Bewegung im Quatsch Comedy Club

4. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Kaum fallen ein paar US-Wirtschaftsdaten schlechter aus, schon springen die FED-Mitglieder vor irgendwelchen Mikrofonen herum. Plötzlich kommen Zweifel an der Zinswende auf und die Gottheiten des Geldes turnen vor Kameras und Mikrofonen herum. Muss man sich denn Sorgen machen?

Am Freitagmorgen noch meinte John Williams von der FED San Francisco (nein, Williams ist ausdrücklich keine Spirituose, obwohl er oft so wirkt), dass die Zinswende noch dieses Jahr kommen muss. Na, viel Spaß und Prost! Am Nachmittag wird er seine Meinung revidiert haben.

Das aber gehört zum Hokuspokus, viel reden und nichts machen können. Die Experten stehen auf sowas und prüfen selbst ein großes Nichts auf der Goldwaage. Könnte ja wichtig sein, denn selbst ein verklemmter Furz oder eine Dehydrierung der FED-Chefin könnten Märkte bzw. Computer bewegen. Da Märkte keine Unsicherheiten mögen, werden sie damit stündlich gefüttert.

Die Stunden bis zur Bekanntgabe der durch statistische Mühlen und Folterwerkzeuge verbogenen Arbeitsmarktzahlen verbrachte ich mit dem Kühlen der Blutergüsse auf den Schenkeln und der Reparatur meines Zwerchfells – seit Wochen schon. Zudem kann soviel Kopfschütteln auf Dauer nicht gesund sein, meinte eine Kollegin.

Dann kamen sie endlich, die von den Finanzmärkten „vielbeachteten“ US-Arbeitsmarktdaten. Nur 142.000 neue und meist schlecht bezahlte Stellen im September statt 200.000. Im August lief es auch schlechter als zuletzt ausgewürfelt. Die Börsen begannen zu fallen, die Anleihen zu steigen und der Dollar wurde schwächer. Die FED wäre in Hochstimmung gekommen, wäre Gold nicht um 35 Dollar teurer geworden. Diese Tagesschwankung war früher mal der Standardpreis für eine ganze Unze von dem nutzlosen Zeug.

Frau Yellen dürfte dennoch erleichtert gewesen sein, denn ihr spielen gerade jetzt schlechte Daten in die Karten. Dabei wäre es einfach gewesen, im Statistikamt noch einmal würfeln zu lassen. So aber bahnt sich etwas an, was die Tatkraft der Notenbank erfordern könnte, also die Zinswende zu verschieben. Langsam wachsen die Gründe für eine Wende der Wende. Notenbanken werden erst dann aktiv, wenn es zu einer Krise gekommen ist. So können sie ihren Nimbus des Retters bewahren. Sie wollen gebeten werden, etwas zu tun bzw. zum Jagen getragen werden.

Dann wurde plötzlich über die Wende in der Zinswende diskutiert und meine Oberschenkel noch blauer.

Auch in den Analysenabteilungen wurde es hektisch. Schließlich kippte mit den Daten fast jede „Hausmeinung“ in den Papierkorb. Sie muss nun überarbeitet werden, bevor man sie den Leuten in neuer Verpackung wieder in die Haare schmiert. Übersehen wird, dass immer mehr Leute aus der Statistik radiert werden und im Pool derer verschwinden, die dem Arbeitsmarkt im Land der unbegrenzten Statistik-Trickserei nicht zur Verfügung stehen. Im September wuchs deren Zahl um 579.000 Menschen auf jetzt 94,6 Millionen. Aha! Bei der Nicht-Beschäftigung hat sich der Aufschwung versteckt…

Dann kam ein Herr Kucholokota aus seiner Ecke und meinte, ohne Inflation gäbe es keinen Grund, den Arbeitsmarkt durch eine Leitzinserhöhung abzuwürgen. Ja, die Löhne stiegen nicht – jedenfalls nicht offiziell. Die FED sollte sich eine Inflation von zwei Prozent innerhalb von zwei Jahren als Ziel setzen, warf er hinterher. Schon tickerte es über Twitter, das könnte nur ein QE-4-Programm bedeuten. Drehten deshalb die Börsen wieder ins Plus?

