EZB japanisiert uns mit kleinen Schritten

5. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die EZB schreitet unbeirrt voran, die Kaufkraft des Euro durch Niedrigzinsen und Geldmengenvermehrung zu schmälern. Am 3. Dezember 2015 hat der EZB-Rat beschlossen, den Einlagenzins noch weiter abzusenken, und zwar auf –0,3 Prozent. Man wolle, so die offizielle Begründung, dadurch die Euro-Wirtschaft beleben. Vor allem sei das auch ein notwendiger Schritt, um die laufende Inflation wieder in Richtung der Zwei-Prozentmarke zu bringen. Doch können diese Argumente wirklich überzeugen?

Der EZB-Rat will den Zusammenbruch des Euro-Raums mit allen Mitteln abwenden. Doch Letztere sind knapp geworden. Im Grunde gibt es nur noch eines: das Anwerfen der elektronischen Notenpresse. Die EZB kauft bereits Euro-Staatsanleihen auf und bezahlt die Käufe mit neuem, „aus dem Nichts“ geschaffenem Geld. Es handelt sich dabei um nichts anderes als eine Inflationierungspolitik.

Die Preiswirkung mag noch nicht offen zutage treten. Doch das ist nur eine Frage der Zeit. Es ist eine ökonomische Gesetzmäßigkeit, dass ein Ansteigen der Geldmenge die Kaufkraft des Geldes schmälert.

polleit-2015-12-04-1Mit Käufen von Staatsanleihen wird nicht nur die Geldmenge vermehrt. Sie helfen auch, die Kapitalmarktzinsen herunterzudrücken. Ein negativer Einlagenzins hilft, ihre Talfahrt zu verstärken. Unmittelbar nach dem EZB-Zinsentscheid ging ein kräftiges Beben durch die Finanzmärkte: Der Euro wertete stark auf gegenüber dem US-Dollar, die Aktienkurse fielen stark, die Kapitalmarktzinsen stiegen.

Die Finanzmärkte hatten sich ganz offensichtlich „mehr“ von der EZB erhofft. Die Marktreaktion zeigte unmissverständlich, wie abhängig die Finanzmärkte von immer mehr Liquidität und immer niedrigeren Zinsen geworden sind.  Doch auch wenn die EZB „hinter den Erwartungen“ zurückgeblieben ist, sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die EZB „auf Kurs“ ist: Sie verfolgt eine Politik der „kleinen Schritte“ und verabreicht die Niedrig- beziehungsweise Negativzinspolitik und die Geldmengenvermehrung in kleinen Dosen, nach und nach. „Unkonventionelle Politiken“ lassen sich so recht gut durchsetzen.

Eine geldpolitische „Salamitaktik“ erschwert es der Öffentlichkeit, die negativen Effekte zu erkennen; und der einsetzende Gewöhnungseffekt schwächt den Widerstand, der sich ansonsten gegen die Politik regen würde.

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Keine Rückkehr zur Normalität

Sparer und Investoren werden versuchen, den niedrigen beziehungsweise negativen Zinsen auszuweichen. Sie werden beispielsweise ihre Nachfrage nach Häusern und Aktien ausweiten. Auf diese Weise werden spekulative Preisblasen auf den Vermögensmärkten provoziert. Es kommt zu einer Fehllenkung von Kapital, die früher oder später erneut in eine Anpassungskrise führt.

Verlässt Kapital den Euroraum, wertet der Euro-Außenwert ab. Die Bürger im Euroraum werden ärmer. Konsumenten müssen nun höhere Preise zahlen für den Erwerb von importierten Gütern wie zum Beispiel Energie und Software. Für Unternehmen aus dem Euroraum wird es teurer, beispielsweise im Ausland zu expandieren und Vermögen zu erwerben.

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Vor allem aber verhindert die EZB-Politik der Geldmengenvermehrung und der künstlich gesenkten Zinsen, dass die Volkswirtschaften im Euroraum auf einen „gesunden“, einen „natürlichen“ Wachstumspfad zurückkehren können. Die EZB befördert im Kern japanische Verhältnisse im Euroraum. Das Wirtschaftsgeschehen wird zusehends stagnativ, weil Ineffizienz und staatliche Misswirtschaft mit der EZB-Notenpresse subventioniert werden.

