigung gefangen. Was ist davon zu halten?

Es ist eine irrige Annahme, der natürliche Zins könne auf null Prozent, geschweige denn darunter fallen – auch wenn das jüngst immer hartnäckiger in Frage gestellt wird. Der Marktzins kann zwar in der Tat null Prozent oder sogar auch negativ werden. Nicht aber der natürliche Zins, der eine Komponente des Marktzinses ist. Für den handelnden Menschen ist der natürliche Zins (man spricht auch von „Urzins“) immer und überall positiv.

Inflationsillusion

Hinter der Forderung nach einer höheren Inflation könnten sich natürlich auch andere, nicht offiziell genannte Beweggründe verbergen. Beispielsweise die keynesianische Überlegung, dass eine Inflation von vier Prozent besser sei als eine von zwei Prozent, denn das würde Produktion und Beschäftigung beleben. Würde eine höhere Inflation wirklich helfen? Diese These lässt sich leicht entkräften.

Ein unerwartetes Anheben der Inflation kann zwar zunächst ein konjunkturelles Strohfeuer auslösen. Aber es wäre absehbar nur von kurzer Dauer. Denn damit die Inflation expansiv wirken kann, muss sie dauerhaft höher ausfallen, als sie von den Marktakteuren erwartet wird. Eine derartige fortgesetzte Täuschung ist aber nicht möglich.

Um das zu verdeutlichen, betrachte man das folgende Beispiel. Die Marktakteure erwarten eine Inflation in Höhe von zwei Prozent. Nun steigt die Inflation unerwartet auf vier Prozent. Diese „Überraschungsinflation“ führt zur Umverteilung von Einkommen und Vermögen. Kreditgeber verlieren zu Gunsten der Kreditnehmer. Die realen Löhne fallen geringer aus, als die Arbeitnehmer es erwartet haben.

Aus dieser Erfahrung lernen die Marktakteure: Sie legen ihren Verträgen fortan eine Inflation von vier Prozent zugrunde. Stellt sich die Inflation bei vier Prozent ein, gibt es keinen expansiven Effekt mehr. Die Zentralbank muss also, wenn sie die Wirtschaft antreiben will, zu einer weiteren Dosis „Überraschungsinflation“ greifen. Sorgt sie daraufhin für eine Inflation von, sagen wir, sechs Prozent, beginnt das Spiel von neuem.

Es ist absehbar, wohin dieses Täuschungsspiel führt: Damit Inflation ihre Umverteilungswirkung behält, muss die Zentralbank zu immer höherer, zu einer sich beschleunigenden Inflation greifen. Das ist jedoch ein Prozess, der nichts Gutes bringt. Denn er führt geradewegs zur Hoch- oder gar Hyperinflation, die nachweislich schädigend wirkt auf Produktion und Beschäftigung.
Inflation ist mit volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Sie erschwert die Wirtschaftsrechnung und provoziert Fehlinvestitionen. Die Inflation sorgt für „Scheingewinne“, die zu Kapitalaufzehrung und damit zu Substanzverlust des Produktivkapitals führt. Sie trifft vor allem auch die unteren Einkommensbezieher, die sich der Inflation meist nicht entziehen können. Als Daumenregel gilt: Je höher die Inflation ausfällt, desto höher sind ihre volkswirtschaftlichen Kosten.

Zinskontrolle

Es gibt allerdings einen Weg, auf dem auch eine einmalig höhere Inflation – sagen wir vier anstatt von zwei Prozent – politisch dienstbar gemacht werden kann: Und das ist der Weg, auf dem die Politik der höheren Inflation mit einer Zinskontrollpolitik verbunden wird. Wenn die Zentralbank die Kurz- und Langfristzinsen auf niedrigen Niveaus festzurrt und gleichzeitig die Inflation in die Höhe treibt, werden die Renditen negativ nach Abzug der Inflation.

