Europäischer Kolbenfresser

30. April 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott – Der Trend in Europa geht zum Gebrauchtwagen. Die Folgen des kontinuierlich schrumpfenden Marktes für Neufahrzeuge spüren mittlerweile auch die deutschen Hersteller, die in den kommenden Quartalen mit ihren Zahlen für wenig Freude sorgen werden. Der Einbruch der margenstärksten Segmente und die enormen Überkapazitäten dürften schon bald auch die Hobby-Wirtschaftplaner aus der Politik auf den Plan rufen…

In Europa bestehen gewaltige Überkapazitäten im Fahrzeugbau. Gemessen an den potenziell produzierbaren Stückzahlen liegen umgerechnet zwischen 20 und 25 Werke brach. Dazu gesellen sich zahlreiche Firmen der Zulieferindustrie sowie die üblichen Abhängigen, wie etwa Logistik und Verwaltung. Insgesamt kommen so europaweit allein in der Autobranche ein paar Millionen Arbeitsplätze zusammen, die mangels Nachfrage nicht mehr benötigt werden, bzw. nicht mehr bezahlt werden können.

Aus Verlusten kann man bekanntlich keine Gehälter zahlen, und auch die Reduzierung der Vorstandsgehälter auf BAT2 würde die Finanzlöcher vieler Firmen lediglich für ein paar Stunden stopfen. Bemerkenswerterweise werden die Kosten für nicht ausgelastete Kapazitäten in einer so kapitalintensiven Branche immer noch unterschätzt. Ein Autohersteller mit längerfristigen Absatzproblemen kann locker pro Monat mehrere hundert Millionen verlieren. Mit ein paar Schnitzereien an der Arbeitszeit ist es da nicht getan, was man auch in Deutschland in den kommenden Jahren feststellen wird.

Betroffen von der Absatzkrise sind schon jetzt weite Teil des gesamten europäischen Autobau- und Zuliefersektors. Die gerne als Allheilmittel genannten Steigerungen in China entpuppen sich bei genauem Hinsehen zwar als Stütze. Finanziell gesehen aber schmerzt der Einbruch des margenstarken Marktes alle Hersteller, die den Druck in der Nahrungskette der Automobilherstellung sofort weiterreichen.

Wie in anderen Sektoren, etwa der Telekommunikation, leiden die Hersteller trotz extrem günstiger Finanzierungen unter enormen Cash-Flow-Problemen. Von steigenden Aussschüttungen sollte man in einem solchen Umfeld lieber nicht ausgehen. Die kommenden Ertragseinbrüche und Dividendenkürzungen werden wieder einmal zeigen, wie grotesk der Vergleich von Dividenden mit Anleiherenditen ist. Einen Lerneffekt sollte man jedoch auch in diesem Jahrzehnt nicht erwarten.

Ein Blick auf die Gewinne zweier größerer heimischer Firmen, die kürzlich Quartalszahlen veröffentlich haben, zeigt die Auswirkungen der Absatzkrise.

Beim Blick auf die Entwicklungen des Daimler-Konzerns macht sich der eine oder andere bereits Sorgen, der so genannte „Chrysler-Retter“ (danach bekanntlich pleite) könnte auch für das deutsche Unternehmen zur Schicksalsfigur werden. Die letzten Zahlen waren so schwach wie die Aussichten. Nicht nur das PKW-Geschäft bereitet wachsende Probleme, auch die LKW-Sparte Probleme darbt. Das Thema Zerschlagung der Firma dürfte noch nicht vom Tisch sein. Papa fährt einen Mercedes Tata-Benz – klingt doch prima…. (Seite 2)

 

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11 Kommentare auf "Europäischer Kolbenfresser"

  1. MARKT sagt:

    Vielen Dank für die Aufbereitung.
    Aber Vorsicht die Einzelhandelsumsätze sinken wieder einmal, der Konumklimaindex steigt aber auf neue Mehrjahreshochs.
    Die haben bestimmt alle sich einen neuen Daimler geholt.
    Und außerdem: Den Deutschen Firmen geht es gut! Gerade auf einem bekannten Börsensender.
    Warum glauben Sie und ich das nicht endlich!

  2. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Markt!

    Stimmt, daran müssen wir solidarisch arbeiten, koste es was es wolle 😉

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  3. Jochen sagt:

    Zyklisch betrachtet gibt es auch positive Entwicklungen:

    Die Verlierer in diesem Segment, z. Bsp. Renault, werden zu Marktführern in einem anderen Bereich,
    nämlich als Topanbieter für Tagesgeldzinsen.

  4. Skyjumper sagt:

    Das wird alles viel zu schwarz gesehen. Immerhin gibt es in Deutschland nur 720.000 direkt in der Kfz-Industrie Beschäftigte, und ca. 2,8 Mio. mittelbar von der Kfz-Industrie abhängige Beschäftigte. Und ein Abbau von 20% auf diese zusammen 3,5 Mio. Arbeitsplätze sollte doch nun wirklich verkraftbar sein.

    Und überhaupt: VW will immerhin 50.000 Arbeitnehmer zusätzlich einstellen. Zwar nicht in Europa, sondern in China, aber man darf bekanntlich nicht zu kleinlich sein.

