EZB auf Crashkurs ohne Rückfahrkarte

26. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Als Douglas Adams im Jahr 1987 das Buch „der elektrische Mönch“ schrieb, hatte er eine Vision im Sinn, die heutzutage eine perfekte Sache wäre. Ein elektrischer Mönch ist darauf programmiert, alles zu glauben, was man ihm erzählt. Wenn Sie ein solches Exemplar besitzen, können sie ihn vor den Fernseher setzen oder die Zeitung lesen und ihn glauben lassen, was man uns weismachen will. Das spart Zeit und man hat den Kopf frei.

Bedauerlicherweise muss ich mir das ganze Zeug noch selber anhören, was dazu geführt hat (ernsthaft) das sich in der Nacht zum Freitag von Mario Draghi und seinem stets säuerlichem Gesichtsausdruck geträumt habe. Aber vielleicht kann ich mir einen solchen elektrischen Mönch ja in Kürze leisten, denn jetzt wird konsumiert und alles gut – oder nicht?

Was mir momentan schlechte Träume einbringt, ist etwas, das die EZB sicherlich nicht mag und womöglich selbst nicht tut: Ich denke darüber nach, was die Europäische Zentralbank da treibt, wohin das führt … und stelle fest, dass es nicht funktionieren wird. Das Ganze wird nicht besser dadurch, dass als Schlussfolgerung der Überlegungen auftaucht: Wir fahren gerade mit scheinbarer Begeisterung Vollgas gegen die Wand. Und dummerweise würden die Bremsen nicht funktionieren, falls man in die Eisen steigen würde. Was man aber nicht tun wird.

Dass die finanziell und konjunkturell wacklig dastehenden Länder der Eurozone über diese massiven Käufe am Anleihemarkt erfreut sind, ist nicht unbedingt überraschend. Denn das dadurch noch weiter sinkende Zinsniveau bedeutet eine immer günstiger werdende Refinanzierung, die es leichter macht, die EU-Vorgaben zur Haushaltsdisziplin einzuhalten und sich trotzdem um strukturelle Reformen herumzudrücken. Dass ich mit dieser Vermutung beileibe nicht der einzige bin, schert dort wohl niemanden. Aber das ist auch nicht der Punkt.

Die EZB will ja angeblich die Geldwertstabilität wiederherstellen, indem sie eine Inflationsrate knapp unter zwei Prozent erzwingt und damit eine Deflation verhindert. Denn fallende Preise verursachen zumindest laut Lehrbuch einen Konsumrückgang, weil die Bürger auf immer niedrigere Preise warten und damit Investitionen bis zum Sankt Nimmerleinstag aufschieben. Angeblich. Also lenkt man das Zinsniveau derartig, dass Sparen unattraktiv wird und die Konsumenten wieder ordentlich konsumieren. Zumal dadurch das Kreditvolumen steigen wird, weil man ja so richtig billig (bei Preisen und Kreditzinsen) kaufen kann, was man sonst nicht gekauft hätte. Angeblich. Aber Moment mal:

Wenn die Preise fallen, warten die Konsumenten auf immer billigere Preise und konsumieren nicht. Warum sollten sie dann jetzt die Banken stürmen, wenn sie für mögliche Kredite womöglich in einem Jahr viel weniger Zinsen bezahlen müssen als jetzt? Immer vorausgesetzt, die Leute sind wirklich so dämlich und nehmen Schulden auf für Dinge, die sich eigentlich gar nicht leisten können.

Bislang haben sie es jedenfalls nicht getan. Was wiederum dazu führte, dass auch die Kreditnachfrage bei den Unternehmen überschaubar blieb. Denn auch dort wurde man ja nicht vom Esel im Galopp verloren und investiert nur dann, wenn der Ausbau von Kapazitäten auch auf eine realistische zu erwartende Nachfragesteigerung trifft. Die aber kommt nicht, weil die Konsumenten nicht konsumieren und das auch mit den bislang deutlich gefallenen Zinsen nicht tun. Was also macht die EZB?

Sie tut dasselbe wie die gemeine Stubenfliege. Sie fliegt immer wieder gegen dieselbe Fensterscheibe in der Erwartung, dass der Durchbruch beim 27. Versuch klappen muss. Sprich die Zinsen werden immer weiter gesenkt. Dabei kann die EZB, über ihre „big bazooka“ vom Donnerstag hinaus, natürlich auch die Leitzinsen wie in der Schweiz in den negativen Bereich bringen und im Extremfall auf -5 oder -10 % herunter setzen. Was bedeuten würde: Nicht derjenige, der sich Geld leiht, muss dafür bezahlen, sondern derjenige, der das Geld verleiht. Wobei das für die Banken kein Problem ist. Die EZB kann nach Belieben Geld drucken. Wenn sie einer Bank 5 % Zins für eine Milliarde bezahlt, kann die das mit einem Zins von -1 % lächelnd an Unternehmen oder Konsumenten weitergeben. Aber wo wird denn nun der Punkt sein, an dem die Konsumenten endlich gehorchen und sich verschulden, um Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen?