Hinter all dem verbirgt sich das Bestreben des EZB-Rates, im Zuge vieler kleiner Schritte die Kaufkraft des Euro herabzusetzen. Die EZB-Räte wissen vermutlich, dass nur so, wenn überhaupt, der Euroraum zusammengehalten werden kann.

Die Geldmenge wächst kräftig. Das spricht für weiter steigende Preise im Euroraum

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Wachsende reale Geldmenge. M1 spricht für ein Inflationieren des Euroraum-Aktienmarktes.

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Der US-Zinsvorteil lässt den Euro gegenüber dem US-Dollar abwerten.

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Dollar, Schweizer Franken in bar, Gold

Am 15. Januar 2015 hob die Schweizer Nationalbank (SNB) die Bindung des Schweizer Franken in Höhe von 1,20 gegenüber dem Euro auf. Daraufhin wertete der Franken deutlich auf gegenüber dem Euro. Derzeit handelt er bei etwa 1,08. Vermutlich würde der Franken stärker aufwerten, wäre da nicht die SNB, die nach wie vor Euro aufzukaufen und im Gegenzug mit neu geschaffenen Franken zu bezahlen scheint.

Die Fremdwährungsreserven der SNB sind mittlerweile auf mehr als 566 Mrd. CHF Ende September 2015 angeschwollen. Gleichzeitig hat die SNB ihren Leitzins auf –0,75 Prozent geschleust. Dadurch sind auch alle anderen gängigen Zinssätze negativ geworden. Wer Franken hält, der erleidet Verluste aufgrund des Negativzinses. Das jedoch hält diejenigen Sparer nicht davon ab, Franken zu halten, die fürchten, mit anderen Anlagen noch größere Verluste zu erleiden.

Die SNB stemmt sich nach wie vor gegen eine weitere Franken-Aufwertung gegenüber dem Euro – beziehungsweise sie scheint sie zu verlangsamen wollen. Der „Druck im Kessel“ dürfte jedoch bereits gewaltig sein – und einiges spricht dafür, dass er noch stärker wird. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) ist dabei, vor allem die kurzfristigen Euro-Zinsen stärker als bisher in den Negativbereich zu senken. Zudem ist zu erwarten, dass die EZB noch mehr Staatsschulden aufkaufen und mit neu geschaffenen Euro bezahlen wird. Also nicht nur der Negativzins im Euroraum, sondern auch die Vermehrung der Euro-Geldmenge werden Sparer und Investoren verstärkt dazu anhalten, nach Alternativen zum Euro Ausschau zu halten.

Wer darüber nachdenkt, liquide Mittel zu halten, der sollte drei Alternativen näher betrachten. Die erste ist der Schweizer Franken. Früher oder später wird die SNB den Franken weiter aufwerten lassen müssen. Denn eine Geldwertverschlechterung, wie sie den Euro-Sparern ins Haus steht, werden die Schweizer vermutlich nicht zulassen. Noch mag der Zeitpunkt nicht gekommen sein, dass die SNB die Finger von der Franken-Wechselkurspolitik lässt, aber er wird kommen. Franken-Halter können nicht nur auf einen Aufwertungsgewinn spekulieren. Für sie bietet es sich zudem an, den Franken in Form von Bargeld zu halten – denn auch auf diese Weise können sie dem Negativzins entgehen.

Die zweite Alternative ist der US-Dollar. Die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Weltwirtschaft, vor allem auch die wirtschaftlichen und politischen Unwägbarkeiten in Europa, scheinen sich wieder einmal in einer Aufwertung des US-Dollar zu zeigen. Zudem bieten kurzlaufende US-Anlagen einen (zumindest kleinen) Zinsvorteil gegenüber vielen anderen Währungsräumen, insbesondere gegenüber dem Euro.

