EZB-Zinssenkung wahrscheinlich

30. Juni 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Thorsten Polleit  Im Euroraum hat sich im letzten Monat die monetäre Kontraktion fortgesetzt. Das Geldmengenwachstum schwächte sich weiter ab (2,9% J/J im Mai nach 3,2% J/J im April), die Bankkreditexpansion war weiter rückläufig (Buchkredite: -1,0% J/J nach -0,9% J/J)…

Insbesondere das nun fortgesetzte Schrumpfen der Bankkredite deutet auf deflationäre Effekte hin, schließlich ist ja die Bankkreditvergabe die Hauptquelle für das Geldmengenwachstum: Schrumpfen die Bankkredite dauerhaft, wird früher oder später auch die Geldmenge abnehmen; und einen abnehmende Geldmenge drückt das Preisniveau nach unten.

Die Bilanz des Euroraum-Bankensektors schrumpft stark

tp-002Die jüngste monetäre Entwicklung wird daher vermutlich den EZB-Rat bestärken in seinen Plänen, der Kontraktion des Kreditangebots entgegenzuwirken – um eine Deflation mit allen Mitteln zu verhindern. Eine weitere Senkung des Leitzinses (um 0,25 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent) auf dem EZB-Ratstreffen am 4. Juli erscheint daher wahrscheinlich. Auch die Erhebung eines negativen Einlagenzinses für Überschussguthaben, die Banken bei der EZB halten, ist eine grundsätzlich denkbare Maßnahme, zu der der EZB-Rat greifen könnte. Und nicht zuletzt könnte der EZB-Rat auch entscheiden, den Banken wieder längerfristige Kredite zu Vorzugskonditionen anzubieten.

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Das Schrumpfen der Bankkredite dürfte sich durch angebots-, aber auch nachfrageseitige Faktoren erklären lassen: Einerseits sind viele Banken nicht mehr in der Lage oder willens, neue Kreditrisiken einzugehen, andererseits nimmt aufgrund der Rezession die Nachfrage nach Kredite ab, insbesondere von Seiten der Unternehmen. In jedem Falle deutet ein Rückgang der Bankkredite auf eine anhaltende Rezession im Euroraum hin. (Wir prognostizieren einen Rückgang des Euroraum-BIP um 1,0 bis 1,5 Prozent in 2013, nach einem Rückgang von 0,6 Prozent in 2012.)

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© Thorsten Polleit – Degussa Goldhandel

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7 Kommentare auf "EZB-Zinssenkung wahrscheinlich"

  1. samy sagt:

    Moin,

    ich spiele immer mehr mit dem Gedanken, dass ein Negativzins kommt. Es gibt eindrucksvolle Graphen (Dollarraum), die die Geldumlaufgeschwindigkeit und die Geldmenge abbilden. Dort sieht man deutlich eine Schere, also die Ausweitung geht mit einer Entschleunigung einher. Wenn wir uns einmal die Fisher’sche Verkehrsgleichung angucken, dann sehen wir das das Preisniveau nicht steigen kann, die erhoffte Inflation- oder nennen wir es einmal Belebung auf der Güterseite- bleibt aus.

    Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit=Preisniveau x Transaktionen

    Das Kalkül könnte nun sein, dass Geld in heisse Kastanien zu verwandeln (Umlaufgeschwindigkeit), indem man Negativzins nimmt. Die linke Seite der Gleichung muss endlich steigen, somit auch die rechte.

