Europäischer Autounfall

21. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Der Branchenverband der europäischen Automobilhersteller könnte problemlos sein Geschäftsmodell erweitern. Wie wäre es mit der Unterhaltungsbranche? Die aktuellen Zahlen jedenfalls passen perfekt in die Kategorie Horrorfilm und fallen im DVD-Regal zwischen Freitag der 13 und Braindead nicht weiter auf. Vor lauter Sparerei kommt offenbar in Europa niemand mehr zum gemütlichen Autokauf …

Der Februar des Jahres 2012 entpuppt sich hinsichtlich der Zulassungszahlen für Neuwagen als Katastrophe. Es war der mit Abstand schlechteste Monat des neuen Jahrtausends. Selbst die traurigen Werte des Jahres 2009 wurden deutlich unterboten, wie der folgende Chart des Verbandes ACEA zeigt. Die anhaltende Krise in Europa, die neben den Staatshaushalten logischerweise auch die privaten Geldbörsen in Bedrängnis bringt, fordert ihren Tribut.

Die Entwicklungen der Absätze einzelner Hersteller unterscheiden sich erheblich. Grund zum Jubeln gab es jedoch selten. So konnte Volkswagen zwar seinen Marktanteil vergrößern, musste aber in absoluten Zahlen Federn lassen. Um 2,6% ging die Zahl der verkauften Automobile zurück. Besonders hart traf es SEAT, die Tochter meldete einen zweistelligen Rückgang. Einige europäische Konkurrenten hat es wesentlich schlimmer erwischt. Vor allem die französischen Firmen stehen sinnbildlich für die schlechte Verfassung der französischen Wirtschaft. Warum Frankreich immer noch als stabiler als Italien angesehen wird und sogar zum „stabilisierenden Kern“ Europas mutiert ist, erschließt sich bei einem Blick auf die Wirtschaftsdaten nicht.

Sowohl bei PSA (Peugeot/Citroen) als auch bei Renault hat es in den vergangenen Monaten ordentlich hereingeregnet. Während man im Hause PSA nach einem Minus von 16,8% auf Jahresbasis schon wenig Anlass zum Jubeln hatte ging der Konkurrent Renault geradezu unter. Das angeschlagene Unternehmen verkaufte auf Jahresbasis ein Viertel weniger Autos als im Vorjahreszeitraum. Das ist selbst für einen Zykliker ein Wort. Selbst die billigeren Modelle der Konzerntochter Dacia konnten ihre Verkaufszahlen nicht stabil halten, sie sanken um mehr als 5%. Noch schlechter als die Franzosen schnitten einige asiatische Hersteller sowie Alfa Romeo ab. Bemerkenswert hingegen fiel das Plus bei den Koreanern aus, die vor einigen Jahren noch belächelt wurden, mittlerweile aber offenbar nicht nur durch den Preis sondern auch durch die Qualität Punkte bei den Abnehmern sammeln. Der gemeinsame Markanteil von Kia und Hyundai hat im vergangenen Jahr die einzelnen Werte von BMW und Daimler hinter sich gelassen.

 

Die deutschen Hersteller kamen bisher noch relativ glimpflich davon. Die nächsten Quartale werden zeigen, ob sich dies auch bei der Ertragsseite so deutlich zeigt. Darauf wetten sollte man nicht, denn ob sich die extrem hohen Margen der deutschen Autobauer weiter auspressen lassen, ist fraglich.