Die dritte Alternative ist Gold. Das Gold wird zusehends zu einer ernsten Alternative zu Termin- und Spareinlagen bei Banken. Als klassische Liquiditäts- und Sparformen werden Termin- und Spareinlagen auf absehbare Zeit keine Zinsen mehr abwerfen. Zudem sind sie auch der Gefahr der Entwertung durch Inflation oder ein „Bail-in“ bei den Banken ausgesetzt. Das Gold ist das ultimative Zahlungsmittel, ein stets liquides Gut. Es ist – aufgrund seiner physischen Eigenschaften – geradezu perfektes Geld, dass durch politische Willkür nicht entwertet werden kann.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

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3 Kommentare auf "EZB japanisiert uns mit kleinen Schritten"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    …Das Gold wird zusehends zu einer ernsten Alternative zu Termin- und Spareinlagen bei Banken…
    Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Thorsten Polleit,
    ich hoffe Sie liegen falsch und ich hoffe weiter, dass die Menschen weiter ihr Geld in Papiere, gleich welcher Art, investieren.
    Denn wenn die Menschen sich dem Gold zuwenden um ihr Erspartes langfristig zu sichern, wird sich den Finanzminister diesen Menschen zuwenden.
    Mit der Alterssicherung in Gold, kann der Finanzminister keine Steuern einnehmen.
    Auch die gesetzlichen Krankenkassen können nur über das Einkommen ihre Beiträge erheben und Zuzahlungen für Leistungen berechnen.
    Sollten Gold für die private Altersabsicherung Schule machen, würde wohl der Goldankauf mit MwSt. belegt, und beim Verkauf würde die Kapitalertragssteuer fällig.
    Die Möglichkeit anonym Gold zu kaufen wäre dann auch wohl Geschichte.
    Dennnnnn— irgendwann müssen wir die Schulden bezahlen, und das geht nur durch streichen von Guthaben; dazu werden aber Papiere benötigt, die ein Versprechen beinhalten; bei Unzen geht das nicht; jedenfalls ging es die letzten paar tausend Jahre nicht.
    Also Leute, kauft Papiere, gleich welcher Art; überlasst das unnütze Gold, das man sowieso nicht essen kann und auch wohl bald verboten wird, den wirren Menschen, die nicht an die Allmacht der Zentralbanken und an die Versprechen der Politiker glauben.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

  2. bluestar sagt:

    De facto gibt es keine Möglichkeit sich dem fabrizierten Chaos mit nachfolgender Entwertung zu entziehen. Alle Menschen mit etwas Vermögen werden zur Kasse gebeten, das ist klar.
    Schließlich werden ja bereits jetzt schon die Maschen spürbar enger gezogen, damit beim Finale dem finanziellen Staatsterror keiner ausweichen kann. Offenlegung von Tresorinhalten in Deutschland ist nicht ausgeschlossen. Terrorgefahr rechtfertigt alles.

    • blub sagt:

      bluestar sagt:
      5. Dezember 2015 um 10:50

      De facto gibt es keine Möglichkeit sich dem fabrizierten Chaos mit nachfolgender Entwertung zu entziehen. Alle Menschen mit etwas Vermögen werden zur Kasse gebeten, das ist klar.

      Naja, das wird so nicht stimmen. Das Vermoegen kann immer nur relativ betrachtet werden. Wenn nominell 90% der Bevoelkerung 50% ihres Vermoegens verliert, 10% der Bevoelkerung jedoch nur 30%, dann sind letztere faktisch reicher geworden.

      Aber an Lebensqualitaet werden vermutlich fast alle verlieren:

      – die armen Schuldner werden dauergestresst sein
      – die aermeren Vermoegenden werden quasi alles verlieren, weil sie fuer Immobilien, Aktien, Risiko streuen etc. zu wenig besitzen.
      – die Mittelschicht wird auch gestresst sein, weil sie kein Risiko streuen kann. Alles auf die Eigenimmobilie zu setzen ist riskant
      – die untere Oberschicht hat viel zu verlieren und ist deswegen sehr angespannt und muss sich ausserdem steigenden Anfeindungen aussetzen
      – die oberen Zehntausen waeren eigentlich die Gewinner — wenn sie sich nicht immer mehr in Reichen-Getthos zurueckziehen muessten um Entfuehrungen/Anschlaege etc. zu vermeiden.

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