Favoritensterben in der EU

4. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

In Europa lecken die selbsternannten Brexperten ihre Wunden. Die Sender des Volkes berichten derweil mit betroffenen Gesichtausdruck, dass die Demokratie sich mal wieder von ihrer Schattenseite gezeigt habe und träumen schon vor dem Austritt vom Wiedereintritt.

Die Reaktion des Brüsseler Apparates auf das Votum der britischen Bevölkerung darf man als verhalten trotzig einstufen. In der Folge wird Brüssel vermutlich mit der üblichen Mischung aus Planlosigkeit und Entschlossenheit reagieren. Frei nach dem Motto, wenn man schon in die falsche Richtung fährt dann wenigstens schnell.

In den vergangenen Jahren war ein zumindest theoretisches Szenario des beginnenden EU-Zerfalls der Austritt oder der Ausschluss eines ökonomisch, politisch und strukturell schwachen Landes aus der Eurozone und möglicherweise aus der EU. Nun hat ein starkes Land dem Apparat den Rücken gekehrt. Über die Stärke Großbritanniens wird mancher möglicherweise schmunzeln, jedoch ist diese relativ zum Rest der EU zu sehen. Der strukturelle Bruch ist sicherlich größer als dies bei einem Austritt Bulgariens oder Portugal der Fall gewesen wäre. Allein die Frage, ob jemand ein zumindest halbwegs einsatzfähiges Militär hat, trennt politisch die Spreu vom Weizen. Das fällt in Deutschland niemandem auf, weil man sich einredet, man bräuchte keine Armee während man sich fleißig der Truppen der anderen bedient.

In Bezug auf die Wirtschaft erinnert der mantraartig vorgetragene Satz die Briten hätten nur Banken ein bisschen an die Aussage, Russland habe nur Öl. Man weiß was gemeint ist, aber ins Schwarze trifft die Aussage dennoch nicht. Man darf wohl sagen, die Briten hätten zu viele Banken, aber das trifft auf fast ganz Europa zu. Wenn auch die britischen Banken massive Probleme haben so sollte man nicht darauf wetten, die kaputtesten Vertreter auf der Insel zu finden. Gerade die deutsche Bankenlandschaft erinnert an die Mondoberfläche und wenn man sich den staatlich durchsetzten Landesbankensektor anschaut wird bestenfalls dem Abwickler warm ums Herz.

Interesanterweise saugen gerade aus dem zu großen Bankensektor der Briten einige Kontinentaleuropäer Hoffnung. Die halbe City of London wähnt man bereits auf dem Weg in die teils im Vergleich zu London geradezu dörflich anmutenden Finanzmetropolen des Festlandes. Den Weg werden wohl bestenfalls einige Behörden finden. Auf ein bisschen mehr Bankenaufsicht kommt es am Main auch nicht mehr an, leere Hochhausetagen gibt es ja zu Genüge.

Aber die Hoffnung endet nicht bei den Beamten! Viele britischen Banken gingen jetzt nach Frankfurt, schallt es vom Main. Mancher Immobilienmakler mag sich dies angesichts des im Vergleich zum Wohnimmobilienmarkt am Main daniederliegenden Büromarktes erhoffen. Die Wanderungsbewegung sollte sich jedoch in engen Grenzen halten. Viele Bereiche werden wohl eher final eingestampft, eine Tendenz an der die EZB ihren Anteil hat. Wofür braucht man noch zahlreiche Handelsabteilungen für Anleihen? Nach dem Pfandbrief- und Staatsanleihenmarkt liegt seit Jahresbeginn auch das Segment der Unternehmensanleihen im Sterben. Da streicht man doch die Abteilungen lieber ganz bevor man mit dem Zirkuswagen auf die Reise geht. Aber das interessiert den freudig erregten Finanzunterhalter nicht, der zwar vermutlich noch nie einen Handelsraum von innen gesehen hat, aber bei den Kollegen von der anstehenden Auflösung der Londoner City gehört hat. Sie wissen schon, der Kollege der immer gesagt hat, es gäbe keinen Brexit. Den fragt man einfach weiter, schon aus Gewohnheit. Und dann schnell nachplappern, bevor man keine Story mehr hat. Die Bäckerblume schreibt sicher schon an einem Dossier.

