Faule Worthülsenfrüchte, das Kilo 17,50

28. Mai 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Der digitalen Massenbeglückung steht nach dem baldigen Zwang zur Fernsehbox nichts mehr im Weg. Gut, ein paar Gebühren werden fällig, aber für das zwar inhaltlich schmerzhafte aber in brillianter Optik präsentierte Programm sind 50 oder 60 Euro ein angemessener Preis…

Dazu gesellt sich noch die vermeintlich freiheitsrettende TV-Zwangsabgabe, die es den politisch orientierungslosen ermöglicht, sich die aktuell zu verinnerlichende Wahrheit zu vergegenwärtigen.

Innerhalb von immerhin nur 25 wenn auch nur schwer durchzuhaltenden Minuten lässt sich dies beispielhaft im Schnelldurchlauf durch den Konsum einer Folge der real existierenden Serie „Lindenstraße“ erledigen. Das ist, für die jüngeren und diesbezüglich unbelasteten Leser, diejenige Sendung, in der nach Meinung nicht weniger der Darsteller Til Schweiger seinen schauspielerischen Zenit erreichte. Die Handlung dieses Programmbestandteils lässt sich grob gesagt als eine wirre Aneinanderreihung höchst unwahrscheinlicher Erlebnisse der Mitglieder eines gesellschaftlichen Kuriositätenkabinetts beschreiben. Das ganze wird gerne garniert mit einem politisch ebenso einseitigen wie politisch korrekten Sendungsbewusstsein.

Letzteres ist gleichzeitig die Schnittstelle zu den Langversionen der Lindenstraße, den mittlerweile zig sonntäglichen „Tatort“-Folgen. Die Bezahlung der Darsteller gilt vielen Fällen als auskömmlich, einige der beliebtesten lassen sich zwischen den Wochenenden in den immer noch existierenden staatlichen Abend-Shows recyclen, in denen unter anderem gemeinsam mit Nachrichtensprechern Kinderspiele in Verkleidung nachgespielt werden oder der interessante Beweis erbracht wird, dass eine Katze zwar neun, das Fernsehquiz jedoch zwanzig Leben hat. Kurz gesagt: All das ist schlichtweg unbezahlbar, Teil unserer Kultur und für mindestens drei Prozent der Bevölkerung einfach nicht wegzudenken. Es schwingt sogar ein Hauch religiösen Pathos mit, wenn man die letzten zwanzig Jahre als schmerzhafte Periode betrachtet, in der die TV-Konsumenten mit bemerkenswerter Leidensfähigkeit durchs finstere Tal wandern und täglich darauf hoffen, Hans Joachim Kulenkampf könnte wieder lebendig werden.

Soll man nun das Gehalt der Tatort-Darsteller deckeln oder die Qualität anpassen? Oder ist es besser eine Gebührenerhöhung durchzuziehen? Das ist recht dankbar und vermutlich einfacher, denn während Darsteller kündigen können, wurde dieses Recht dem auch demjenigen genommen, der kein TV hat. Eine Abschaffung der Empfangsgeräte wird von staatlicher Seite selbst bei Taubstummen nicht mehr als Ausrede akzeptiert und so heißt es: „Auch Du Genosse zahlst den Staatsrundfunk!“ All dies endet bekanntlich nicht bei selbigem, es gibt natürlich noch das von Beiträgen unterbrochene Werbefernsehen. Wer sich für eine Settopbox entscheidet, darf noch einmal knapp 6 Euro monatlich drauflegen. Kommt noch Fußball oder Spezialitäten-TV dazu, wird’s noch mal ein gutes Stück teurer.

Die 17,50 Euro im Monat kommen den meisten sicherlich erträglicher vor als das Programm. Über die Zeit läppert sich allerdings auch bei diesem Beitrag einiges zusammen. Nimmt man einen Zeitraum von 30 Jahren an, eine jährliche Gebührensteigerung um 2,5% und als mögliche Alternative eine Geldanlage mit langfristig erzielbarer Rendite von 2,5% pro Jahr an, so kommen in dieser Sparvariante mehr als 13.600 Euro zusammen.

Das alles ist natürlich nur ein Gedankenspiel. Niemand weiß schließlich, was Investitionen in diesem Umfang, in welcher Währung sie auch immer zukünftig ermittelt werden, in dreißig Jahren wert sind. Schwer vorstellbar ist allerdings, dass sie weniger wert sind als der von den staatlichen und privaten Rundfunkanstalten gelieferte inhaltliche Mehrwert. Kommen zur staatlichen Zwangsbeglückung noch 50 Euro im Monat für die Privaten und natürlich einen unermesserlichen optischen Qualitätsgewinn hinzu, die Settop-Box lässt grüßen, kommen alternativ bereits 17.500 Euro zusammen. Richtig ins Kontor schlagen etwaige Zusatzpakete, wie etwa Sport und das was manche ebenfalls unter Sport, andere eher unter Ästhetik verbuchen. Hier sind schnell noch einmal 35 Euro im Monat zu überweisen womit sich eine Gesamtsumme der alternativen Anlage von mehr als 46.000 Euro ergibt. Dafür kann natürlich der Staatsfunk nichts, dennoch ist es ein hübsches Sümmchen. So viel Geld hat beim Renteneintritt nicht jeder auf der hohen Kante, aber was ist schon der schnöde Mammon gegen unvergessliche Erlebnisse wie die Fußball-Schlagerspiele zwischen Deutschland und den Färöer, die Börse vor acht oder die alljährlich wiederkehrenden Zweiradanekdoten aus der Provence gefolgt von einer heiteren Schnitzelbraterei.