Bei negativen Realzinsen entledigen sich Schuldner ihrer realen Kreditlasten auf Kosten der Gläubiger: Wenn die Zinskontrolle greift, können die Schuldner – allen voran der Staat und die Banken – fällige Verbindlichkeiten mit neuen Krediten, die nun eine negative reale Verzinsung tragen, ersetzen. Doch werden Gläubiger ihr Geld bei negativen Realrenditen verleihen?

Vermutlich nicht. Zumindest nicht dauerhaft. Kehren die Sparer und Investoren dem Kreditmarkt den Rücken und investieren ihr Geld in anderen Vermögensmärkten, bleibt nur noch die Zentralbank, fällige Schulden durch neue Kredite zu refinanzieren. Die Politik der höheren Inflation liefe dann auf eine Monetisierung der ausstehenden Schulden in ganz großem Stile hinaus.

Nun sollte man sich nicht mit der Überlegung trösten, die Zentralbanken könnten die Inflation nicht mehr in die Höhe treiben, selbst wenn sie es wollten: Die weltweit schwache Wirtschaft, Überkapazitäten und ein hohes Arbeitsangebot setzen Preiserhöhungen Grenzen beziehungsweise machten das unmöglich. Das wäre vorschnell geurteilt. Denn Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen.

„Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet“

Als Monopolproduzenten des Geldes können die Zentralbanken die Geldmenge jederzeit unbegrenzt ausweiten und Inflation schaffen. Sie können beispielsweise die Banken anhalten, ihre Kredit- und Geldschöpfung auszudehnen oder direkt Schuldpapiere kaufen und die Käufe mit neu geschaffenem Geld bezahlen. Im Fall der Fälle sind sie sogar in der Lage, „Helikopter-Geld“ auszugeben: Sie verschenken neu geschaffenes Geld an Staaten, Unternehmen und an Private und erhöhen dadurch die umlaufende Geldmenge und früher oder später auch die Preise.

„Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet.“ Dieser Satz, der dem ehemaligen Bundesbank-Präsident Otmar Emminger zugeschrieben wird, erfasst den eigentlichen Kern der Sache: Allein schon leichte Zweifel am Versprechen der Zentralbank, sie werde die Inflation niedrig halten, setzen Kräfte frei, die das Vertrauen in den Geldwert schwinden lassen.

Wenn die Fed inflationiert, folgen alle anderen

Verflüchtigt sich Vertrauen in die niedrige Inflation erst einmal, ist es schwierig, es wiederzugewinnen – gemäß dem Motto: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“. In der Vergangenheit bedurfte es meist einer „Stabilisierungsrezession“, um hohe Inflationserwartungen wieder herunterzubringen. Das Herumspielen mit der Inflation ist also eine äußerst heikle und mitunter auch sehr teure Angelegenheit.

Dass die US-amerikanische Zentralbank ganz offensichtlich dabei ist, den Weg zu einer höheren Inflation zu ebnen, ist nicht nur relevant für den geldpolitischen Kurs der Fed, sondern auch für die Geldpolitiken in anderen großen Währungsräumen der Welt. Schließlich nimmt die Fed die Führungsrolle im internationalen Zentralbankkartell ein. Vereinfacht gesprochen: Will die Fed inflationieren, werden dem alle anderen folgen.

Die jetzt angestoßene Diskussion über eine höhere Inflation ist zwar nicht wirklich neu. Sie sollte aber Sparern und Anlegern in Erinnerung rufen, dass im System des ungedeckten Geldes – wie es der US-Dollar, aber auch alle anderen Währungen repräsentieren – Phasen niedriger Inflation die Ausnahme sind, und dass die Ersparnisse früher oder später mittels Inflation entwertet werden.

Dass die großen Zentralbanken der Welt den Pfad der niedrigen Inflation verlassen und auf einen Pfad der höheren Inflation einschwenken könnten, wird in dem Maße wahrscheinlicher, in dem die weltweit immer weiter steigenden Schuldenlasten Wachstum und Beschäftigung zusehends strangulieren. Es ist Zeit, dass sich Sparer und Investoren Gedanken machen, wie sie einem Geldwertschwund entgehen können.

