Europa zwischen Hammer und Amboss. Italien in der Zwickmühle

19. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Hannes Zipfel Nach den Wahlen in Italien rücken die Risiken der schwelenden Eurokrise wieder in den Vordergrund. Wie geht es nun weiter im Stiefelstaat und welchen ökonomischen und politischen Einfluss der Italienwahl erwarten wir auf den Fortgang der gesamten Eurokrise?

Parallel zu der Entwicklung in Europa steigt der DAX auf 8.000 Punkte, trotz Zuspitzung der Krise. Die Schere zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft scheint immer weiter auseinander zu klaffen – wir wagen einen Erklärungsversuch…

Thomas Hellener, Leiter Portfoliomanagement der VSP AG, erläutert im Anschluss unsere aktuelle Anlagestrategie und zeigt Ihnen unsere Portfolioallokation.

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Der Blick in das Euroland verheißt noch immer nur wenig Ermunterndes. Das BIP im Euroraum ist – entgegen anderslautender Prognosen im vergangenen Jahr – im 4. Quartal 2012 mit zunehmender Dynamik gesunken. ‚Euroland‘ ist fest im Griff der Rezession. Frankreich ist trotz seines den Euroraum stützenden Binnenkonsums als nächster Problemkandidat schon präsent; die Niederlande mit ihrer starken Abhängigkeit vom Gütertransport als nächster Problemkandidat bereits deutlich wahrnehmbar. Konjunkturelle Verbesserungen für die Eurozone sind in den harten Kennzahlen nicht zu erkennen, ebenso wenig konjunkturelle Stimuli. Weder der Export noch die Binnennachfrage im Euroraum, die derzeit noch stark von Frankreich getragen wird, bringen eine Lösung für die derzeitige Krise. Einzig die weichen Stimmungsindikatoren sind im Euroraum – wie auch Anfang 2012 – positiv.

Seit Draghis impliziter Staatsgarantie der EZB im vergangenen Jahr kann die Eurokrise als Finanzmarkt- und Bankenphänomen quasi als beendet gelten. Was jetzt zum Tragen kommt, ist vielmehr eine ausgewachsene realwirtschaftliche Krise der Eurostaaten, die auf einer strukturell begründeten unterschiedlichen Wettbewerbsfähigkeit der jeweiligen nationalen Volkswirtschaften beruht. Damit kommen Aspekte zum Tragen, die bei Begründung des Gemeinschaftsprojektes Euro nicht ausreichend berücksichtigt wurden – und noch immer nicht werden.

Auch ‚bella Italia‘ macht derzeit keine ‚bella figura‘, um im Bild zu bleiben. Der Ausgang der jüngsten Parlamentswahlen in Italien hat die Eurokraten in Brüssel überrascht – das entstandene Patt zwischen dem Mitte-Links-Bündnis mit Pier Luigi Bersani, den Grillini – den Anhängern der Partei um den Ex-Komiker Beppo Grillo – und dem Mitte-Rechts-Bündnis unter dem ‚Cavaliere‘ Berlusconi – schafft weder Perspektiven für eine längerfristig bestehende italienische Regierung , noch dürfte diese – wenn sie als schwache Minderheitenregierung unter Bersani überhaupt zustande kommt –, die derzeitigen Probleme der italienischen Volkswirtschaft dauerhaft lösen können. Und dennoch – die gewählten Kandidaten wie geschehen als Politclowns zu diffamieren, greift zu kurz. Vielmehr ist das Ergebnis ein deutliches Signal für den massiven Vertrauensverlust, den die bisher herrschende politische Klasse Italiens beim Wähler erfahren hat.

Italiens Volkswirtschaft – nach Deutschland und Frankreich die drittgrößte in der Eurozone – ist als Industriestandort aufgrund wichtiger Schlüsselindustrien und des breiten Mittellstands bedeutsamer als die unseres gallischen Nachbarn. Die Abkopplung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Mittelmeeranrainerstaates gegenüber Deutschland hat sich weiter verschärft, die Wettbewerbsfähigkeit seiner Volkswirtschaft als Folge sattsam bekannter fundamentaler, struktureller ökonomischer und politischer Schwächen stark abgenommen. Der vergangenes Jahr schon von einigen prognostizierte Silberstreif am Horizont ist für Italien nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil: Die italienische Volkswirtschaft erreicht im Gegensatz zu Deutschland, das die Krise weitestgehend überstanden hat, fast wieder die Tiefstände von 2009; die wichtige Autoindustrie ist sogar auf das Produktionsniveau von 1958 zurückgefallen – unter Verlust von hunderttausenden Arbeitsplätzen.