Zur Einordnung, im vergangenen Jahr erreichten die Gewinnmargen der deutschen Autohersteller Rekordwerte, die Gewinne fielen entsprechend aus. Die Margen lagen von 111% (BMW) bis zu 350% über dem langjährigen Mittelwert. Sinken diese Margen auf das normale Niveau zurück, so ist das vom derzeitigen Niveau aus betrachtet zwar kein Beinbruch, sondern eher eine absehbare Entwicklung. Fallen jedoch gleichzeitig die Umsätze, dann sieht die Situation schnell weniger schön aus…

Abgesehen von der spürbaren Abkühlung in China werden die nachhaltigen Einbrüche der Nachfrage in vielen europäischen Ländern den Herstellern Sorgenfalten in die Stirn graben. Wie lange mag es dauern, bis in Frankreich der Ruf nach Staatshilfen für die heimischen Autobauer ins Gespräch kommen? Nach dem klassischen Muster aus Wahlkampfwerbung und quasi-sozialistischer Grundeinstellung wird dem Betrachter diese Stützung von Bürger A mit Geld von Bürger B vermutlich wieder als bekannte Polit-Gleichung 1 – 1 = 1 verkauft. Nach der Umsetzung der Subventionen in Dieppe und Sochaux werde die Bettelruf binnen kurzer Frist über den Rhein schwappen.

Als Generalargument wird wahrscheinlich die Bedeutung der Branche für das Land, den Export und das allgemeine Wohlbefinden herhalten müssen – das Muster ist so abgedroschen wie bekannt. Ist es nicht schön, ein Parlament zu haben, deren Mitglieder glauben, besser als der Bürger zu wissen, wo dessen Euro am besten ausgegeben werden sollte? Warum bekannte Abhängigkeiten stets durch Subventionen zementiert werden ist eines der großen Rätsel der Bundesrepublik. Vielleicht wird uns in wenigen Jahren ja ein nicht gewählter Mobilitätskommissar aus Brüssel erklären, warum die Mark in der einen Branche besser aufgehoben ist als in der anderen.

Auch abseits der Margenproblematik sieht es in Europa so aus, als wäre für die Hersteller die Wachstumsweide langfristig abgegrast. Mit einer neuen Dynamik á la Wirtschaftswunderland ist auf dem Kontinent nicht zu rechnen. Das liegt nicht nur an den stetig steigenden Kosten der individuellen Mobilität, sondern auch an einer veränderten Sichtweise vieler Menschen. Wer eine Stunde um den Block fahren muss, um einen Parkplatz zu finden, dem schwillt eher der Kamm, als dass ihm der Besitzerstolz ins Gesicht geschrieben steht. Auch der viel zitierte Statuseffekt hält sich zunehmend in engen Grenzen. Das mag auch daran liegen, dass die viel gepriesene Kreativität und Individualität der Autobauer erstaunlicherweise dazu geführt haben, dass die meisten Fahrzeuge sich zumindest äußerlich so sehr unterscheiden wie zwei benutzte Seifenstücke. Aber das ist natürlich Geschmackssache.

Im Hinblick auf die Gewohnheiten der Deutschen im Personenverkehr lohnt sich ein Blick in eine Studie des Instituts für Mobilitätsforschung (pdf).

Die Gewohnheiten der Menschen sind nicht statisch, sie wandeln sich im Laufe der Zeit. Nicht nur nutzen die Menschen die verschiedenen Verkehrsmittel heutzutage anders als vor einigen Jahren. Auch der Stolz auf die mobile Masse aus Metall und Kunststoff auf Gummiwalzen hat deutlich nachgelassen. Viele Menschen finden mittlerweile nichts sonderlich Statusträchtiges mehr im Besitz eines hochpreisigen Autos. Wie heißt es schön? Koksen ist 80er. Auto fahren auch, könnte man hinzufügen.

Wer übrigens die Blitzrettung aus China erwartet, der sei an das pro-Kopf-BIP von rund 3.300 Euro erinnert. Der Appetit nach Produkten selbst ernannter Premiumhersteller mit Premiumpreisen sollte bei einem Großteil der Chinesen selbst ohne akute Wirtschaftskrise relativ bescheiden daherkommen.


 

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15 Kommentare auf "Europäischer Autounfall"

  1. Beobachter sagt:

    Die goldenen Autozeiten sind schon längst vorbei.