    Die für die EU27 veröffentlichten Zulassungszahlen der ersten 3 Monate wären im übrigen ohne England noch viel schlimmer, als sie eh schon sind. England als Schwergewicht gleicht durch seine (mit 5,9 % im März) recht stark wachsenden Zulassungszahlen viele Zwergmärkte wieder aus. Denn ob in Griechenland nun noch 4.500 PKW, oder nur noch 4.100 PKW verkauft werden macht den Kohl nicht mehr richtig fett.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo skyjumper,

      Die Autoabsätze in Griechenland oder Lettland haben in der Tat keinen spürbaren Einfluss auf den Gesamtabsatz. Daher ist der Einbruch in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden viel bedeutender.

      In Britannien wurden im März ca. 22.000 Autos mehr verkauft als im März des Vorjahres. Blickt man auf das erste Quartal, so gleicht der positive Beitrag des Landes lediglich die Rückgänge von Finnland, Österreich und Schweden aus. Der kombinierte Absatzrückgang in Frankreich und Deutschland liegt etwa vier Mal so hoch. Selbst in den Niederlanden allein lag der Rückgang höher als der Zuwachs in Uk.

      Die schlechteren Zahlen der Eurozone sind wenig erstaunlich. Bezogen auf die EU 27 ging der Absatz um 10,2% zurück, für die Eurozone steht ein Minus von 15,9% zu Buche.

      Laut Statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland rund 42 Millionen Erwerbstätige und 3 Millionen Arbeitslose. Man darf gespannt sein, wie locker man mit der Situation einiger hunderttausend wegfallender Jobs umgehen würde, wenn es denn so kommt. Vor allem die regionale Ballung macht die Sache nicht einfacher. Einen Vorgeschmack, wie so etwas aussehen kann, erhält man derzeit in Genk. Da wird sich noch manch einer wundern, wenn die Preise ehemals „gut gelegener“ Immobilien ins Rutschen kommen.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • Skyjumper sagt:

        Liebes Bankhaus Rott,

        meine ersten beiden Absätze waren natürlich zynisch gemeint.

        Und Britannien hatte ich eigentlich aufgeführt um aufzuzeigen, wie schlecht es noch werden könnte. Denn eigentlich geht es ja gar nicht darum welche Länder Britannien mit seinen plus 22.000 ausgleichen kann, sondern darum wie die EU27 Zahlen aussehen werden, wenn auch GB erst einmal statt bei plus 5,9% im März, bei minus 17,1 % liegt. An das Beispiel der Niederlande mit Minus 31 % wollen wir lieber gar nicht erst denken. Nein, da ist noch lange nicht Ende im Gelände mit dem Rückwärtsgang.

        Im übrigen gehe ich nicht von 3 Mio. Arbeitslosen in Deutschland aus. Für mich zählt wer alles ALG und/oder H4 bekommt, und dann sind es glaub ich schon 5,4 Mio. über die wir aktuell sprechen.

        Eindrucksvoll ist auch folgendes, selbstverständlich vollkommen absurdes und niemals nicht eintretendes Zahlenspielchen:

        Griechenland hat (grosszügig gerundet) 10 Mio. Einwohner und es wurden im März 4.500 PKW zugelassen. Deutschland hat (grosszügig gerundet) 80 Mio. Einwohner und hat demnach noch Potential für eine Zulassungszahl von ……. 36.000 PKW. Noch sind es im März tatsächlich 281.000 gewesen. Da ist noch sehr viel Luft nach unten.

        LG Skyjumper

      • DukeNukem sagt:

        Zur regionalen Ballung: Wie sowas dann richtig böse enden kann sieht man derzeit in Detroit.

  5. EXE sagt:

    Die Politik wird es mal wieder nicht so weit kommen lassen.
    Die Subvention bzw. „abgewracken“ hat gezeigt das die Lobby wie in der Finanz Branche stark ist und die Politiker gut im Griff hat.
    Kosten spielen bekanntlich keine Rolle da man das Geld für fast 0% bekommt (warum auch immer). In der Not kauft die EZB Autokredite oder Verteilt die Autos an Arbeitslose Jugendliche im Euroraum da wäre ein starker Markt bzw. Absatz xD. Wer das schwarze Gold(Super Plus) bezahlt muss man sich noch überlegen zur Not ist es ein Renterfahrzeug wenn es nach 8 Jahren mit 30000km abgewrackt wird.

    • Skyjumper sagt:

      Die Eselei der Abwrackprämie war ja nur eine Seite der teuren Medaille. Das wird (noch) nicht wieder so durchschlagend funktionieren.

      Die andere Seite war die geförderte Kurzarbeit. Eine Wiederholung dieses Kurses würde die Arbeitslosenkasse diesmal aber nur ca. 2 Monate aushalten, dann ginge es an „Schäubles“ Portemonai.

      Zudem liegt die Schwelle diesmal ein wenig höher. Der Bund müsste nicht nur die Knete besorgen, sondern auch eine brauchbare Begründung warum die verfassungsgemässe Schuldenbremse schon kaputt sein soll bevor sie überhaupt richtig zum Einsatz kam 😉

      • FDominicus sagt:

        „Zudem liegt die Schwelle diesmal ein wenig höher. Der Bund müsste nicht nur die Knete besorgen, sondern auch eine brauchbare Begründung warum die verfassungsgemässe Schuldenbremse schon kaputt sein soll bevor sie überhaupt richtig zum Einsatz kam “

        Dazu reicht ein Wort: Alternativlos.

        Noch Fragen?

  6. purity sagt:

    Die Politik hat den Premiumherstellern in Deutschland auch durch die Dienstwagenbesteuerung schwer geschadet. Früher hatten wir Autos auf die Firma laufen und konnten die Kosten absetzen. Heute rechnet sich das nicht mehr, dann fahren wir die Autos eben länger.

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