EZB – die Blauäugigen unter den Blinden

7. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang KreutzerHomepage

I can’t get no satisfaction
I can’t get no satisfaction
‚Cause I try and I try and I try and I try
I can’t get no, I can’t get no

Mario Draghi erinnert mich immer wieder an diesen Song der Rolling Stones, an das verbohrte, immer wieder wiederholte Bemühen, ein Ziel zu erreichen – und dabei permanent und grandios zu scheitern.

Mario Draghi will das Geld entwerten, jedes Jahr um möglichst ganz genau zwei Prozent, in 20 Jahren also um ein Drittel – doch so sehr er auch versucht, die Inflation anzuheizen, so wenig kommt dabei heraus. Meint er.

Blauäugigkeit kann schlimmer sein als Einäugigkeit. Blauäugigikeit, Synonym für äußerste Naivität, das ist das, was Kinder an Weihnachtsmann, Klapperstorch und Osterhase glauben lässt, bevor sie anfangen, die Welt selbst zu betrachten, selbständig zu denken und zu urteilen.

Mario Draghis Modell der Inflation ist so weit vereinfacht und auf Laborverhältnisse zugeschnitten, dass man es getrost als untauglich bezeichnen kann, die Wirklichkeit abzubilden oder gar Prognosen daraus ableiten zu können.

Draghis Modell blendet die Realität vollkommen aus, sonst könnte er erkennen, dass es sehr wohl deutliche Anzeichen für eine galoppierende Inflation gibt.

Der Warenkorb für deutsche Qualitätsaktien hat sich in den letzten 12 Monaten um volle 19 % verteuert! (von 9250 auf 11.000 Punkte), wenn das keine Inflation ist! Trotz VW-Skandal und Deutsche-Bank-Krise!

Das 30 m² Appartement in München ist von 2011 bis 2014 um 80 Prozent teurer geworden (von 3.027 auf 5.435 Euro). Wenn das keine Inflation ist!

In Freiburg stellte unlängst das „4. Forum Wirtschaft meets Kunst“ fest, dass nicht nur einzelne Gemälde (ein Gauguin im Februar für 300 Millionen Dollar, ein Picasso etwas später 180 Millionen Dollar) explosive Preissteigerungen aufweisen, sondern dass – nach Angaben des Sammlers Karl-Heinz Essel, die Preise für Kunst jährlich um durchschnittlich 5 bis 7 Prozent nach oben gingen. Wenn das keine Inflation ist!

Beispiele gäbe es noch wie Sand am Meer, wobei Gold,das soll nicht unerwähnt bleiben, die sonderbare Ausnahme bildet und – in Dollar betrachtet – über die letzten Jahre kontinuierlich billiger geworden ist.

Blauäugigkeit meint hier vor allem,

  • nicht zu erkennen, dass die Billion, die von der EZB in die Hand genommen wurde, um die Inflation anzuheizen, die Preise überall da in die Höhe getrieben hat, wo das Geld angekommen ist, nämlich im Finanz- und Anlagesektor, dass dort die Preise explodieren,
  • und die Augen davor zu verschließen, dass da, wo die Inflation gemessen wird, nämlich bei den Verbraucherpreisen, so gut wie nichts von der Geldschwemme ankommt, ja auch gar nicht ankommen kann!

Blauäugigkeit heißt die Augen davor zu verschließen,

  • dass in der gesamten EU die verfügbaren Einkommen der Bevölkerung schrumpfen, ja dass sogar im Musterland Deutschland die Lohnsumme seit langer Zeit stagniert, wobei sich innerhalb dieser Summe noch einmal eine Verschiebung ergibt, die daraus resultiert, dass immer mehr Menschen mit geringeren Einkommen auskommen müssen, während die ausgleichenden Zuwächse eher am oberen Ende der Einkommensskala zu beobachten sind.

Wo aber für den Konsum, an dem die Inflation gemessen wird, unter dem Strich immer weniger Geld zur Verfügung steht, können in den Einzelhandelspreisen keine Preissteigerungen weitergegeben werden. Also hält der Handel die Preise niedrig und zwingt die Produzenten zu Preisnachlässen, die von diesen durch Rationalisierung. weitere Lohndrückerei und Qualitätsverschlechterungen aufgefangen werden.

