Eurozone im Wachstumsmodus: Wenn Glück unaufhaltbar ist…

14. August 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer 

Die Korken knallen! Der Champagner schäumt über… Was? Bei Ihnen nicht? Das IEF, Institut für Europäische Fantasie meldet das Ende der Rezession in der Eurozone. 11 Uhr schlug die Schlagzeile ein wie eine Cruise missile… dick und rot… laut… Mit jedem Analystenkommentar wächst jetzt meine Zuversicht…

Endlich! „Ende der Rezession in der Eurozone“. Was werden die Griechen denken? Die Spanier? Die Portugiesen? Portugal war der Wachstums-Spitzenreiter, aber nur, weil die Osterfeiertage schon im ersten Quartal die Wirtschaft störten. Welche glücklichen Umstände. Positiv wirkte sich auch aus, dass die Unternehmen vornehmlich im Bausektor die Investitionen weniger stark zurückfuhren als in den Vorquartalen. Sie sollten endlich wieder mehr bauen!

Und die Franzosen? Dort ging es um 0,5 Prozent aufwärts. „Deutschland und Frankreich ziehen die Eurozone aus der Rezession“, heißt es. Oh… Die Rache wird süß. Sie kommt in Form von zu bezahlenden Rechnungen. Bleibt ja in der Familie.

Die Eurozone wächst wieder um 0,3 Prozent. Es ist das erste Plus nach sechs Minus-Quartalen. Die Euro-Rettungspolitik wirkt, kommentiert das Handelsblatt. Weiter so, ruft die Kollegin in ihrer Videoanalyse. Doch wohin? Woher soll ich das wissen? Das Plus in Deutschland liegt bei 0,7 Prozent – und das ausgerechnet fünf Wochen vor der Bundestagswahl.

Die Worte überschlagen sich, holen einander ein, löschen sich gegenseitig aus und verbinden sich zu ganz neuen Satzkreationen wie „ „Sprung aus der Rezession“ oder „Deutsche Wirtschaft dreht beim Wachstum richtig auf“, schreibt die dpa. Morgen steht diese Schlagzeile in allen Zeitungen, die mangels teuren Personals dem Copy-Paste-Roboter diese Aufgabe übertragen haben. In den Wahlkrampf-Zentralen dürfte man sich zufrieden zeigen. Otto von Bismarck sagte einst „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.“

Sind Sie auch so optimistisch? Woran könnte man in der Realität spüren, dass es im zweiten Quartal hierzulande besser lief als im ersten? Hauptsache, die Wirtschaft wächst kräftig. Das schrieb die Agentur zur Weitergabe wichtiger Nachrichten. Vermutlich wäre ein Wachstum von 0,1 Prozent auch schon kräftig bzw. robust – oder auch eine überraschende (kräftige) Steigerung von 0,4 auf 0,4 Prozent.

Es heißt, die privaten und öffentlichen Haushalte geben mehr aus als im Vorquartal. Dabei dachte ich, die öffentlichen Kassen sparen. Und warum steigen die Einzelhandelsumsätze trotzdem nicht an? Von daher ist es schon erstaunlich, wie der private Verbrauch als Stütze für das BIP fungiert und Wachstumsimpulse setzt. Oder liegt es an den um fast sechs Prozent gestiegenen Nahrungsmittelpreisen? Nicht dass man Geld ausgeben will, man muss… Herrlich, diese neue Welt.

Immer mehr Leute haben sich auch im zweiten Quartal einen zweiten Job zugelegt. Im dritten Quartal einen Dritten? Überall werden Arbeitskräfte gebraucht. Doch feiern wir heute und in den nächsten fünf Wochen erst einmal die europäische Stärke inmitten einer vermeintlichen „Eurokrise“ mit einem Mix aus Horrormeldungen und Erfolgsaussichten. Ja, Erfolg ist heute planbar.

Lasst uns in die Hände klatschen und die Gläser erheben – am besten mit einem Getränk aus einem Mix der verschiedenen Nationalgetränke. Man nehme: Korn, Bordeaux, Ouzo, Ramazzotti, Sangria, Bier und Guinness. Schön durchschütteln wie die Statistiken es vormachen. Hauptsache, es brettert… Prost!

 

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2 Kommentare auf "Eurozone im Wachstumsmodus: Wenn Glück unaufhaltbar ist…"

  1. stephan sagt:

    Noch knallen die (Propaganda-) Korken. Man fragt sich allerdings, wo die „Experten“ diese Korken so schnell her hatten, denn selbstverständlich kam auch diese (starke?) Entwicklung (= 0,7 Prozent Wachstum) wieder völlig „unerwartet“ und damit „überraschend“:

    „…Experten hatten mit dem Ende der Rezession gerechnet, erwarteten aber nur ein Wachstum von 0,2 Prozent…“ (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/euro-zone-ueberwindet-rezession-0-3-prozent-wachstum-a-916513.html)

    Es rückt aber unweigerlich der Zeitpunkt näher, wo etwas Reales knallt und zwar richtig: Die Schöner-Schein-Blase. Für die „Experten“ selbstverständlich wieder „völlig unerwartet“ und damit „überraschend“.

    Ergo: Das Leben ist für bestimmte Leute eben eine permanente Überraschung!

  2. Avantgarde sagt:

    Im Prinzip Ja – Aber…

    Mit dem Aufschwung ist es wie mit den Arbeitslosen:
    Im Prinzip alles Wunderbar – nur leider müssen wir weiter unterteilen in
    – Arbeitslos nach §16 SGB
    – Arbeitslos im weiteren Sinne §16 1
    – Unterbeschäftigung im engeren Sinne
    – Unterbeschäftigung nach BA-Konzept.

    Steht ja alles da – niemand verschweigt etwas
    http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Unterbeschaeftigung-Schaubild.pdf
    🙂

    Und noch was nettes vom Handelsblatt:
    „Auch wenn Europas Wirtschaft schwächelt: Das Geldvermögen der Deutschen klettert ungebremst auf immer neue Rekordhöhen. Gleichzeitig schrumpft überall der Schuldenstand, obwohl die Zinsen extrem niedrig sind.“
    http://www.handelsblatt.com/finanzen/vorsorge-versicherung/ratgeber-hintergrund/trotz-konjunkturflaute-die-deutschen-werden-immer-reicher/8563560.html

    Geldvermögen klettert ungebremst – und die Schulden schrumpfen ????
    Aua, aua…..

    🙂

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