Familie Ahnungslos ist fassungslos

13. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Frank Meyer) Was geht mich das mit dem Euro an, fragt Familie Ahnungslos. Die Supermärkte sind voll. Tankstellen rund um die Uhr besetzt. Lohn kommt pünktlich. Die Steuerabzüge auch. Bei nervenden Schlagzeilen über diese Eurokrise aus dem Fernsehen schaltet man einfach um. Krise? Welche Krise?

Viel Sand wird mitten im Sommer in die Augen der Leute gestreut. Wäre es Winter, könnte man damit jedes Glatteis bekämpfen. So ist es wenig erstaunlich, dass die Mehrzahl der Leute nicht viel vom Werk der Zerstörung im Hintergrund mitbekommen. Laut Ursula von der Leyen hat das Grundgesetz noch viel Spielraum – wofür auch immer. Nachtigall, ick hör Dir trappsen. Ja, vielleicht ist im Moment die öffentliche Diskussion in Sachen „Selbstbedienungsladen ESM“ etwas lauter geworden und die Kommentare etwas derber als sonst. Sonst regiert das Sommerloch. Die Zeit dort stolpert aus Langeweile über sich selbst und lacht wie ich über Scherze aus dem Radio…

„Die Euroretter werden durch das BVG an ihrer Arbeit gehindert“, erzählte jemand im Radio. Fast hätte ich das Lenkrad verrissen. Es mag am Wetter liegen, wenn im Sommer die Hirnzellen nur schwer mit Wasser und Sauerstoff versorgt werden können oder viele Gewitter für Kurzschlüsse sorgen. Die Euroretter. Wer ist das?

Das sind die Guten. Sie ziehen wie Ablasshändler im Mittelalter durch die Länder mit der Überzeugung, nur Gutes zu tun. Richtigerweise sind es aber Bankenretter und dunkle im Geheimen agierende Mächte. Sie retten in Wirklichkeit Banken und damit indirekt den Euro. Über die Folgen dessen streiten sich inzwischen die Ökonomen. Wen stört`s ? Sie reden so kompliziertes Zeug. Und dann lesen wir in der FTD, der Streit der Ökonomen drohe zu eskalieren. 190 gegen 15. Das wirft die Frage auf, für wen der Streit zu eskalieren droht. Viele der 15 Pro-Ökonomen wissen doch, worum es für sie ganz persönlich geht. Um ihren Job? Oder sie kennen Frau Merkel ganz gut. Schon werden die Nationalisten-Keulen als Argument geschwungen. Widerlich.

Auch an den Stammtischen wird derzeit viel diskutiert. Jeder hat irgend etwas zum Thema Europa zu sagen und pocht auf die Richtigkeit seines Schwachfugs, obwohl vieles die Vermutung zulässt, in den letzten Monaten keine Nachrichten gehört zu haben. Es wäre lustig, wenn es nicht schockieren würde. Womöglich ist das auch gut so. Die meisten Leute interessiert ohnehin nur, was sie einnehmen und dann ausgeben können. Solange das ausreicht, bleiben sie ruhig. Der Rest geht auf Kredit.

Lasst uns in die Hände klatschen! Statistisch gesehen, arbeitet jeder seit dieser Woche für seine eigene Tasche, nachdem sich Staat und Sozialsysteme bis zum 9. Juli bedient haben. Jedes Jahr kommt dieser Tag später. Wahrscheinlich wird eines Tages das Jahr um einen 13. und 14. Monat verlängert. Otto Normal hat sich daran gewöhnt, dass jemand an sein Geld will. Mit den Summen aber wächst auch sein Misstrauen. Kein Wunder, wenn täglich mehr Vertrauen verspielt als hinzu gewonnen werden kann…

Ist schon immer gut gegangen. Bis es nicht mehr gut gegangen ist. Kracht der Euro? Wann wird das sein? Wir wissen es nicht, nur dann, wenn die Mehrzahl der Leute merkt, dass sie auf künstliches und bunt bedrucktes Papier herein gefallen ist, das im Alltag immer weniger wert ist – und das Staunen groß ist, wenn man es in etwas eintauschen will. Solange es aber genügend Dummköpfe gibt, die diese braunen, blauen und grünen Scheine als etwas Werthaltiges und Erstrebenswertes betrachten, gibt es noch keinen Tag der Abrechnung.

Vielleicht stirbt ja der Euro auch viel langsamer als gedacht, wenn die EZB das letzte Tabu dauerhaft umgeht und das leistet, was die anderen Notenbanken schon längst tun: Mehr Währungen herstellen und sie damit zu zerstören. Irgendwann finanziert die Druckerpresse Banken und Staaten direkt. Etwas Geduld bitte!

Oder: Wenn das Geld für den Alltag kaum ausreicht trotz aller Schönwetterprognosen der Regierung, wenn zu viele Leute zu viele Fragen stellen und dem Grund ihrer Enttäuschungen nachstellt. Jeder für sich und irgendwie alle gemeinsam – wenn Schafe nicht mehr genug davon bekommen, was sie am liebsten tun: Fressen.

Druck

Die Zeit kollektiv gesicherter Einkommen und Auskommen neigt sich dem Ende. Der Druck im Kessel steigt. Was soll man tun? Aussteigen? Mist! Geht nicht so einfach ohne Rücklagen und einem Berg von finanziellen Verpflichtungen und materiellen Wünschen. Wer hängt heute nicht alles am Fliegenfänger und dreht deshalb im Hamsterrad immer schnellere Runden? Wie oft höre ich, man könne nichts machen. Wirklich nicht? Fremd-Denken ist Normalität, vor allem in finanziellen Dingen.

Zumindest könnte man versuchen, die Ansprüche etwas kleiner zu halten, Finanzen in Ordnung bringen, Schulden bezahlen und damit mehr Unabhängigkeit gewinnen. Und nicht alles glauben, denn in der Öffentlichkeit ist bei vielen Akteuren der Weg mit guten Absichten gepflastert, der direkt in die Hölle führt. Doch Familie Ahnungslos verschuldet sich heute gerne, kauft Wohnungen und baut neue Häuser. Brav! Die Folge ist noch weniger finanzielle Freiheit und ein noch schneller im Hamsterrad bis zur Erschöpfung. Mit Hoffnungslosigkeit beginnt dann erst der wahre Optimismus. Inzwischen gehört es sogar zur Mitarbeiterbindung, diese zu verschulden und damit abhängig zu machen – vor allem in Führungspositionen, habe ich mir sagen lassen.

Familie Ahnungslos zahlt jedes Jahr noch viele Euro in ihre Altersvorsorge, einem Produkt, dass meistens andere überrascht als diejenigen, die darauf bauen. Die meisten Produkte dürften inzwischen als gescheitert gelten. Sie werden nicht das halten, was sie früher versprochen haben. Niemand wird deswegen anrufen. Das System, wie es früher funktionierte, steckt in Schwierigkeiten. Es riecht nach Abrechnungen, nach einer Situation im Endstadium, wo Tote mit Kanülen herum laufen und an Stromgeneratoren angeschlossen sind. Die Welt füllt sich mit Zombies – in Wirtschaft, Politik und um mich herum. Sagen Sie nicht, Sie haben nichts gewusst. Irgendwann später ist auch die Familie Ahnungslos wirklich fassungslos.


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