Die Annahme, die Konsumenten würden ihr Geld zurückhalten, um sich Brot und Margarine erst dann zu kaufen, wenn die Preise noch weiter gefallen sind, ist Blödsinn. Die Konsumenten würden gerne vieles kaufen, wofür Bedarf besteht, können dies aber nicht aktiv nachfragen, weil sie schlicht kein Geld haben, und weil die Banken sich in Anbetracht der minderen Bonität weigern, Kredite zu vergeben.

Nun hat die EZB angekündigt, dem Finanzsektor noch mehr Liquidität zuzuschanzen und ihnen dafür noch mehr noch problematischere Papiere abzunehmen. Ja, das rettet die Bilanzen so mancher Bank, weil Abschreibungsbedarf an die EZB übertragen werden kann, ja, es rettet die Einlagen der Bankkunden, weil die zugeflossene Liquidität sich an den Finanzmärkten auf die Suche nach Rendite begeben kann.

Die Annahme, über die Verhängung von Negativzinsen für Einlagen bei der EZB könnten Banken gezwungen werden, vermehrt Kredite zu vergeben, ist ebenfalls blauäugig. Dieser Weg wird das Misstrauen unter den einzelnen Instituten verstärken, der Schwarze Peter „Liquidität“ wird immer schneller und zunehmend bösartiger von einem Institut zum anderen weitergereicht werden – und die Letzten beißen dann die Hunde.

Zudem wird der Ausweg, über das EU-Ausland Liquidität loszuwerden, immer stärker genutzt werden, was aber auch nicht taugt, um im Inland die Verbraucherpreise in die Höhe zu treiben.

Ich bekomme zwar inzwischen, ohne darum gebeten zu haben, fast jeden zweiten Tag Post von irgendeiner Bank, die mir einen Kredit anbietet, seit kurzem sogar mit einem Zinssatz von 0,0 Prozent, doch bin ich der Meinung, dass zinsfreie Kredite ein Instrument sind, um den Geldwert stabil zu halten und den Wachstumszwang zu reduzieren, dass damit aber kaum die Inflation angeheizt werden kann, zumal dem zinsfreien Kredit auf der anderen Seite längst Barzahlungsrabatte von um die 20% (da ist sie wieder, die reale Deflation!) beim Neukauf von Automobilen gegenüberstehen.

Doch es fällt eben schwer, beide Angebote, so verlockend sie sind, auch zu nutzen, wenn die allgemeine Unsicherheit, die wirtschaftliche Zukunft betreffend, die Frage aufwirft, ob denn die fälligen Raten auch im nächsten Jahr noch bezahlt werden können.

Diejenigen, die sich darüber keine Gedanken machen, und deren Banken, die alle Augen zudrücken, schaffen damit nur eine neue Kreditblase nach dem Modell Subprime,USA – und das mitten in einer tatsächlich deflationären Bewegung.

Diese deflationäre Bewegung ist aber nicht von der Zentralbank ausgelöst, auch nicht von den Geschäftsbanken, sondern in allererster Linie von unserer eigenen Regierung, die seit Schröders Agenda 2010, mit Fernwirkung in die gesamte EU, die Massenkaufkraft beschnitten und den Arbeitsmarkt in eine römische Arena verwandelt hat, in der Gladiatoren – jeder gegen jeden – ein Spiel um Alles oder Nichts zu spielen haben, wenn sie nicht draußen verhungern wollen.

Wer den Arbeitsmarkt dereguliert, soziale Sicherung auf ein Minimum reduziert, damit der Exportwirtschaft durch Lohndumping zu einer grandiosen Wettbewerbsposition verhilft, kann nicht erwarten, dass sich dadurch im Binnenmarkt ein Mehr an Kaufkraft und daraus Inflation entwickelt.

Kein vernünftiger Mensch kann so blauäugig sein, diese Zusammenhänge nicht zu erkennen. Auch Mario Draghi nicht.

Wenn die EZB also demnächst die Geldpolitik noch weiter lockert, dann ist die Hoffnung auf ein Anspringen der Inflation absolut unbegründet, solange nicht der gesamte Finanzsektor in die Inflationsbetrachtung einbezogen wird. Dann würde sich jegliches weiters Aufbauschen der QE-Politik aber von selbst verbieten.

