EZB-Käufe: Ungereimtes aus dem Experimentierbaukasten

20. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Wenn die EZB etwas entscheidet, lohnt es sich, den Dingen auf den Grund zu gehen. Das glaubte ich in der vergangenen Woche durch drei Kommentare hier, auf goldseiten.de und bei rolandtichy.de hinreichend getan zu haben. So kann man sich irren…

Denn nach nochmaliger Lektüre der offiziellen EZB-Mitteilung vom 10. März ist mir aufgefallen, dass die EZB sich um die konkrete Antwort zu einer brisanten Frage herumgedrückt hat:

Welche Anleihen außer den bereits feststehenden werden zusätzlich zum Kaufprogramm der EZB ab Ende des zweiten Quartals gehören?

Offiziell heißt es:

„Der Rat der Europäischen Zentralbank hat heute beschlossen, ein neues Programm zum Ankauf auf Euro lautender Investment-Grade Anleihen von Unternehmen (ohne Banken) im Euroraum aufzulegen, um die Transmission der Anleihekäufe des Eurosystems auf die Finanzierungsbedingungen der Realwirtschaft weiter zu verstärken.“

Zunächst scheint alles klar zu sein; demnach hat die EZB es auf Edel-Anleihen abgesehen. Ist aber gar nicht klar. Definiert man nämlich Investment-Grade wie üblich als Rating von AAA bis BBB oder vergleichbar, fällt das sehr dünne bis gar nicht vorhandene Angebot an solchen Anleihen auf.

Nun ließe sich die Meinung vertreten, bis zum Ende des zweiten Quartals sei noch genug Zeit, um zusätzliches Angebot zu generieren. Angenommen, das erweist sich als richtig, welcher Gedanke liegt da wohl nahe? Na klar, Unternehmen mit dem passenden Rating werden – den extrem niedrigen bis negativen Zinsen sei Dank – Anleihen emittieren, was das Zeug hält, im Zweifel sogar auf Vorrat.

Und schon drängt sich die nächste Frage auf: Wohin mit dem vielen Anleihen-Geld? Auf die hohe Kante legen? Bringt nichts. In den Maschinenpark investieren? Der ist in Unternehmen aus den meisten Euroländern eh noch nicht genug ausgelastet. Eigene Aktien kaufen? Aus Sicht der Firmenchefs zweifellos eine reizvolle Option, denn sie könnten auf dem Umweg über den erhöhten Shareholder Value hohe Boni kassieren und sich obendrein von ihren Aktionären feiern lassen. Andere Unternehmen kaufen? Das wär’s, und die EZB stünde gewissermaßen als Pate des nächsten Konzentrationsprozesses da. Wollen wir das? Aus Sicht des starken deutschen Mittelstands bestimmt nicht, aus Sicht der großen Konzerne durchaus.

Doch angenommen, ein anderer Gedanke erweist sich als richtig: Dass der Markt für Investment-Grade-Anleihen bis zum Ende des zweiten Quartals zu klein bleibt, um den Kaufwünschen der EZB gerecht zu werden. Dann wird diese sich zweifellos etwas Neues einfallen lassen müssen. Aber was?

Anleihen mit einem Rating unter BBB kommen nicht infrage, weil die EZB sich auf Investment-Grade festgelegt hat. Ihr wird nichts anderes übrig bleiben, als an der einen oder anderen Stellschraube zu drehen, ohne sie zu überdrehen – ein Experiment, dessen Erfolgsaussichten längst noch nicht feststehen.

Immerhin finden sich im offiziellen EZB-Statement Sätze wie die folgenden, die für die Stellschrauben-These sprechen:

„Für Wertpapiere, die von zugelassenen internationalen Organisationen und multilateralen Entwicklungsbanken begeben wurden, wird die je Emittent und Emission geltende Ankaufobergrenze auf 50% angehoben. Um das Prinzip der Risikoteilung im Umfang von 20% beizubehalten, wird der Anteil der EZB an den monatlichen Ankäufen im Rahmen des PSPP von 8% auf 10% erhöht.“

PSPP ist das neue Programm zum Kauf von Unternehmensanleihen

Über dessen Erfolgsaussichten kann man streiten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die EZB sich von einem Neuland zum nächsten bewegt. Auch die anderen Zentralbanken haben Neuland betreten, was die ganze Sache nur noch undurchsichtiger macht.

Und schon liegen neue Pläne auf dem Tisch:

…zum einen das Übergreifen der EZB auf die Fiskalpolitik mittels Monetarisierung von Staatsschulden wie zuletzt beschrieben…

zum anderen der sinnbildliche Abwurf von Geld aus dem Helikopter.

Dieses Bild geht zurück auf den amerikanischen Ökonomen Milton Friedman und auf eine Rede von Ben Bernanke, Vorgänger von Janet Yellen auf dem Chefsessel der US-Notenbank Fed. Es bedeutet: Geld aus dem Nichts wird an den Finanzmärkten vorbei an Staaten und ihre Bürger verteilt. Ansatzweise hat es das ja schon in den USA gegeben. Würde dieses Geld virulent, wäre eine Hyperinflation die Folge.

© Manfred Gburek – Homepage

 

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