    Wohin man schaut, Staus, zu viel Verkehr, zu enge Strasse die dem Verkehtsaufkommen nicht gewachen sind und in jeder grösseren Stadt reiht sich ein Auto nach dem andern. Der Lack ist ab. Autofahren kostet nur noch gigantisch viel, Neuwagen haben einen enormen Wertverlust (Schwacke Liste) und man ist nicht selten mit dem Auto langsamer unterwegs. Bedingt durch den SUV Wahn ist Autofahren mit einem Kleinwagen langsam Selbstmord. Schon mit geringer Geschwindigkeit (60km/h) kanns tödlich enden oder man wird bei einem Unfall verkrüppelt. Wird aber immer schön durch getürkte Crashtests vereitelt. nicht zu vergessen das Autofahren reiner Stress ist. Wenn da 50km/h steht fühlt sich der Deutsche gezwungen auch 50km/h zu fahren und dicht dem Anderen auf zu fahren. Wenn die Medien (tagtäglicher medialer Overkill mit Dokus über das dritt Reich in allen westlichen „Demokratien”) den Deutschen nicht tagtäglich noch die Vergangenheit auf langsam patholigische Art und Weise vor die Nase halten wären die Strassen wohl auch angenehmer zu befahren.

    Deshalb lieber das Geld für die Bahn ausgeben, auch wenns ab und zu nervt. Dafür kann man auf Langstrecken sich ein Glas Rotwein genemigen, ein Buch lesen oder am mobilen Rechenknecht einen Film anschauen.

    • wolfswurt sagt:

      Zur Bahn: oder man steckt mit dem ICE im Tunnel, schwitzt im ICE bei defekter Klimaanlage bei 60 Grad, wird mit dem ICE am Zielbahnhof vorbeigefahren und das alles in einem Hygienischen Zustand der zu wünschen läßt.

      Beide – „Autowelt“ und „Bahnwelt“ – sind im Niedergang begriffen.

      PS: den Rotwein und das Glas sollte man sich mitbringen – die Gläser im Bordresturant sind dreckig und der Rotwein ungenießbar.

      • FDominicus sagt:

        Steigen Sie auf das Motorrad um.
        Sie kommen voran und bekommen gleichzeitig noch frische Luft. Und zwar ungefiltert und nur gerade so warm wie es draußen so ist. Im Winter gut zur Abhärtung ;-). Bahnhöfe spielen keine Rolle, zu wenig Platz gibt es auch nicht und Parkplatzsuche ist „einfach“. Der hygienische Zustand ist so gut wie Ihre eigene Körperpflege 😉

  2. konnt_ja_keiner_ahnen sagt:

    Smells like Abwrackprämie reloaded.
    Irgendwie müssen ja auch die Rekordboni der Automobilindustrie finanziert werden.
    Planwirtschaft vom Allerfeinsten 🙂

  3. Dreamer sagt:

    Danke für den wertvollen, informativen Artikel!

    Der heimliche Wunschtraum aller Ökos scheint so langsam in Erfüllung zu gehen. Zurück in die Steinzeit, der erste Schritt ist getan.

    Übrigens sind Bus und Bahn, trotz massiv gestiegener Benzinpreise, nicht zwangsläufig billiger als ein Auto. Stadtwerke und DB langen nämlich auch kräftig zu und erhöhen ihre Preise zusammen mit den Preisen für Energie.

    Mit günstigen Anschaffungskosten und zwei Beifahrern fährt man mit einem Auto nachwievor billiger als mit Bus oder Bahn. Jedoch sitzen auf deutschen Straßen nur extrem selten mehr als 1 oder 2 Leute im Auto. Der Mobilitätsgewinn wird teuer bezahlt.

    • Fnord23 sagt:

      Hallo Dreamer,

      was heißt ÖKOS? Die Mobilitätsgarantie des Ölzeitalters hat unseren Lebensraum nicht wirklich geschont.