Der Fairness halber muss man die Kosten für die privaten Sender und das Verwöhnprogramm schnell wieder herausrechnen. Dann ist der Ärger über die Reisetätigkeit von ARD und ZDF bei der nächsten Sportveranstaltung in Übersee vielleicht doch nicht ganz so groß. Sinnlos ist diese trotzdem. Aber was wäre schon das Leben ohne die zwischen den Sendern alternierende live-Berichterstattung von den Vorausscheidungen des olympischen Wettbewerbs im Diskuswerfen. Um es mit Heinz Erhard zu sagen, es wäre öd und blöd und fad. Aber günstiger.

Abseits der profanen finanziellen Seite ist es spannend sich auszumalen, die Menschen würden eine Stunde Fernsehkonsum täglich gegen eine Stunde frei verfügbarer Bildung tauschen, wie sie auf vielen Plattformen mittlerweile angeboten wird. In 365 Stunden jährlich könnte man sicherlich wesentlich mehr erreichen als nur das Schulenglisch aufzupeppen und der akademische Standard ist angesichts vieler frei verfügbarer Inhalte exzellenter Universitäten oft bemerkenswert. Ein netter Nebeneffekt solcher Alternativen ist die verringerte Verseuchung der eigenen Gedanken durch das Auslassen von mindestens 52 Meuchelmorden pro Jahr. Zudem erspart man sich zu erfahren, was Helga Beimer über die AfD denkt. Das ist doch mal ein Deal! Alternativ kann man auch einfach eine Stunde auf der Gartenliege dem Rasen beim Wachsen zuschaun oder sich auf dem Balkon tummeln und nichts machen. Wenn es ums Fernsehen geht ist weniger nicht nur mehr sondern viel mehr. Wenn nebenher noch der Akku des Telefons einfach mal leer werden darf, dann hat der garbage collector im Gehirn endlich mal wieder ausreichend Zeit zum Aufräumen.

Da die berechtigte Kritik am Einheitsmedium sicherlich auch zum einen oder anderen Verantwortlichen durchgesickert ist, wird es nun Zeit für eine groß angelegte Offensive. Vielleicht bleibt ja nach einer der kommenden ordentlichen Erhöhungen der TV-Steuer künftig so viel übrig, dass man fortan auch diejenigen dahinsiechenden Gazetten, die immer fleißig die politisch korrekte Nachrichtentorgel bespielen, alimentieren kann. Das alles geschieht natürlich im Dienste der Meinungsfreiheit in diesem unserem Lande und würde wohl von vielen Medien und vom Rundfunk entsprechend beworben. Eine entsprechende Meldung könnte lauten:

(Fake News) „Der neue Medienbeitrag trifft auf eine breite Unterstützung in Deutschland. Vertreter der Printmedien freuten sich über dieses deutliche Signal für die Sicherstellung einer aktiven politische Diskussion und die Stärkung der Meinungsfreiheit. Vertreter mehrerer Medienorganisationen betonten unisono, sie seien sich der hohen Verantwortung, die mit der Annahme öffentlicher Gelder untrennbar verbunden sei, bewusst und sprachen sich für die umgehende Schaffung eines Gremiums aus, das harte Kriterien festlegen solle, damit kein Cent der Beiträge in die Hände der falschen Medienmacher gerieten. „Keine Handbreit Medienbeitrag für Intolerante“ lautete die einhellige Meinung“.

Das klingt doch so gruselig, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis es Realität wird, oder?

Ob bezahlte Meinungsfreiheit funktionieren kann, ist freilich nicht von Interesse. Man liest und hört ohnehin vieles nur noch aus Gewohnheit. Es mehr als fraglich, ob es der Meinungsvielfalt hierzulande auch nur minimal schaden würde, wenn es statt der FAZ, der SZ und der Welt nur noch eine von diesen dreien oder auch keine gäbe, oder ob sich eine Einschränkung des Angebots lediglich auf die optische Vielfalt im Kioskregal auswirken würde. Ein bisschen ist es doch wie mit dem Klopapier. Es gibt viele Varianten, aber am Ende dienen sie alle dem selben Zweck.

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