Europäisches Schleudertrauma

27. Mai 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Den Tränen nahe durften die Bewohner des Hauses Europa unlängst wieder die Ausdünstungen der europäischen Fernsehproduzenten genießen. Auf dem Treppchen des vollkommen unpolitischen Sangeswettbewerbs landeten die Ukraine, Australien und Russland. Die Favoriten Nigeria, Tschad und Argentinien waren vermutlich aus Zeitgründen nicht angereist…

Die Sorglosigkeit mit der man in Deutschland dem Zerfall des nie vollendeten Europäischen Einheitsstaates zuschaut hat etwas rührendes. Wie einige Ökonomen alle Jahre wieder vor der Trümmern ihrer modellierten Annahmen stehen so wähnt sich auch mancher Euro-Freund offenbar auf dem richtigen Wege und erklärt schlichtweg jeden Krater auf der Fahrbahn als Anomalie oder Geburtswehe.

Der Knabe Europa hat jedoch den Geburtskanal schon lange hinter sich gelassen und die Erscheinungen des Auseinanderdriftens sind nicht lediglich die Auswüchse der Streitereien Pubertierender, die ihren Weg noch nicht gefunden haben. Die aktuelle Krise ist die mögliche Vorstufe eines raschen politischen Zerfalls. Die Argumente, der Euro und die rasch durchgepeitschte Zwangsverschmelzung verschiedener Systeme in der Hoffnung, diese würden sich im Nachgang schon irgendwie angleichen, ist gescheitert.

Im Grunde laufen die Entwicklungen in den verschiedenen Ländern wie sie auch vor der Einführung des Euro vonstatten gingen. Nur das Korsett sorgt für zusätzlichen und stetig steigenden Druck, der kein Ventil findet. Das alte Regulativ, das nicht immer entspannt aber doch recht ordentlich funktioniert hat, wurde abgeschafft.

Ohne freie Wechselkurse müssen die Anpassungen eben innen erfolgen. Das ist machbar und möglicherweise sinnvoller, aber an der Bevölkerung vorbei ist so etwas dauerhaft nicht zu machen. Im Boom, sei es ein Immobilienrausch oder eine kreditfinanzierte landesweite Konsumattacke, sieht es nett aus. In der ersten Rezession fliegt der ganze Salat dann auseinander.

Die folgende Grafik zeigt die Währungskurse von DM und Spanischer Peseta zum USD vor dem Eurobeitritt.

ESPUSD 

Schreibt man diese Entwicklung fort zeigt sich ein interessantes Bild. Was wäre gewesen, wenn die Devisenkurse sich noch einmal zehn Jahre entwickelt hätten, wie vor der Einheitswährung. Das ist natürliche eine vage Annahme, aber wer sich die Turbulenzen und Abwertungen in den Südländern in Ruhe anschaut, der weiß, es ist nicht einmal ein pessimistisches Szenario.

Die Renditen der Staatsanleihen näherten im großen Konvergenztrade einander an. Mit Beginn der Krise explodierte der Spread aber und hat sich bis heute nicht geschlossen. Die massive Einengung der Risikoprämien sollte nicht über die anhaltenden fundamentalen Probleme hinwegtäuschen.

espYield

Nun haben die Währungen das festgezurrte Korsett zu spüren bekommen und konnten sich nicht rühren. Der Druck versuchte über den Anleihemarkt zu entweichen, was jedoch nur bis zu dem Zeitpunkt gelang, als Draghi den Finanz-Hummeln das Fliegen beibrachte und „whatever it takes“ auch so manchem Wurstbänker mal wieder Job und Bonus sicherte. Der Status freilich war verloren, aber das ging den Nachbarn ja ähnlich.

Derzeit hält die EZB die Kabelbinder noch fest umschlossen und ist allzeit bereit, jedes wacklige Fragment schnellstmöglich wieder festzubekommen. Das gelingt nur noch mit mäßigem Erfolg, wie auch der einfach nicht kleinzukriegende Renditeabstand zwischen deutschen und italienischen oder spanischen Staatspapieren zeigt.

