Favoritensterben

23. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Bei der WM haben wir jetzt schon die eine oder andere Überraschung erlebt. Die Spanier fahren heim, die Engländer fahren heim … und Deutschland schafft den sicher geglaubten Sieg gegen Ghana nicht. Eigentlich besteht das Leben aus lauter Überraschungen. Und meist sind sie es, die den Motor der Ereignisse wieder auf Touren bringen…

Gerade an den Börsen ist das eher die Regel als die Ausnahme … aber in den letzten Monaten waren insbesondere die Aktienmärkte derart träge unterwegs, die Nachrichtenlage derart gedämpft und in verbale Watte gepackt, dass man dort vergleichbar völlig von den Socken wäre, würde der Aktienmarkt auf einmal auch nur eine Korrektur normaler Größenordnung vollziehen, als würde Deutschland in der Vorrunde rausfliegen.

Derartige „Hoppla-Effekte“ sind allerdings auch verständlich. Man neigt eigentlich immer dazu, sich auf die wahrscheinlichste, meist auch bequemste Zukunftsperspektive einzustellen. Nachvollziehbar, weil die „Überraschungen“ ja nicht einfach „B“ statt „A“ bedeuten. Das Unvorhergesehene kommt in derartig vielen Gewändern daher, weist dermaßen viele mögliche Abläufe und Konsequenzen auf, dass man sich nicht auf alle einstellen, ja sie sich nicht einmal alle im Vorfeld ausmalen kann. Klug wäre indes, was die Börse angeht, dass man zumindest permanent im Hinterkopf behält, dass es plötzlich anders kommen kann!

Auch hier kann es sehr wohl zu einem plötzlichen Favoritensterben kommen. Was spräche denn dagegen? Etwa das „billige Geld“? Ja, das hat zwar konjunkturell wenig, am Aktienmarkt aber viel gebracht, keine Frage. Ja, es hat bislang nachhaltige Trendwenden nach unten verhindert, auch, wenn die Gemengelage dazu manchmal geeignet gewesen wäre. Aber das hat dazu geführt, dass man sich oft bei der Beurteilung der Risiken auf dieses eine Argument reduziert und für „unfallbar“ erklärt, was sehr wohl fallen kann. Und das macht die Sache gefährlich.

Es muss ja nicht die ultimative Trendwende oder gar der große Crash sein. Eine Korrektur würde reichen, um nicht wenige aus dem Gleichgewicht zu bringen. Eine Korrektur, die beispielsweise den S&P 500 in den USA wieder an die untere Begrenzung seine Juni-Aufwärtstrendkanals tragen würde, eine Distanz von aktuell knapp sechs Prozent. Oder die den DAX in den Supportbereich um 9.367/9.425 Punkte trüge, Distanz knapp sechs bis sieben Prozent. Warum sollte das undenkbar sein? Das „billige Geld“ hat vorher nicht davor gefeit, es kann und wird es jetzt auch nicht.

Nicht zuletzt die geringe Volatilität hat unser Risikobewusstsein eingeschläfert. Ruhe macht nachlässig, das gilt für eine Wache auf den Burgzinnen genauso wie für einen Börsianer. Aber gerade dann, wenn solche Indikatoren wie VIX für die New York Stock Exchange oder der VDAX für den DAX auf oder nahe historischer Tiefs notieren – was sie gerade tun – sollte man vorsichtig werden. Diese Indikatoren taugen zwar nicht für fünf Pfennig als Timing-Indikator. Aber sie sind Bausteine, die man nicht ignorieren sollte. Natürlich bedarf es dann auch noch eines auslösenden Elements, um die Kurse in Wallung zu bringen. Aber haben wir davon nicht genug? (Seite 2)


 

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