      Wir werden das überleben. Auch das Ölzeitalter. Mal schauen was als nächstes kommt. Silliziumzeitalter?

      h t t p://www.plichta.de/pp24/index.php?option=com_content&task=view&id=14&Itemid=17

      Die Steinzeit ist auch nicht aus Mangel an Steinen zu Ende gegangen.
      (nicht von mir)

      VG aus Sachsen

      • Dreamer sagt:

        Hallo Fnord

        seit der Erfindung des Verbrennungsmotors gab es keine wesentliche und vor allem wirtschaftliche Neuerung im Bereich der Fortbewegung. Ohne Öl dreht sich derzeit nunmal kein Rad.

        Vielleicht passiert noch etwas in der Richtung, vielleicht auch nicht. Jedenfalls, bis es soweit ist, bleibt nichts weiter übrig, als der wirtschaftlichen Realität ins Auge zu blicken.

        Grüße zurück

        • Fnord23 sagt:

          Hallo Dreamer,
          bin ja bei dir. Nur denke ich, dass man an entsprechender Stelle schon ganz genau weiß, ob das Öl nun abiotischen Ursprunges ist oder nicht und wie viel von dem Zeug noch förderbar da ist.

          Wir werden das auch nicht bis zu letzen Tropfen verbrauchen. Ich denke schon, dass man Technologien hat um den Verbrauch von Öl drastisch zu senken.

          Diese Joker wird man wohl ziehen, um im nächsten Zinseszinszyklus den Schub zu erzeugen. Was auch vernünftig wäre.

          VG aus Sachsen

  4. DukeNukem sagt:

    Das wundert mich überhaupt dass sich dieser überteuerte, emotionslose Plastikmüll so gut verkauft! Ne Bekannte hat sich letztes Jahr nen neuen Ford Fiesta für 15k gekauft! Wenn ich so bei Mobile gucke ist die Gurke jetzt nur noch die Hälfte wert!
    Wie bescheuert muss man sein?!

  5. EuroTanic sagt:

    Seit der Erfindung der Motoren hat es keine wirklichen Innovationen mehr in der Autobranche gegeben. Und mit Innovationen meine ich nicht die Erhöhung der Anzahl der Elektromotoren oder der Chips im PKW Computer. Am Fahrprinzip hat sich nichts geändert. Der Autosektor krankt auch an seinen monopolartiken Strukturen, die immer weiter fortschreiten, und weitere wirkliche Innovationen verhindern.
    Wenn ich morgens Autofahrer sehe, die im Stau alleine in ihrer stinkenden Blechkiste sitzen, um zu spät und gestresst zur Arbeit zu kommen frage ich mich ernsthaft, ob die Menschheit noch ganz dicht sein kann 😀

  6. braindead sagt:

    mir würde für den Anfang schon ne dezentrale Energieversorgung auf Basis von Wasserstoff genügen …

    bio-wasserstoff.de
    bio-wasserstoff.de/h2

    ist natürlich überhaupt nicht zu vereinbaren mit aktuellen Strukturen etc.

    und total doof das dafür nicht eine Nutzpflanze vom Acker benötigt würde. Ist doch so trendy „Biosprit“ aus Nahrungsmitteln und so grün …

  7. Kistrof sagt:

    Der veränderte Modal-Split zugunsten von Bahn, Bus, Rad und Beinen kann man doch nur als großen Fortschritt werten! Endlich passt sich die Gesellschaft wenigstens ein bischen an die Realitäten an. Mehr Bewegung, weniger Abgase, weniger Öl-Verbrauch. Genau so muss es laufen!

    Irre ist allerdings, dass die deutsche Autoindustrie weiterhin gepäppelt wird, während die Kommunen (und damit die Träger des ÖPNV) ausbluten. Die Schweizer bohren riesige Tunnel für den Güterverkehr per Bahn. Deutschland hat es allerdings nicht nötig die Verträge mit der Schweiz einzuhalten und z.B. die Rheintalbahn rechtzeitig fertig zu stellen. Verkehrspolitik aus Absurdistan.

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