Was Banken zur Kredit- und Geldschöpfung brauchen

Um Kredite und Geld produzieren zu können, brauchen Banken vor allem zweierlei: Zentralbankgeld und Eigenkapital…

Banken brauchen Zentralbankgeld, um zum Beispiel Zahlungen untereinander abzuwickeln, den Bargeldwünschen ihrer Kunden nachzukommen und eine Zahlungsreserve (Mindestreserve) halten zu können.

Das Zentralbankgeld wird von der Zentralbank bereitgestellt. Es kann, weil die Zentralbank der Monopolproduzent für das Zentralbankgeld ist, den Banken jede gewünschte Geldmenge bereitstellen. Mit anderen Worten: Wenn es politisch gewünscht ist, gibt es keine Knappheit an Zentralbankgeld.

Das Eigenkapital brauchen die Banken, um ihre risikobehafteten Geschäfte zu unterfüttern. Regulatorisch ist ihnen beispielsweise vorgeschrieben, ihr Geschäftsvolumen mit Eigenkapital in Höhe eines bestimmten Prozentsatzes zu unterlegen.

Banken können sich das benötigte Eigenkapital beschaffen durch einbehaltene Gewinne und/oder Zuführung neuer Eigenmittel von außen (Kapitalerhöhung). Und genau an dieser Stelle ist mittlerweile ein Engpass entstanden.

Zum einen brauchen die Banken angesichts verschärfter Eigenkapitalvorschriften mehr Eigenmittel. Gleichzeitig schlummern in so mancher Bankbilanz Verlustrisiken, die Investoren zögern lassen, Banken neues Eigenkapital zur Verfügung zu stellen.

Letzteres wird natürlich verstärkt durch die Aussicht auf geringe Ertragskraft der Banken angesichts des Niedrigzinsumfeldes. Unter diesen Bedingungen ist die Kredit- und Geldschöpfung der Banken sehr stark eingeschränkt.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

Ein Kommentar auf "Fed liebäugelt mit höherer Inflation"

  1. Argonautiker sagt:

    Geld ist nicht natürlich, sondern ein Konstrukt, folglich kann auch dessen Zins NIEMALS natürlich sein. Egal ob man den nun Urzins, oder natürlichen Zins nennen will um einem mittels der falschen Benutzung der Sprache etwas unterzujubeln zu versuchen, was einfach nicht stimmt.

    Sollte der Autor jedoch über Kenntnisse verfügen, die ich nicht habe, und mir den Ort zeigen können, wo Geld auf natürliche Weise auf die Welt kommt, und nicht konstruiert wird, dann möge er mir das bitte mitteilen. Sollte er das nicht können, sollte er Begriffe wie „natürlich“ in Bezug zu Geld nicht verwenden, weil das dann einfach falsch ist.

    Das ist ja der Vorteil am Edelmetall, dies ist eine natürliche Recource. Aber auch das vermehrt sich nicht von selbst, hat also ebenfalls keinen Anspruch auf Vermehrung durch den bloßen Besitz mittels Zins, sondern dies vermehrt sich nur durch weiteres Ausgraben.

    Geld trägt die Voraussetzung für sich nicht in sich, es wird konstruiert. Das ist der gleiche Irrtum, den uns die Politik auch ständig zu propagieren sucht, indem sie sich so verhält, als wäre der Staat die Voraussetzung für den Menschen, und deshalb hätte der Mensch dem Staate loyal gegenüber zu sein. Größeren Unsinn kann man nicht erzählen.

    Das umgekehrte ist der Fall. Eine Welt der Menschen ohne Staat ist möglich, einen Staat ohne Mensch wird es nicht geben, weil die Menschen ihn erst konstruieren müssen, folglich hat ein Staat keine eigene Wirklichkeit, der Mensch aber schon. Wer ist also wessen Voraussetzung und wer ist folglich wem zu Loyalität verpflichtet?

    Mit einer Verdrehung der Sprache kann man die Hirne der Menschen leider viel zu leicht in die Irre führen. Sorry Herr Polleit, aber ein Urzins ist einfach nur manipulativer Quatsch.

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