    Aber das ist die Theorie. Die Praxis sieht meist anders aus. Was ist wenn der Negativzins von den Banken im Sinne einer Mischkalkulation an die Kunden weiter gereicht wird (sinkende Zinsen auf Guthaben, steigende auf Kredite?) Und wieso sollten Negativzinsen zu geistigen Innovationen und neuen Geschäftsmodellen führen, die sich auf den Weltmärkten durchsetzen usw…? Was ist mit Kapitalflucht in andere Währungen (schweizer Franken, NOK, Sing.Dollar, Gold …)

    VG

    • Chris sagt:

      Meine Überlegungen dazu:

      Unser Eigenheimfinanzierer hat uns 6 Monate vor Laufzeitende ein Angebot über 1,6 % für 10 Jahre unterbreitet, wenn wir sofort annehmen würden. Das letzten Male lag allein der Strafzinsaufschlag für unsere Selbstständigkeit bereits bei fast 3%. Da ich gesundheitlich damals nicht in der Lage war, Vergleichsangebote erstellen zu lassen, nahm ich an. Aber dieses Geschäftsgebaren ärgerte mich, denn unser Gewinn war immer mehr als zufriedenstellend und nur noch 40% zu finanzieren.
      Jetzt sind wir bei EUR 80.000 und 25 % Verkehrswert angelangt und ich denke wir lösen sämtliche Sparanlagen auf und tilgen vollständig.

      Warum:
      Dieses Geschäftsgebaren der Bank wirkt nach,
      das mangelnde Vertrauen in den EURO und die Politik,
      die Belastung durch Kredite während einer Deflation/Rezession.

      Gegenargumente: Eine zusätzliche Belastung durch staatliche Zwangsabgaben die 25 % könnte eintreten.

      In unserem Umfeld lösen die älteren Nachbarn ihre Ersparnisse auf und stecken sie in die Renovierung ihrer Häuser, dies sind stets hohe Beträge: Durchschnittlich 25.000 EUR pro Person, bzw. EUR 50.000 pro Haushalt. Dieses Geld wird nicht wieder angespart, siehe Rentensituation. Ich habe mal zusammengezählt 50 große Renovierungen plus 20 Neubauten in der direkten Nachbarschaft in drei Jahren, durch die Neubauten wird sich die Kreditsumme erhöhen, aber die Einlagen sinken.

      Der EUR ist doch bereits eine heiße Kartoffel.

      Also unsere Einlagen fehlen den Banken: Wir werden 80.000 EUR tilgen und zusätzlich renovieren bzw. neu erstellen, dies bedeutet EUR 110.000 Einlagenabfluß. 30.000 EUR gehen jetzt in die Wirtschaft. Wir haben lange gewartet, aber die hohe Auftragslage der Handwerker sinkt nicht, kleiner CrackupBoom.
      Zusätzlich sinkt die Kreditsumme um EUR 80.000. Wenn wir der Durchschnitt wären, würde dies bedeuten, daß die Kreditsumme um 2,13 Billionen in Deutschland sinkt und die Einlagen um 2.93 Billionen EUR. Hier in unserem Gebiet sind wir der Durchschnitt, wenn Gesamtdeutschland betrachtet wird wahrscheinlich nicht.

      Der einzige Ausweg wäre, daß die Banken und die Politik wieder Vertrauen und Stabilität bzw. Verläßlichkeit herstellen, einen anderen sehe ich nicht.

      Ich würde mich freuen, wenn mein Beitrag diskutiert wird, insbesondere auch unsere Tilgungs-und Renovierungsabsichten.

      Chris

      • samy sagt:

        N’Abend,

        dein Banker deines Misstrauens setzt dir ein zeitliches Ultimatum, damit du sofort annimmst? Du hast genug Reserven, um den Kedit sofort zu tilgen? Du kennst dich in deiner Nachbarschaft offensichtlich prächtig aus, bist also in und mit deiner Immobilie sozial voll integriert?

        Klingt danach, als hättest du alles richtig gemacht.Rat brauchst du eigentlich nicht.

        Wenn ich dir trotzdem etwas raten soll, dann das du dein Ding durchziehst. Lös den Kredit aus. Das schwebt dir vor, das sagt dir dein Bauch und es klingt vernünftig und solide. Das war doch dein Ziel. Und dann geniess das Gefühl der Schuldenfreiheit bei einem Sekt.

        Solltest du dennoch den Kredit rollieren wollen, dann warte nicht mehr auf niedrigere Zinsen. Wie niedrig denn noch? Überleg dir vielleicht, ob du die Laufzeit verlängern solltest, wenn du vielleicht 2% akzeptierst und lass die das Sondertilgungsrecht einräumen, wie MARKT schon sagt.

