Fait accompli?

25. Oktober 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es wird gestritten, dass es einen graust. Es wird geleimt und gekleistert, dass man geneigt ist, wegen Schlechtleistungen die Verbraucherzentrale anzurufen. Der Versuch, nach außen hin Zuversicht auszustrahlen, wird immer öfter zu einem schiefen Grinsen, bei dem die Verunsicherung unübersehbar durchscheint. Wir sprechen vom Euro und unserer EU. Die werden nämlich jetzt gerettet. Morgen….

Ein Leser der letzten Kolumne brachte es auf den Punkt, wie es besser nicht geht: “2008 war die Lage sehr ernst, aber noch nicht hoffnungslos. Heute, 2011, ist die Lage im Prinzip hoffnungslos, aber nicht mehr ernst!“

Eigentlich kann man gar nicht glauben, dass die Börsen dieses Chaos goutieren. Aber bislang tun sie es. Ein Großteil der Rallye seit Anfang Oktober scheint auf die Erwartung zurück zu gehen, dass die Verantwortlichen die Lage jetzt schnell und nachhaltig in den Griff bekommen. Alleine die Tatsache, dass man das eigentliche Problem einer EU mit zwei Geschwindigkeiten, aber unter einem Zins- und Währungshut und mit für jedes Land, ob schwach oder stark, geltenden Stabilitätsvorgaben, die in den letzten Jahren bereits mehrfach einfach mal ignoriert wurden, wenn man nur eine passende Ausrede fand, einfach ignoriert und nun Geld aus dem nichts erschafft, ist ein Witz. Geld, das Löcher stopfen soll, die durch das Ignorieren des Basisproblems bei zeitgleicher konjunktureller Erdrosselung der notleidenden Länder durch Sparvorgaben nur noch größere Löcher erzeugt. Das ist zu grotesk, um darüber Tränen zu vergießen. Man muss wirklich lachen. Hysterisch, sicher. Aber anders verarbeitet das Hirn eines rational denkenden Menschen diese Aktivitäten nicht mehr. Was wiederum zu der Erkenntnis führt, dass es vielleicht doch nicht so seltsam ist, dass die Börsen das scheinbar gut finden.

Erstens, weil das mit der Ratio und den Börsen schon immer so eine Sache war. Da regieren meist die Emotionen. Und momentan ist bei nicht wenigen, vor allem in den USA, wo man aufgrund der Komplexität der EU-Krise diese erstens oft nicht voll übersieht und zweitens die eigenen Probleme sofort unbedeutend wirken, die Hoffnung einerseits und die Gier andererseits stärker als die Angst. Angst hatte man nun zwei Monate lang, das ist in der Regel lang genug, damit einfach mal wieder Hoffnung dran ist. Das war 2008/09 oder 2000-2002 auch nicht anders. Damals kam die Angst jedoch zurück. Und wir haben allen Grund, damit auch diesmal zu rechnen.

Zweitens wegen der Erwartung, dass das Problem so zwar nicht gelöst wird, man sich durch das, was am Mittwoch auf den Tisch soll, aber Zeit erkauft. Nun ist das zwar Blödsinn, wenn sich das Problem durch verstreichende Zeit nicht von alleine erledigen kann. Und das kann es nicht, im Gegenteil. Aber dennoch kommen momentan Käufer hinzu, die zwar klar erkennen, dass diese ganze Geschichte noch schneller in sich zusammenfällt, als ich es noch vor einem Jahr vermutet hatte, damals hatte ich an zwei bis drei Jahre gedacht. Diese Käufer rechnen aber damit, dass die Wursteleien der EZB nebst der Länder ausreichen werden, um die Probleme erst einmal einige Monate unter den Teppich zu kehren. Da drunter liegen zwar immer noch US-Arbeits- und Immobilienmarkt und Unmengen an Subprime-Papieren, so dass es langsam eng wird. Aber für die EU könnte der Platz ja noch reichen.