Teurer als das Nachplappern sollte sich wie immer das Nachkaufen gestalten. Während es einige Verbissene immer wieder schaffen aus allen real existierenden Aktien ausgerechnet immer zielsicher die Papiere aus gerade dem Sektor zu kaufen, der seit Jahren im Bärenmarkt ist, darf als großes Rätsel der Menschheit gelten. So kaufen dann nach großen Kursrückschlägen die ewig gleichen Hobbyanalysten immer wieder die dahinsiechenden Aktien der Commerzbank, der Deutschen Bank oder auch einiger italienischer Sanierungsfälle. Verbilligen als Lebensaufgabe. Wenn überhaupt dürfte es sinnvoller sein, Rückschläge zum Kauf der stärksten Titel zu kaufen aber viele suchen offenbar lieber immer wieder im Kompost nach frischen Erdbeeren.
Falls Ihnen Ihre Bekannten immer nur von den gar wundervollen „10% an einem Tag“-Aufwärtstagen ihrer handverlesenen Titel erzählen, lassen Sie sich am besten die Depotauszüge der letzten fünf Jahre zeigen. Da sind dann auch alle Coba-Aktien drin, nicht nur die der letzten Woche. In der Regel ist das Thema damit erledigt.

Wie unvorteilhaft es war, sich mit Käufen ausgerechnet im Bankensektor zu tummeln zeigt der Vergleich des selbst schon ziemlich trostlosen EuroStoxx 50 Index mit dem Subindex der Banken.

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Zu beachten ist: Der EuroStoxx 50 enthält auch die Banken. Die schwächere Entwicklung der Banken ist also noch deutlich schlimmer als es obige Grafik nahelegt.

Für die Menschen in der Heimat hier der Vergleich der Commerzbank („Loch Bless“), der Deutschen Bank und des Dax Preisindex (exklusive Dividenden).

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Diese Entwicklung sollte nun wirklich niemanden überraschen. Allein der akute Eigenkapitalmangel vieler Institute ist seit Jahren bekannt. Jede weitere Kapitalerhöhung sorgt über die Verwässerung, also eine steigende Anzahl ausstehender Aktien, für weiteren Druck auf die Kurse. Wer davon träumt, die Banken könnten die erklecklichen Kapitallücken über so genannte CoCo-Bonds und somit ohne Ausgabe neuer Aktien stopfen, der sollte noch einmal nachrechnen. Der Haken an solchen Anleihen ist der Kupon. Selbst wenn es den Banken gelänge, sich über diese Finanzinstrumente mit einem vielleicht 7% igen Kupon Geld zu leihen, kommen bereits bei wenigen Milliarden untragbar hohe laufende Belastungen zusammen, Es bleibt die gute alte Aktie, und von der muss man schiere Massen neu emittieren um die nötigen Mittel aufzutreiben. Wie sich das auswirkt, sollte mittlerweile zumindest jeder Commerzbankaktionär verstanden haben.

Einfaches Fazit: Finger weg von Aktien im Bärenmarkt. Und jetzt ab nach Cornwall! Von wegen die haben nur Banken …

 

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Ein Kommentar auf "Favoritensterben in der EU"

  1. Lickneeson sagt:

    Der BREXIT hinterlässt leider in allen Teilen Europas höchst peinliche Abdrücke. Vom Beschwichtigungsdrohkurs der stes zerstrittenen EU über die Anti-Brexit-Demos der „jungen Faulen“ bis zu den üblichen medialen Endlosschleifen angehauchter Nostalgie. Grotesk. Schlimmer sind nur noch die „socialmedia tweets“. Hier werden Mitteilungen verschickt bevor das Hirn die Betriebstemperatur erreicht hat, naja, no time this time.

    Das Referendum stellt die aktuelle Stimmunugslage der Briten dar (die wählen waren!) und wer sich auf der Insel (ohne London) umsieht versteht einiges besser. Europa wird sich den Wurzeln und Ursachen des anziehenden „Nationaldenkens“ stellen müssen. Alle Kritiker und Mahner als Rechtpopulisten und Nazis zu diffamieren wird nicht ausreichen. So ist die Drohhaltung der EU nur „das Pfeiffen im Walde“, aus Angst die „Kontrolle“ über die Union zu verlieren.

    Sicher werden einige Firmen und Banken London verlassen. Na und? Hauptsache es gibt weiterhin Fish& Chips und Murphys Ale.

    An den Märkten sind vor allem Banken auf der Looserseite, meist hat der Markt Recht. Hier „im Kompost nach frischen Erdbeeren zu suchen“ (Danke, wertes Bankhaus für solche Sätze!) ist wie nachts vor der südafrikanischen Küste mit „Charcharodon carcharias“ um die Wette zu schwimmen. Wir wünschen viel Erfolg. Wer dennoch unbedingt deutsche Banken kaufen will, dem sei das Interview mit J. Cryan im Spiegel empfohlen. Der Mann wirkt als Chef der Deuschen Bank beinahe bescheiden und zurückhaltend. Leider sind es die Aussichten für Strategie und Zukunft auch. Daher schliesse ich mich dem Bankhaus an.

    “ Finger weg von (Bank-)Aktien im Bärenmarkt. Und jetzt ab nach Cornwall! Von wegen die haben nur Banken …“

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