Quantitative Easing ist ein Hilfsprogramm für so genannte „Investoren“, denen wird die Liquidität bereitgestellt, um sich mit rentableren Anlagen einzudecken, auch um Geldanlagen in Sachanlagen umzuwandeln. Es ist die Finanzierung der Privatisierung durch die EZB. Nichts sonst.

Und wenn das letzt Grundstück verkauft ist, die letzte Aktie der DAX-Unternehmen in den richtigen Händen, der letzte Rembrandt in einem Bunker in den USA untergebracht sein wird, dann wird die totgesagte und herbeigesehnte Inflation über uns kommen, nicht nur galoppierend, sondern mit Überschallgeschwindigkeit.

Leider können das Blinden nicht sehen, und die Blauäugigen sehen es zwar, halten es jedoch für vollkommen ausgeschlossen, weil sie im Lehrbuch dazu nichts gefunden haben.

Da bleibt mir nur übrig, zu rufen: „Einäugige aller Länder vereinigt euch!“ Leider sind die meisten Einäugigen auf beiden Ohren taub.

Print Friendly

 

4 Kommentare auf "EZB – die Blauäugigen unter den Blinden"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Sehr geehrter Herr Kreutzer,
    in mir ruhen auch zwei Seelen.
    Einmal habe ich 2009 (zugegeben in Panik) meine Lebensversicherung gekündigt und einige Hunderttausende für meine Altersversorgung in Edelmetalle umgetauscht.
    Die ganzen Jahre konnte ich gut schlafen und habe noch etwa 35 bis 40% Kursgewinne gemacht.
    Natürlich würde ich mich freuen, wenn der Goldpreis heute bei 1.500 Euro liegen würde.
    Aber– auf der anderen Seite kann meine Ehefrau 2018 , wenn sie dann 65 Jahre alt ist, ihre Immobilie in den Bergen über Málaga steuerfrei verkaufen.
    Ich hoffe, dass sich Draghi und Co. noch mindestens bis 2018 weiter durchwurschteln und– was ganz wichtig ist, dass der Goldpreis bis dahin nicht steigt, denn wir werden natürlich alles sofort in unkaputtbare Unzen umtauschen.
    Ich denke auch, dass unsere Kinder lieber einen kleinen (steuerfreien) Goldschatz erben werden, als eine Immobilie in Málaga, für die sie dann noch Erbschaftssteuer bezahlen müssen; und die ist in Spanien recht happig.
    Also ihr Edelmetalldrücker,
    bis 2018/19 dürft ihr weiter drücken; desto mehr desto besser.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

  2. Erich sagt:

    Nun, so blöd ist Draghi sicher nicht, als dass er nicht wüsste, dass seine Aufkäufe nichts gegen die Deflation bewirken, und sie zum Teil sogar verstärken können. Aber darum geht es ihm doch gar nicht. Wichtig ist ihm nur die Vergemeinschaftung der Schulden, die er auf diesem Weg bequem erreicht. Dies ist sicher auch unserer Bundeskanzlerin bewusst, der nichts wichtiger ist, als der Erhalt des Euro – koste es, was es wolle. Die Deflation wird da nur vorgeschoben, damit das Stimmvieh nicht mitbekommt, um was es eigentlich geht. Die Kosten entstehen dann irgendwann später – da sind Draghi und Merkel längst in Pension.

  3. Insasse sagt:

    Mit dem Zweiten sieht man hierzulande auch nicht wirklich besser. Ich möchte sogar meinen, dass die Einäugigen erst wegen des Zweiten zu dem geworden sind, was sie sind: auf einem Auge blind. Und auf dem (noch) sehenden Auge sind sie blauäugig. Eine erfolgreiche Kombination sieht anders aus…

  4. randy sagt:

    Guter Artikel. Nur leider kann der Autor nicht so gut rechnen. Die langfristige Geldentwertung ist bei 2% Inflation ist VIEL HÖHER.
    Zitat „Mario Draghi will das Geld entwerten, jedes Jahr um möglichst ganz genau zwei Prozent, in 20 Jahren also um ein Drittel“. Leider beträgt die Geldentwertung nach 20 Jahren fast 50% (genau 48,6%). Wer da von Preisstabilität redet, ist entweder dumm oder ein dreister Lügner (damit meine ich die Politiker und Notenbanker)

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.