Europäische Republikflucht

21. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Schon kurz nach dem ersten Schock finden sich viele europäische Politiker und Medien nach dem Referendum der Briten auf den alten Gleisen wieder. Ohne darüber nachzudenken, warum nicht nur die Briten die Nase voll vom Brüsseler Apparat haben, beginnt man auf dem Kontinent die Insel wie einen Republikflüchtling zu behandeln.

Mit einem gerüttelt Maß an Häme wurde von einigen Medien der Kursrutsch des britischen Pfundes kommentiert. Dieser sei ein klares Votum des Marktes, der Austritt der Briten aus der EU sei daher ein Fehler. Nun, wie man gerade in der Eurozone mit seiner zusammengeflickten Kunstwährung so arrogant verhalten kann, bleibt ein Rätsel. Abgesehen davon kommen derartige Aussagen in einer Zeit, in der die abstrusen Hoffnungen vieler Wirtschaftsplaner auf negativen Zinsen und einer möglichst stetigen Abwertung der eigenen Währung beruhen. Man könnte auf die Idee kommen, der eine oder andere weiß entweder nicht mehr, was er gestern gesagt hat oder es ist ihm egal. Auffällige Medienpräsenz ist mit einer aggressiven Vergesslichkeit hoch korreliert. Möglicherweise ist man auch neidisch auf die schwächere Währung des Nachbarn oder einfach nur auf eine eigene Währung überhaupt.

Das kann man natürlich unmöglich zugeben, so bleibt nur die nicht sonderlich sympathische Hoffnung, den Briten werde es schon übel ergehen. Demokratische Entscheidungen müssen doch zur Katastrophe führen, sonst setzen sich derart üble Dinge wie Volksbefragungen noch in der Breite durch. Bemerkenswerterweise halten viele Bürger Referenden schon jetzt für gefährlich, weil der Bürger ja viel zu blöd sei, Dinge zu entscheiden. Sich selbst meint man damit natürlich nicht, denn die Befragten sind immer schlauer als der Durchschnitt. Wie beim Einparken und Geld anlegen.

Nun muss der Rest der EU erst einmal damit klarkommen, dass sich gerade eines von zwei Ländern mit einem zumindest einsatzfähigen Militär auf die Abreise vorbereitet. Auch der Anteil der Briten an der gesamten Wirtschaftsleistung der EU ist nicht von Pappe. Es ist immer wieder befremdlich, wenn die Wirtschaft der Insel von Bürokraten und hörigen Bürgern kleingeredet wird während man gigantische Lobreden auf die Wirtschaft der Staaten des Baltikums schwingt. Es ist alles eine Frage der Perspektive heißt es. Es ist alles eine Frage der Fakten, sagen wir.

Die Briten stehen für die zweitgrößte Volkswirtschaft innerhalb der EU, der Dritte ist Frankreich. Der Anteil Großbritanniens am BIP der EU ist in etwa so groß wie die Anteile Spaniens und Italiens zusammen. Gut 17% des gesamten BIP der EU entfallen auf die Insel.

Die folgende Grafik  zeigt welches Gewicht die britische Wirtschaftsleistung auf die Waage bringt. Das BIP der Insel entspricht der Summe der BIPs der abgebildeten Länder.

Lost

So sieht das aus, wenn man einen Großen verliert. Wenn man sich an die symbolschweren Beitrittsfeiern manches EU-Mitglieds erinnert muss man schmunzeln, welche Bedeutung man diesen Beitritten und welche diesem Austritt beimisst.

Auch der Anteil der Industrieproduktion an der Wirtschaftsleistung liegt zwar deutlich unter dem Wert Deutschlands aber höher als in Frankreich. Das Sprüchlein „die haben ja nur Banken“ kann man sich getrost sparen und gerade in an Finanzfirmen nicht armen Frankreich sollte man sich diesbezüglich eher zurückhalten.

Nun werden die Briten sich kaum ins Schneckenhaus zurückziehen sondern dürften dem EU-Sozialismus den Rücken kehren. Ein nicht überraschender Schritt ist die geplante Rückführung der Bankenregulierung, da wo es sinnvoll und möglich ist. Und allen Unkenrufen zum Trotz gibt es reichlich völlig unsinnige Regulierung im Bankensektor die nicht den Kunden, den Bürgern allegemein sondern lediglich den Compliance Beauftragten und Controlling Abteilungen der Banken und den zahlreichenden gut bezahlten Pöstchen bei den Behörden dienen. Wer diesen Blödsinn eingrenzen kann hat einen massiven Wettbewerbsvorteil.

Das Thema Steuern ist der nächste Punkt, der zügig angegangen werden sollte. Die Unternehmenssteuern werden in UK sinken, die Steuern auf Einkommen sollten folgen. Die panikartigen Vorwürfe aus Frankreich, das sei genau der falsche Zeitpunkt für Steuersenkungen, sollte man als Bestätigung einstufen, auf dem richtigen Weg zu sein. Wenn man eines nicht beachten sollte, dann sind es Tips zur Wirtschafts- und Finanzpolitik aus Frankreich. 

Das Gejammer seitens der Politik angesichts sinkender Steuern sollte den Bürgern eine gute Idee davon vermitteln, was die meisten Parteien  wirklich wollen. Mehr Steuern bedeutet ja nicht mehr Geld insgesamt. Mehr Steuern bedeutet mehr Kontrolle und eine Ausweitung der Macht der Transferleistung. Es ist sinnlos, die Steuern immer stärker anzuheben und gleichzeitig zig Milliarden Zentralbankmittel ins Bankensystem zu pumpen um „die Konjunktur anzukurbeln“.

Man darf gespannt sein, wie hart der Austritt die britische Wirtschaft trifft. Schon vor dem Referendum war die Inselwirtschaft wie manch andere auf dem Weg in die Rezession. Mit dem Votum für den Austritt hat das nichts zu tun, auch wenn es wohl einigen als Begründung dienen muss.

Man sollte aufhören die beleidigte Leberwurst zu spielen, mit den Briten kooperieren und sich um die Probleme daheim kümmern. Sonst gibt es bald den nächsten X-xit.

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