Europäische Ratingagentur? Fitch!

17. Juli 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Die Diskussion um die „drei amerikanischen Ratingagenturen“ nehmen in der EU teils groteske Züge an. Dabei gibt es doch schon längst eine europäische Agentur. Es schaut nur keiner hin. Warum bloß?

von Bankhaus Rott

Selbst einfachste Fragen, nämlich, wer eine Ratingagentur besitzt, scheinen viele Medienteilnehmer und Politiker zu überfordern. So schreibt etwa Herr Neuerer im mittlerweile mehr auf Zeitungsformat und Anzeigen denn auf Inhalte ausgerichtete „Handelsblatt“:

Im Weltmarkt sind nur drei Ratingagenturen mit weitem Abstand bestimmend: die US-Unternehmen Standard & Poor’s und Moody’s sowie die britische Agentur Fitch Ratings.

Fitch ist also britisch…

Im Focus schreiben eine Frau Szarek und ihr Kollege Heise zu den Agenturen: 

Sie heißen Standard & Poors (S&P), Moody´s und Fitch – und von ihrem Urteil hängt das Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften ab. Die drei amerikanischen Ratinagenturenbeurteilen nicht nur die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, sondern auch von Staaten.

Holla! Eine Dramaturgie, die an die guten alten EUROPA Kinderhörspiele erinnert. Hier ist Fitch dann gleich amerikanisch!

Noch lustiger wird es, wenn man sich die Kommentare aus der Politik durchliest. Die Sätze bundesdeutscher Parlamentarier ersparen wir Ihnen an dieser Stelle, aber Herr Barroso darf sich zu Wort melden:

„Mir kommt es schon ziemlich seltsam vor, dass es keine einzige Ratingagentur gibt, die aus Europa kommt“, sagt José-Manuel Barroso

Ja, seltsam! Alle aus Amerika? Also wirklich, dass kommt einem schon seltsam vor, Herr Barroso. Auch das GEZ Universum meldet sich zu Wort:

(ARD.de) Die Macht der drei großen amerikanischen Rating-Agenturen ist vielen Europäern ein Dorn im Auge – und das nicht erst seit gestern.

Drei große amerikanische Ratingagenturen. Schrecklich!

Auch ein Ex-Doktor und Mitglied einer scheinliberalen Splitterpartei ließ laut Uni Trier auf einem Treffen der Jungen Europäischen Föderalisten „kein gutes Haar an den (amerikanischen) Ratingagenturen“. Ob es darum ging, dass die Agenturen, die Urteile voneinander abgeschrieben haben, ohne dies korrekt kenntlich zu machen?

Die britische-amerikanische-böse Ratingagentur Fitch gehört übrigens mehrheitlich dem Fimalac Konzern. Ein französisches Unternehmen.

Fimalac, a holding company set up and led by Marc Ladreit de Lacharrière, currently operates in three business areas:

  • Fitch Group, which is 60%-owned by Fimalac alongside the Hearst Group, is a major financial services player with a strong presence in the ratings market (Fitch Ratings) and the enterprise risk management solutions market (Algorithmics).
  • With operations in over fifty countries, in fiscal 2009 Fitch Group reported revenue of €559.1 million with an average of 3,007 employees.
  • Fimalac is present in the real estate sector, mainly through North Colonnade Ltd, owner of an office building in the prestigious Canary Wharf district of London that is in the process of being fitted out. Part of the building will be let to Fitch Group, which has been transfered its London headquarters there at the end of 2010, and the remaining floors will be let to outside tenants. Once completed, this asset will generate recurring revenues for Fimalac over a long period.
  • Fimalac is developing diversified investments, mainly through its Fimalac Développement subsidiary, acquiring stakes in competitive companies with strong growth potential. Fimalac invests in these companies alongside their managers and plays an active role in helping to run the business with the goal of to driving future growth.

Wirklich seltsam, Herr Barroso!



 

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6 Kommentare auf "Europäische Ratingagentur? Fitch!"

  1. samy sagt:

    Hallo Don Ponzi,

    lassen wir die Blätter der Massenmedien doch schreiben was sie wollen. Die treffen doch nicht einmal einen Kuharsch mit einem Kontrabass, und stünden sie noch davor.
    Viele, ich auch, kritisieren das Treiben der drei „angelsächsischen“ Ratingagenturen. Das nicht etwa weil sie die PIIGS schlecht bewerten, sondern auf wundersame Weise das UK und die USA nicht!
    Minnesota ist(!)zahlungsunfähig und hält noch sein AA+, dass ist doch alles lächerlich und bizarr.
    Sind wir uns da wenigstens einig?
    Das Fitch eine englische Unternehmenskultur hat war mir klar, dass sie mehrheitlich in französischer Hand sind nicht. Danke für den Hinweis. Das erklärt aber eben auch, warum gerade Fitch in Sachen Italien zu einer weit optimistischeren Bewertung der Bonität kommt und die USA härter angreift. Hier wurde mit einem „D“ gedroht, falls am 2.August keine Einigung steht. Die anderen scheinen mit einem AA+ zu wedeln, soweit mir bekannt.
    Das Frankreich zur gegebener Zeit in den Kampf um die „Ratinghoheit“ eingreift um den Euro zu schützen, diese Meinung habe ich bereits in einem anderen Blog vertreten, das passt also vollkommen in mein Bild.
    Und überhaupt, solange sich die großen drei weigern für ihre Ratings in Haftung genommen zu werden und sich auf das Recht der freien Meinungsäußerung als Wirtschaftsjournalisten berufen, solange stimmt das ganze Konzept hinten und vorne nicht. Alle Rechte-keine Pflichten? Und das nach dem Lehman Desaster, zu dem die großen drei beigetragen haben? Meine Meinung ist die folgende: „Zur Hölle mit diesen 3 Vögeln“.
    Das es auch übrigens anders geht, das beweisen, Dagong oder Weiss.