Da aber in den südlichen Ländern alle bereits „so viel getan haben“ wird es schon gut gehen. Zumindest glauben das einige Gazetten immer noch, wobei sich die Skepsis langsam Bahn bricht. Allein, wen die Nachbarn so alles wählen und was dann doch immer wieder an Problemen ans Licht kommt, sorgt für erste Ermüdungsbrüche im Gerippe der verordneten Solidar-Subventionierung.

Das Bankenrettungsvehikel in Italien, Atalante – der Atlas, wirkt auch bereits wenige Wochen nach seiner Erschaffung müde und ausgelaugt. Finanziell trifft gerade letzteres auf jeden Fall zu, hat man doch einen großen Teil des Eigenkapitals bereits im Rahmen der Emission von Aktien der völlig unbedeutenden Bank XY Banka aufgebracht.

Nun, ein paar Milliarden werden sich schon noch zusammenkratzen, die Brüder und Schwestern im Haus Europa helfen da sicher gerne mit, denn niemand, vom Schlosser in Herne bis zum Rentierhirten in Lappland würde doch seine schnöde Familie oder gar seine Heimat vor die Subventionierung einer insolventen italienischen Regionalbank stellen. Oder etwa doch?

So, jetzt aber schnell zum Afrikan Song Contest nach Grönland. Vermutlich gewinnt der Beitrag aus Uruguay. Feiern Sie mit!

 

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2 Kommentare auf "Europäisches Schleudertrauma"

  1. Insasse sagt:

    „Derzeit hält die EZB die Kabelbinder noch fest umschlossen und ist allzeit bereit, jedes wacklige Fragment schnellstmöglich wieder festzubekommen. Das gelingt nur noch mit mäßigem Erfolg…“

    In Anbetracht des Umstandes, dass die Währungswächter langsam aber sicher an ihre Grenzen kommen, vergeht ihnen allerdings so allmählich die Lust am Dauerretten dessen, was nicht zu retten ist: http://www.welt.de/finanzen/article155693645/Jetzt-kapitulieren-Europas-maechtige-Waehrungswaechter.html

    Gestern überkam mich übrigens ein grausliges Déjà-vu. Finanzminister Schäuble äußerte: „In Kontinentaleuropa kenne ich niemanden, der die Absicht hat, Bargeld abzuschaffen.“. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wolfgang-schaeuble-niemand-will-bargeld-abschaffen-a-1094360.html

    Oh oh, gab es da nicht mal jemanden in der (ost-) deutschen Geschichte, der sich in ähnlicher Form über den Bau einer Mauer zwischen den beiden deutschen Nachkriegsstaaten geäußert hat? Und was passierte anschließend?…

    Immerhin hat Herr Schäuble seine Aussage auf Kontinentaleuropa eingeschränkt. Geht man nun als gelernter Verschwörungstheoretiker davon aus, dass die Musik, die in Europa spielt, in dem Land überm großen Teich komponiert wird, kann man sein Statement auch anders verstehen.

    Schönes Wochenende schon mal vom Insassen

  2. Skyjumper sagt:

    Wieder mal ein Beitrag vom Bankhaus Rott dem man höchstens „vorwerfen“ kann in welch abgeklärter Ruhe Dinge beschrieben werden bei denen einem eigentlich die Galle platzen müsste weil die Innereien ansonsten bereits nichts mehr hergeben was man noch ausko…..en könnte.

    @Insasse
    Es ist natürlich eine (noch) nicht beweisbare Spekulation, aber ich glaube nicht daran dass die Währungshüter glauben an ihren Grenzen angekommen zu sein. Vielmehr bin ich der Meinung dass da der nächsten großen Schweinerei verbal das Feld bereitet werden soll. Das europäisches Finanzministerium nebst zugehörigen Finanz“minister“ läßt grüssen.

    Der erschreckende Schäuble-Spruch erinnert mich übrigens eher an eine andere (west)deutsche Geschichte. Nämlich „die Renten sind sicher“. Das Bargeld wird bleiben, nur (anlag der „Höhe“ der Renten ) ist es fraglich was man damit noch anstellen darf.

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