So gesehen könnten die Kurse in der Tat noch weiter steigen, auch, wenn die US-Börsen, die eigentlich mit ihrem zu geringen Wachstum und der Schuldenkrise genug eigene Sorgen haben, jetzt bereits wieder an ihren 200 Tage-Linien kleben. Aber neben der ohnehin immer dann besonders gebotenen Vorsicht, wenn Realität und Kurse gegenläufig sind, lauert unmittelbar jetzt noch das Risiko des „fait accompli“. (Seite 2)

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5 Kommentare auf "Fait accompli?"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Vielleicht sind die Börsen nicht trotz des Chaos, das die Regierungen veranstalten, und trotz ihrer offensichtlichen Unfähigkeit oder auch Unwilligkeit, die der Eurokrise zu Grunde liegenden Probleme auch nur zu bennenen, geschweige denn, Schritte zu ihrer Bewältigung einzuleiten, im Aufwind begriffen. Letztlich ist es doch egal, wie die xte Eurorettung aussieht, die morgen beschlossen wird. Letztlich ist es auch egal, ob die Beschlüsse von morgen für ein paar Monate oder nur für zwei Wochen Ruhe bringen. Entscheidend ist doch, dass die Regierungen Europas offensichtlich entschlossen sind, den Euro gegen alle Vernunft um jeden Preis zu „retten“.

    Als Mittel dieser „Rettung“ wird auf jeden Fall wie bisher schon die immer schamlosere Geldschöpfung aus dem Nichts eingesetzt werden. In Verbindung damit wird es die Gemeinschaft der Eurostaaten den überschuldeten Staaten, bzw. den Staaten, deren Überschuldungssituation schon von den Finanzmärkten zur Kenntnis genommen worden ist, ermöglichen, trotz ihrer Überschuldung immer neue Schulden zu machen.

    Diese Grundprinzipien der europäischen Politik sind inzwischen für jedermann erkennbar. Und jeder, der die vier Grundrechenarten beherrscht, weiß, dass diese Politik mittel- und langfristig auf eine radikale Entwertung des Geldes hinausläuft. Diese Überlegung ist m.E. der Treibstoff, der die Börse antreibt. Es ist nichts anderes als die verzweifelte Flucht in Sachwerte. Es spricht daher nichts dagegen, dass diese Bewegung, immer natürlich von Rücksetzern unterbrochen, so weitergeht, bis der große Knall kommt.

  2. cubus53 sagt:

    Welches Geschenk wird es morgen wohl geben ? Noch mehr Schulden ! Mit den neuen Schulden können wir dann die alten begleichen. Eine geile Idee ! Wir sind gerettet ! Gottsei Dank, dass wir so intelligente Politiker haben.

    Die verpacken das Wort „Neue Schulden“ auch noch nett,
    z.B. „EFSF-Hebel“, „Banklizenz“, „Bad-Bank“. So versteht es keiner, soll ja auch keiner verstehen. Nur soviel : mit gehebelten Produkten kann man x-fachen Gewinn machen ( wenn’s klappt ) aber auch x-fachen Verlust ( wenn’s nicht klappt ).

    Aber wie wird man Schulden los, d.h. wie löst man eine „Schuldenkrise“ wirklich ?

    1) Mit Sparen.
    2) Mit Inflation.

    Lösung 1)
    Sparen ist schlecht für Aktien, weil deren Kursentwicklung meist auf Konsum und Wachstum beruht (Autobauer, Elektronik, Baubranche, Chemie).

    Lösung 2)
    Inflation kann man mit Aktien bis zu einem bestimmten Prozentsatz ausgleichen, aber eine explodierende Inflation nicht mehr, weil die Gewinnmargen der Firmen sinken. Auch schlecht für Aktien.

    Warum also steigen die Börsen ?

    Denn die nächste Schuldenkrise steht ja schon vor der Tür – in den USA. Die Antwort kommt von Albert Einstein „Die Dummheit der Menschen und das Universum sind grenzenlos. Was das Universum betrifft, bin ich mir aber nicht wirklich sicher …“

  3. khaproperty sagt:

    Meist waren die Bewegungen der Märkte nach Norden verbunden mit einem Hüpfer des Euro nach oben.
    In Europa richten sich die Morgenmärkte ohnehin fast ausschließlich nach den US-Futures. Diese werden gern gepäppelt, um das Umfeld beizeiten aufzulockern.
    US fällt am Nachmittag ein. Je nach Stand des Euro drücken sie die Kauf-Taste des HFT-Automaten oder schauen sich US-Meldungen auf Relevanz an.
    Die nördlich zuckenden EU/$-Werte treten auf, wenn mal wieder die EU-Banken ihre Assets im $-Raum zu Euro-Geld machen, um ihre Bilanzen zu verkürzen, was grad in den letzten zwei Wochen sehr aktuell war – etwa die Zeit der wundersamen Marktanstiege.
    Das den Amerikanern fehlende Verständnis für die recht komplizierten politischen Hintergründe im EU-Raum, vor allem die verfassungsrechtlichen Hürden für Geldausgabe an Dritte, läßt sie eher zu Unrecht auf Lösungen hoffen, was Einheimische längst aufgaben.

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