Größere Sorgen mache ich mir um den stellvertretenden FED-Chef Stanley Fisher. Er meinte, man müsse Werkzeuge außerhalb der Geldpolitik studieren. Bitte? Noch weiß niemand, welche Werkzeuge er meint, vielleicht den Einsatz von Hammer und Sichel, das Studium der Waldameise oder etwas anderes, als mit einem Gabelstapler Strümpfe zu stricken. Es könnte ein Eingeständnis von Hilflosigkeit sein, die richtige Richtung zu suchen, während er in die Mikrofone ruft: „Mir nach!“ Aber wohin nur?

Alles auf einmal?

Soweit wir uns erinnern, versucht die FED die Wirtschaft in Gang zu halten, die Regierung zu finanzieren, den Dollar schwach zu halten, den Banken Billionen zu schenken, die Reichen zu bereichern und die Wall-Street bei Laune zu halten. Sie muss bei allem Betrug auch noch beteuern, das Richtige zu tun und lässt Millionen unschuldiger Bäume für geduldige Studien und Wunder auf Papier töten. Dazu schnitzt sie leuchtende Möhren, die sie in einer Art täglicher Pillenausgabe ihren Gläubigen verabreicht. Und jetzt muss sie auch noch Zweifel an der Zinswende ausräumen – etwas, an das nur Dummköpfe geglaubt haben.

Die Leitzinsen sollten ja schon im Juni steigen. Und dann im September… Jetzt ist es Oktober. Ja, spätestens im Dezember sollte es soweit sein. Nun redet man von Januar 2016 oder vom März. Ständig kommt etwas dazwischen. Vielleicht sogar was Größeres. Dann werden die Märkte nach Oma Yellen rufen, der Schnaps wäre alle und man hätte Durst. Sie wird wohl noch einen Moment warten, während ihre Kollegen Sendeplätze verstopfen und den Märkten einschänken. Danach aber liegen die Experten und Journalisten wieder voller Demut im Staub vor Frau Yellen herum, die glaubt, das Richtige getan zu haben. Vielleicht verflucht sie den Tag, an dem sie FED-Chefin werden wollte.

Stanley Fisher redete unterdessen weiter und ergänzte seine „Werkzeugsuche“ durch einen bemerkenswerten Satz:

Die USA haben im Gegensatz zu anderen Ländern relativ wenig Werkzeuge für makroprudentielle Maßnahmen.

Bitte was? Was sind makroprudentielle Maßnahmen? Im Finanzlexikon steht:

Der Ausdruck „Makroprudentiell“ …  bezieht sich auf die Tätigkeiten einer Aufsichtsbehörde, deren Hauptaugenmerk auf den Finanzmarkt im Gesamten gerichtet ist. Das bedeutet, dass die aufsichtsrechtlichen Tätigkeiten auf den gesamten Markt abzielen. Die Aufsichtsbehörden versuchen makroprudentiell die Stabilität des Finanzsystems und einen reibungslosen Ablauf des Zahlungsverkehrs zu gewährleisten.

Was heißt das? Alle Macht der FED? Helikoptergeld? Feinwaschmittel? Kampftruppen? Hören wir das künftig öfters, wenn die „Zinswende“ zu langweilig geworden ist und man dann eine andere Sau durchs globale Finanzdorf jagt? Wer wäre nicht dankbar für etwas Abwechslung. Vielleicht doch noch ein neues und dauerhaftes Gelddruck-Programm zur Rettung der Welt und zur Bereicherung der Finanzindustrie unter der Prämisse, sie gibt davon etwas an Joe Sixpack ab? Der Gedanke lässt mich nach stärkeren Kühlmitteln für meine Überschenkel rufen – und den Eimer…

Könnte man den Begriff „Zinswende“ nicht auch für „QE-infinity“ benutzen, also dennoch die Zinsen wenden – zum Besseren und nicht unbedingt nach oben – begleitet mit Feuerwerk, Voodoozauber und noch mehr verbal Erbrochenem in Mikrofone und Kameras? „Märkte“ und Experten lieben das!

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