    VG

  2. jean sagt:

    Man soll aufhören über die Herkunft der Ratingagenturen zu schielen. Mal ehrlich wie sollte eine „unabhängige“ girechische Ratingagentur Griechenland bewerten? Triple A vielleicht ? Wäre damit Griechenland nicht mehr pleite ?

    Es ist klar, daß alle drei Dreck am Stecken haben, daß man von denen nicht viel halten soll. Aber die Diskussion über ihre Herkunft ist nicht zielführend. Das zeigt die Verzweiflung und die Unsicherheit unserer inkompetenten Kanzlerin und Politikern. In solchen Situation ist es immer einfach das Opfer zu spielen.

  3. nachdenkseiten sagt:

    Die zentrale, bisher nicht gestellte Frage aber lautet vielmehr:

    WEM GEHÖREN DIE RATINGAGENTUREN?

    [Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=10067%5D

    1) S&P
    Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründete »Agentur für Finanzinformationen« wurde 1966 vom größten US-Verlag für Wirtschaftsmedien, McGraw Hill, aufgekauft und in das Netzwerk der größten institutionellen Spekulanten der Welt und der Wall Street (Blackrock, Capital World Investors, Fidelity, Vanguard, State Street, Morgan Stanley) integriert. S&P eignete sich weitere Funktionen im Finanzsystem und zusätzliche Geschäftsbereiche an.

    S&P arbeitet eng mit den Regierungen zusammen, bei Bedarf aber auch gegen sie. So war McGraw Hill-Chef Harold McGraw Berater von Präsident George W. Bush. Als die Regierung von Präsident Barack Obama 2010 die Spekulation mit Rohstoffen einschränken wollte, half S&P umgehend den Investoren, die neuen Terminmarkt-Regeln zu umgehen. Sie besagen, daß mit Rohstoffen, die in den USA gefördert werden, nicht mehr spekuliert werden darf. Im neuen World Commodity Index sind deshalb keine US-amerikanischen Rohstoffe mehr enthalten, sondern das Nordseeöl Brent und Schwermetalle sowie Zucker, Kakao und Kaffee, die an Londoner Börsen gehandelt werden. »Die Anleger wollen sich in Rohstoffen engagieren«, hieß es bei S&P.

    2) Moody’s
    Die Eigentümer sind teilweise dieselben wie bei S&P: Capital World Investors, Fidelity, Vanguard Group, State Street und die Investmentbank Morgan Stanley. Haupteigentüer ist der Spekulant und Multimilliardär Warren Buffet. [Jener Buffet also der vor den Derivaten als financial Weapons of Massdestruction gewarnt hatte rofl mit Schenkelklopfer]

    3) Fitch
    Sie gehört dem US-verbundenen Teil des französischen Großkapitals, der zugleich eng mit der politischen und Verwaltungselite Frankreichs verbunden ist. Fimalac hält die Mehrheit an der Fitch Group, eine Minderheit gehört dem US-Unterhaltungskonzern Hearst.Neben dem Großaktionär Hearst spielen in Fimalac Wall-Street-Akteure eine untergeordnete Rolle, entscheidend sind französische Investmentbanken (Rothschild, Lazard Frères) und franz. Konzerne (Renault/Nissan, Casino, Fremapi, EDF, Veolia), die aber auch längst internationalen Investoren gehören.

    Die Ratingagenturen sind nicht unabhängig, sondern Teil von Konzernen und Finanznetzwerken. Sie betätigen sich als Lobby für strukturierte Finanzierungen und sind Teil des auf privaten Gewinn fixierten Finanzsystems. Vic Tillmann, damaliger S&P-Vizepräsident, stellte 2004 stolz und zutreffend fest: »Wir haben eine unschätzbare Rolle für das Wachstum der Finanzmärkte gespielt.«

    Die Eigentümer der Agenturen und die im Aufsichtsrat vertretenen Unternehmen gehören zu denen, die selbst Wertpapiere emittieren und von den Noten der Agenturen abhängen. Intransparenz und Geheimhaltung gehören mit der extensiven Nutzung von Finanzoasen und nichtssagenden Geschäftsberichten zur grundlegenden Praxis: Die Agenturen haben ihren juristischen Sitz in Delaware, Virgin Islands u. ä. – genauso wie die strukturierten Finanzprodukte, die bewertet werden. Die ebenfalls von der US-Börsenaufsicht lizensierten Wirtschaftsprüfer KPMG und Price Waterhouse Coopers geben den Agenturen die Bilanztestate.

    Schöne Woche die NDS-Leser

  4. […] Rott & Meyer: Europäische Ratingagentur? Fitch! […]

  5. samy sagt:

    Hi,

    bewerten die noch oder beraten die schon? Unparteiische Beobachter oder parteiische Wall-Street-Mafia?
    http://www.cnbc.com/id/43790768
    Hieraus:“ Ratings agency Moody’s on Monday suggested the United States should eliminate its statutory limit on government debt to reduce uncertainty among bond holders….“
    Das ist die Aufforderung, dass Debt Ceilling abzuschaffen. Also die amerikanische Schuldenbremse, die es immerhin seit 1917(?) gibt.

    VG

  6. King Balance sagt:

    Politikerleitspruch: „Nicht das Erreichte zählt – sondern das Erzählte reicht.“

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