        Aber wozu? Worin dann investieren? Zugunsten welchen neuen Zieles das jetzige aufgeben. Wenn du nicht weisst wozu, dann ist es besser den Kredit zu tilgen. Nicht vor der Ziellinie verzetteln.

        VG

  2. MARKT sagt:

    Hallo Chris,

    meine bescheidenen Meinung: Tilgen generell sinnvoll und nur zu empfehlen. Bei einer Restschuld von „nur noch“ 80.000 aber insbesondere bei einer Verschuldung von 25% des Verkehrswertes, würde ich an Diversifizierung denken.
    Auch wenn die Goldbugs hier weitgehend verschwunden sind, ein bisschen Edelmetall kann nicht schaden, auch wenn es vielleicht noch ein oder zweimal günstiger werden kann (dann zum nachkaufen nutzen)

    Die reine Zinsbelastung für Sie liegt dann bei 106,67 € im Monat , dass ist außerordentlich niedrig und dürfte als extreme Belastung eigentlich nicht angesehen werden. Zudem könnten komplett schuldenfreie Objekte ggf. bei einer Zwangsabgabe „bevorzugt“ werden.

    Nur der Ärger über das sicherlich nicht kundenfreundliche Geschäftsgebaren der Bank bringt ihnen persönlich leider gar nichts. Inzwischen sind Sie in der stärkeren Situation und dies sollten Sie auch unter Beibehaltung angemessener Demut nutzten.

    Trotzdem sollten Sie die nächsten 3-4 Jahre ihre Einlagen sukzessive zurückfahren. Meiner Meinung nach werden sich die Investitionsmöglichkeiten in Sachwerte zu deutlich besseren Preisen für Käufer weiter erhöhen. Und ab einem Dax Niveau (Performance Index) von 4000 Punkten dürften auch einige Aktien wieder angemessen bewertet sein und einen Kauf rechtfertigen. Sollten diese Kurse, für mich wider erwarten nicht eintreten, dürften Investitionen in Grund und Wald ggf. auch außerhalb Deutschlands und der EU geeignete Investitionsmöglichkeiten bieten. Sie sollten die Möglichkeit der Diversifizierung meiner Mieinung nach jetzt nutzten, dies haben nicht alle Immobilien-„besitzer“ und wenn machen Sie oftmals den Fehler ausschließlioch in weitere oder die Bestandsimmobilie zu investieren.

    Noch eins. Im Falle einer Anschlußfinanzierung auf jeden Fall die Möglichkeit von Sondertilgungen in ihrem Falle von Mindestens 25% der ursprünglichen Darlehenssumme (80.000,- €) einräumen lassen, auch wenn es 0,1% oder 0,15% Zinsaufschlag kosten sollte.

    Schönes Restwochenende

  3. Marrei sagt:

    An Chris
    ehrlich gesagt würde ich noch warten, bis nochmal eine Zinssenkung erfolgt. Man kann ja auch eine Zeitlang variabel abschließen, dann zahlt man nur die niedrigen Zinsen für kurze Anlagen/Finanzierungen bis man sieht, wohin die Reise geht. (Einen Teil des Geldes würde ich in eine Anleihe stecken, z.B. 4% ThyssenKrupp A1R08U, wenn sie knapp bei 100% ist. war kürzlich sogar bei ca.99 . ein bisschen Mut gehört dazu!)

    • Chris sagt:

      Danke Marrei

      Nach variabel habe ich auch gefragt, dies geht bei dieser Finanzierung angeblich nicht, da ein fester Endzeitpunkt der Tilgung angegeben werden muß. Sonst hätte ich EUR 50.000 variabel prolongiert. Unter 50.000 EUR gibt es stets eine Zinsaufschlag.

      Also warten wir mal die Bundestagswahlen ab.

      Grüße

      Chris

    • Chris sagt:

      Und wie seht Ihr das mit dem Entsparen des Mittelstandes?

      Grüße

      Chris

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