Denn das ist einer (von mehreren) Haken. Eines sollte ja klar sein: Die Banken werden denen, die nichts haben, auch nichts leihen, denn wiederhaben wollen sie das Geld ja schon. Und die Zahl derer, die nichts hat, wächst. Dass das Gesamtvermögen im Land steigt, liegt daran, dass immer weniger immer mehr besitzen. Aber die haben eben schon alles, was sie sich wünschen. Nötig wäre es, diejenigen, die momentan nicht imstande sind, diesen Segen der niedrigen Zinsen zu nutzen, in eine Situation zu bringen, in der sie es könnten. Das hieße: Die finanzielle Grundlage des Großteils der Bevölkerung insbesondere in den ärmeren Eurozone-Ländern stabilisieren und schrittweise verbessern. Das allerdings kann die EZB nicht beeinflussen – und jemand anderes tut es dummerweise nicht.

Aber nehmen wir einmal an, es würde trotzdem funktionieren, weil die Bürger nicht wie beim Konsum (angeblich, der das setzt voraus, dass sie eigentlich konsumieren könnten und wollten) auf noch niedrigere Preise warten und die Banken auch denen Kredite geben, die sie womöglich nicht zurückbezahlen können und diese Leute diese Kredite auch für Käufe nutzen werden, bleibt noch ein anderes kleines Problemchen: der Warenkorb.

Inflation bedeutet steigende Preise, nicht ein steigendes Kreditvolumen. Man könnte zwar blauäugig davon ausgehen, dass Letzteres zu Ersterem führt. Aber das ist in dieser speziellen Situation eben nicht zwingend der Fall. Und der Warenkorb, der als Basis zur Messung des Preisniveaus herangezogen wird, beinhaltet Verbrauchsgüter, typische Dienstleistungen und langlebige Wirtschaftsgüter. Er ist in der Wikipedia aufgelistet, detaillierter beim Statistischen Bundesamt zu finden. Sollte man sich mal ansehen. Denn:

Circa 30 Prozent macht alleine der Bereich Wohnung, Wasser, Gas und Brennstoff aus. Da hat man keinen Einfluss auf die Preisentwicklung. Der Großteil der anderen Elemente sind Dinge des täglichen Lebens. Um die Inflation ins Laufen zu bekommen, müssen diese Preise steigen. Nur mal angenommen, der Konsumbürger würde tatsächlich nun die Banken stürmen. Würde er tatsächlich ab sofort bei offenem Fenster die Heizung aufdrehen, seinen Bestand an Hosen, Jacken und Schuhen verdoppeln und dreimal so viel wie zuvor essen, um die Nachfrage nach diesen Gütern anzukurbeln? Denn nur wenn die Nachfrage steigt, lassen sich auch Preissteigerungen durchsetzen. Da sind Zweifel erlaubt.

Die EZB versucht, durch immer niedrigere Zinsen den Konsum anzukurbeln, bringt dadurch aber zunächst einmal all diejenigen in große Not, die nun einen rapiden Schwund ihrer Ersparnisse erleben und sich zugleich über den Wertverfall der Währung sorgen. Und diese Menschen suchen nach einem Ausweg. Aber dieser Ausweg liegt nicht in den Gütern des Warenkorbs. Die einen stecken ihr Geld in den Aktienmarkt, weil sie sonst keine Alternative sehen. Andere suchen ihr Heil in Immobilien, aber auch in Kunst, wertvollen Uhren, Oldtimern oder teuren Weinen. Diese Entwicklung treibt dort die Preise derartig nach oben, dass das Risiko, am Ende dieser Fluchtbewegung ein Platzen dieser Blase zu sehen, womöglich noch größer ist als am Aktienmarkt.



Den Warenkorb und damit die Inflationsrate beeinflusst das aber nicht. Es sei denn, man würde einen Gemälde-Index oder Rolex-Uhren hoch gewichtet in den Warenkorb aufnehmen, um diese Flucht in Sachwerte statistisch einzufangen. Aber das wäre genauso eine Scharade wie die statistischen Winkelzüge bei der Messung des Bruttoinlandsprodukts. Und ziel kann nicht sein, dass es so aussieht, als ob … Ziel muss sein, dass die Preise wirklich leicht und stetig anziehen.