Die Schere zwischen den Volkswirtschaften Italiens, aber auch anderer Südländer und Deutschland, die sich infolge mangelnder Wettbewerbsfähigkeit weiter öffnet, hat das Potenzial, die Währungsunion zu sprengen. Die Arbeitslosigkeit in den Südländern steht auf Höchstständen, die Kapazitätsauslastung der Industrie dagegen dort auf Tiefständen. Soziale Spannungen sind unausweichlich und bergen in den einzelnen Staaten ausreichenden sozialen Sprengstoff, der teilweise schon gezündet hat.

Verschärfend wirkt sich auf Italien, aber auch andere (Süd-)Länder der Eurozone die Währungsstärke des Euro aus. Italien kann, wie Analysen zeigen, einen Wechselkurs von 1,19 EUR/USD verkraften, würde aber wohl zur Erzielung einer besseren Wettbewerbsfähigkeit einen noch günstigeres Wechselkursverhältnis benötigen. Musterschüler Deutschland am anderen Ende der Skala würde noch mit einem Wechselkurs von 1,53 EUR/USD gut zurechtkommen. Der Anteil Europas am globalen Handel hat im Übrigen seit der Einführung des Euro als Buchgeld im Jahr 1999 einen Rückgang von 31,3 auf 24,3 Prozent erfahren – und damit um rund 22 Prozent!

Dies sich vor Augen haltend, führen nur zwei Wege aus dem Dilemma – die ‚Lirasierung‘ des Euro oder aber ein Alleingang Deutschlands mit massiver Aufwertung seiner nationalen Währung, wie er medienwirksam jüngst in der deutschen Politik von Einzelnen nachdrücklich eingefordert wurde. Deutschland kann durchaus mit einer autonomen Geldpolitik leben, wie kleinere Volkswirtschaften in Europa erfolgreich zeigen. Doch politisch gewollt ist das bislang nicht. Auch dürfte Mario Draghi, dessen Position als Präsident der EZB von der Mitgliedschaft Italiens in der Eurozone abhängt, gewiss ein Ausscheren Italiens aus dem Währungsverbund verhindern wollen.

Japan hat mit den sogenannten Abenomics – einer Mischung aus Gelddrucken und Konjunkturprogrammen – einen Wegweiser für die Überlebensstrategie gegeben. Wie weit Deutschland diesen Weg mitgehen wird, den die Südländer bereits vehement fordern, bleibt abzuwarten.

„Der jetzige Kurs in der Krisenpolitik, der von fiskalischer Austerität dominiert wird, ist ökonomischer und politischer Selbstmord“, so das Fazit Zipfels nach eingehender Analyse volkswirtschaftlicher Parameter. Er sieht als Ausweg aus dem Dilemma nicht den nationalen Alleingang Deutschlands und damit den Ausstieg aus dem Euro als Gemeinschaftswährung der EU 17-Staaten, der politisch nicht gewollt ist. Es verbleibt einzig, so Zipfels Credo, der durch strukturelle Reformen begleitete Weg, durch vermehrte Ausgabe von Giralgeld und dadurch geschaffene Stimuli eine Belebung der jeweiligen nationalen Volkswirtschaften zu erzielen, z. B. analog der KfW-Programme. Damit aber würde die EZB den Weg beschreiten, den u. a. die US-amerikanische Federal Bank of Reserve (Fed) und aggressiv seit kurzem die National Bank of Japan gehen – letztere mit bereits schon deutlich sichtbar erfolgter Abwertung des Yen gegenüber US-Dollar und Euro. Damit aber geht der Euro den Weg der ‚Lirasierung‘, wie ihn die italienische und türkische Lira ‚erfolgreich‘ beschritten haben.

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