Eurorettung? Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie die Kanzlerin

27. Oktober 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Glosse von Frank Meyer

Sie glauben ja nicht, was man an Tagen erlebt, an denen der Euro gerettet wird – vor allem, wenn man als mutiertes Nachtschattengewächs am Fernseher kleben geblieben ist. Der Mittwoch, der offizielle Feiertag zur „Effizienzsteigerung des Rettungsschirms“ war besonders schlimm. Ein Leidensbericht…

Es begann wie immer am Morgen. Wenn jetzt kein Licht mehr in die Wohnung vordringt, liegt es nicht am Stand der Sonne, sondern weil Rettungsschirme und dicken Fragezeichen die Fenster verhängen. Deshalb habe ich vor meinen vielen Bildschirmen Platz genommen, denn ich könnte Wichtiges verpassen: Schlagzeilen, Breaking News, Experten, ihre vielen Ratschläge oder wichtige Interviews mit noch wichtigeren Leuten. Wer bei mir zu Hause alles vorbei flimmert. Das glauben Sie nicht!

Und heute Morgen? Da schaute mir Hermann Gröhe beim Frühstück zu. Als ich dann die saure Milch in den Kaffee kippte, stieg schon wieder meine Erregung. Nicht dass ich wegen der Milch sauer geworden war, nein, damit war ja zu rechnen gewesen, es ist zunehmend ärgerlich, wie Politiker prinzipiell nicht mehr auf die Fragen von Moderatoren antworten und stattdessen ihre Phrasenmaschine anschalten. So ist in zwei Minuten viel und wiederum nichts gesagt: Hauptsache im Fernsehen. Den meisten Politikern fallen heute so viele Worte aus dem Mund, dass ich nach der Müllabfuhr rufen möchte.

Worum geht es? Um unser Geld? Ach Quatsch! Es geht ja nur um eine „Effizienzsteigerung des Rettungsschirms“, so die Wortdroge, an der sich auch Volker Kauder zu schaffen gemacht hat. Als Tranquilizer der Bundesregierung sorgt er dafür, dass ich am TV-Schirm kleben bleibe und nicht mit dem Kopf gegen die Wand laufe. Neulich sind nach einem Interview meine Alpenveilchen auf der Fensterbank eingegangen, was ich aber als zeitlichen Zufall einordne.

Mein Umfeld merkt besorgt an, ich sähe derzeit etwas blass aus. Das mag am Lichtmangel liegen, dem ich mich freiwillig unterworfen habe. Nur noch Bildschirme liefern Licht in mein tristes Leben inmitten dieser bunten Informationsgesellschaft. Übrigens zünde ich derzeit auch viele Kerzen an, was wahrscheinlich an der zeitlichen Nähe zum Totensonntag liegen könnte.

Inzwischen plagt mich auch Husten, was am Ruß der Kerzen liegen könnte oder am Dampf, der aus den Lautsprechern dringt und sich über mein jämmerliches Dasein legt. Keine Ahnung. Die letzte Mittelohrentzündung habe ich mir erst bei der letzten Bundestagsdebatte eingefangen. Fragen Sie nicht!

Ja, Sie haben ja recht. Ich sehe zuviel fern. Ich bin zu oft im Internet. Ich will nichts verpassen. Soll ich mir da draußen auf den Occupy-Partys etwa die Grippe holen? Ich bitte Sie! Zudem verpasse ich dann „WSS“ – die „Wortschwallserie“ mit Christian Lindner, den meine Oma oft mit Patrick Lindner verwechselt. Der FDP-Generalsekretär sagte, es gehe gar nicht um einen Hebel. Man müsse zwischen Kredit – und Finanzhebel unterscheiden. Oh, wo habe ich die Schmerztabletten versteckt? Die Packung ist schon wieder leer? (Seite 2)



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