„Faul, dumm, gierig und schwach“: Warum wir uns selbst nicht trauen können

12. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ habe einmal geschrieben, dass Menschen „faul, dumm, gierig und schwach“ seien. Wer sich nun zurücklehnt und denkt, das beträfe vor allem „die anderen“….„Das sind wir!“

Am 27. Mai gab es in der Evangelischen Stadtakademie München einen interessanten und aus Anlegersicht höchst relevanten Vortrag von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer zum Thema „Die Psychologie des Risikos – wie man die richtigen Entscheidungen trifft“. Prof. Gigerenzer ist Psychologe, Geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und Direktor des Harding Zentrums für Risikokompetenz – ein Mann also, der weiß wovon er spricht.

Intensiv hat er die Menschen und deren Verhalten im Umgang mit Risiko und Unsicherheit erforscht. Und so kam es im Publikum zu manchem Aha-Erlebnis und beifälligem Nicken, als er den Zuhörern humorvoll den Spiegel vorhielt:

„Bei jeder neuen Krise ängstigen wir uns, bis wir sie vergessen und uns wegen der nächsten ängstigen.“

Wenn wir einen Moment innehalten, dann wundern wir uns selbst über solche Marotten. Im Getriebe und Stress des Alltags aber haben wir dieses Wissen meist nicht und schon gar nicht abrufbar. Im Ergebnis verhielten sich die Menschen deshalb nicht nur irrational, sondern sogar geradezu vorhersagbar irrational. Das zeigt sich in den Reaktionen auf Krisen – egal ob Finanzcrash, Schweinegrippe oder Terroranschlag –, die immer ähnlich ablaufen: Bessere Technologie, mehr Bürokratie und strengere Gesetze. Aber reicht das, um die nächste Krise zu verhindern? Ist es überhaupt der richtige Ansatz?

Fehlende Risikokompetenz

Das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ habe einmal geschrieben, dass Menschen „faul, dumm, gierig und schwach“ seien. Wer sich nun zurücklehnt und denkt, das beträfe vor allem „die anderen“, den holt Gigerenzer schnell in die Realität zurück: „Das sind wir!“ Für Börsianer mag diese Charakterisierung sogar noch besser zutreffen als für den Bevölkerungsdurchschnitt – vor allem was den Gier-Faktor bei der Jagd nach Rendite betrifft. Der Mensch als willenloser Sklave seiner Wünsche?!

Aufklärung als Ziel

Ist für Menschen der Umgang mit Risiken und Wahrscheinlichkeiten also grundsätzlich hoffnungslos? Dann bräuchte das Volk Experten, die ihm erklärten, was das Richtige sei – eine Form von Paternalismus. Gigerenzer hält das jedoch nicht nur für eine falsche Annahme, sondern auch für eine grundfalsche Schlussfolgerung. Sein Ziel lautet Aufklärung. Denn er geht fest davon aus, dass jeder den Umgang mit Risiko und Ungewissheit erlernen könne. Schließlich handle es sich dabei um „einfache Prinzipien“, sofern man sich denn traut, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen – ein Kernproblem. Auch nach unserer Beobachtung ermutigt die Gesellschaft immer weniger zur Übernahme von (Eigen-)Verantwortung. Während nach unten dem „All Inclusive“-Nanny-Staat gehuldigt wird, regiert an der Spitze die Verantwortungslosigkeit nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ – sicher kein tragfähiges Zukunftsmodell.

Gefährliche Denkfaulheit

Gigerenzer hält die Einstellung „Warum soll ich nachdenken, es gibt doch Experten“ für höchst gefährlich. Viele Ärzte oder Bankberater verstünden nämlich die Risiken nicht einmal selbst, könnten sie nicht richtig kommunizieren oder hätten schlimmstenfalls andere Interessen als ihre Kunden bzw. Klienten. Zudem habe sich auf Seiten der Berater und Experten eine Tendenz zu defensiven und damit suboptimalen Entscheidungen herausgebildet. Mit solchen „defensiven“ Entscheidungen wollten sich die Experten – was durchaus nachvollziehbar und verständlich sei – besser vor möglichen Klagen schützen. Gigerenzers Fazit: Am Selberdenken führt kein Weg vorbei. Um informierte Entscheidungen treffen zu können, bedarf es aber der Aufklärung. In einer unserer nächsten Printausgaben des Smart Investor werden wir uns daher intensiv den Themen Risiko, Risikowahrnehmung und Entscheidungen unter Unsicherheit, Ungewissheit und Risiko widmen… (Seite 2)


 

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Ein Kommentar auf "„Faul, dumm, gierig und schwach“: Warum wir uns selbst nicht trauen können"

  1. Argonautiker sagt:

    Also ich bin nicht „Faul, dumm, gierig und schwach“.

    Besonders wenn ich im Sommer in der Hängematte liege und träume, was ich alles machen würde, wenn … 😉

    sommerliche Grüße aus Bremen

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