Auch, wenn die EZB natürlich den Eindruck gewinnen muss, dass man mit begleitenden Maßnahmen der Politik schlicht nicht mehr zu rechnen hat, was man auch daran erkennt, dass die entsprechenden Forderungen seitens der Zentralbank offensichtlich wegen erkannter Hoffnungslosigkeit immer seltener werden, geht man hier einen falschen, unglaublich gefährlichen Weg. Man wird das Inflationsziel nicht erreichen, zugleich aber, während man selbst im Verein mit den das Spiel natürlich mitmachenden Banken die Refinanzierung des Staates und der Unternehmen bestreitet, die Sparer in Blasen treiben, deren Platzen Dimensionen annehmen könnte wie vor einigen Jahrhunderten die „South Sea Bubble“ oder die Tulpenkrise.

Und selbst wenn man es soweit treibt wie in den USA und durch Negativ-Zinsen jedem sein eigenes Häuschen in Aussicht stellt, dass sich quasi selbst bezahlt: Erstens würde das nur einen zeitlich begrenzten Wachstumsschub auslösen, quasi eine Art „Abwrackprämie-Effekt XXL“. Zweitens würde das den Immobilienmarkt massiv unter Druck setzen und damit riesige Vermögen bedrohen. Und drittens würde das auch nur teilweise im Warenkorb und damit in der Inflationsrate auftauchen. Aber davon abgesehen… (Seite 2)


 

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3 Kommentare auf "EZB auf Crashkurs ohne Rückfahrkarte"

  1. Brasil sagt:

    „…… denn wiederhaben wollen sie das Geld ja schon.“ Wieder haben kann man jrdoch nur, wenn man vorher etwas weggegeben hat, oder?
    Vielleicht hat es sich noch nicht bis zum Autor durchgesprochen, die Banken geben NICHTS her bei einer Kreditvergabe, sie buchen nur virtuelles Geld. Und noch was, was den Autor wohl noch nicht erreicht hat: Nicht die EZB alleine sorgt fuer eine Geldschwemme, sondern in grossem Umfang ALLE Vollbanken, die ebenfalls fast unbeschraenkt Geld aus dem NICHTS erschaffen!

    • Moinsen sagt:

      Klar ist… Banken schaffen Geld aus dem Nichts, verleihen es (ggf sogar mit einer Prämie, also Negativzins) und bekommen dafür Zugriff auf echte Assets (Häuser, Land, Patente, etc). Platzt das Ganze sind sie damit (mindestens die ganz großen unter ihnen, bzw die Geldeliten dahinter ) trotzdem noch die Gewinner!

      Ach ja das Risiko werden Sie sagen… Wie wir aber alle wissen stellt keiner das kranke System in Frage und dies wäre das einzige Risiko.

      Wie lange wird dieses kranke, menschenverachtende Treiben wohl noch weiter gehen? Gute N8

  2. astroman sagt:

    Danke für die systematische und kurzweilige Zusammenfassung, die genau der eigenen Wahrnehmung zu den Themen Kredit und Konsum entspricht.

    Ja, alles in allem ist die EZB mit Euro-Währung schon ein erstaunlich großer und plumper Kristallbau, der nun sukzessive im dynamischen Morast von Mr. Market versinkt; so ziemlich genau das Gegenteil eines sich selbst regulierenden Systems, was vermutlich das richtige für ein komplexes Thema wie Geld und vernetzte Volkswirtschaften wäre.

    Man kann dem wohl nur mit Stoizismus oder Taoismus begegnen zum Wohle der eignen Nerven und Gefäße. Schließlich muss sich der ganze Zentralbank-Fiat-Währungs-Quatsch direkt aus den kurzfristigen Motiven und einer gewissen Hybris der Mächtigen ergeben. Sonst würde es sich wohl auch nicht überall und immer wieder in der Geschichte in verschiedenen Varianten wiederholen.

    Immerhin kann man sich mit wachem Auge zumindest etwas besser stellen als die breite Masse der Bürger, die sich gar nicht kümmern (oft können/ manchmal wollen). Auch wenn man dann im materiellen Mittelwert gemeinsam mit der Gesellschaft sinkt, so steigt man relativ vielleicht sogar noch etwas auf. Das wäre dann per Definition Erfolg. Und das wäre doch schon was wert und besser als nichts?!

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