Euro-Fall(e) – Der „faire“ Goldpreis. Eine Schätzung.

9. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Nach dem Brexit befindet sich der Euro in einer prekären Lage. Anleger sollten ein „Euro-Klumpenrisiko“ meiden. Der „Brexit“ hat die Europäische Union (EU) in ihren Grundfesten erschüttert. Vor allem aber hat er das Fundament, auf dem der Euro ruht, schwer beschädigt…

Das wird unmissverständlich deutlich, wenn man sich die Überlegungen vor Augen führt, mit denen seinerzeit versucht wurde, die Einführung des Euro zu rechtfertigen.

Die „Krönungstheorie“ besagte, dass der Euro erst dann eingeführt werden sollte, wenn die wirtschaftliche Situation in allen Teilnehmerländern es erlaube, wenn also schon eine hinreichende „Konvergenz“ erzielt worden ist. Die Alternative dazu war die „Grundsteintheorie“: Nach ihr sollte die Einführung einer Einheitswährung die wirtschaftliche Integration der Teilnehmerländer befördern beziehungsweise herbeizwingen.

Beide Theorien sind nicht aufgegangen. Statt zusammenzuwachsen, haben sich die Euro-Länder zusehends auseinanderentwickelt. Die Ratio für eine Einheitswährung hat nicht zugenommen, sondern abgenommen. Viele Euro-Länder haben schlichtweg nicht die Disziplin, ihre Finanz- und Wirtschaftspolitik dem Diktat einer stabilen Einheitswährung unterzuordnen. Zudem wurden sie durch die lockere Geldpolitik auch in die Falle getrieben.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat mit ihrer Niedrigzinspolitik vor allem in den südlichen Ländern einen Kreditboom angezettelt, der nun in sich zusammengebrochen ist und eine Überschuldungsituation hinterlassen hat. Um Banken und Staaten vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren, um das EuroProjekt vor dem Zusammenbruch zu bewahren, hat die EZB die Zinsen auf beziehungsweise unter die Nulllinie gedrückt.

Das ist die Finanzierung strauchelnder Schuldner durch die elektronische Notenpresse: Die EZB kauft Anleihen und bezahlt die Käufe mit neu geschaffenen Euros. Das fördert schon jetzt Missgunst zwischen den Nationen.

Problemfall Banken

Eine Aufspaltung beziehungsweise Auflösung der EU ist wahrscheinlich geworden. Das wiederum bringt vor allem die Euro-Banken in neue Bedrängnis. Denn ihre Aktiv- und Passivgeschäfte sind grenzüberschreitend. Das muss Investoren mit wachsender Sorge erfüllen. Sie müssen sich fragen: Was bedeutet es für den Wert der Banken, für Bankeinlagen und Bankschulden, wenn der Euroraum auseinanderbricht?

Wird der Euro-Bankensektor zahlungsunfähig, wäre wohl das Ende des Euro unweigerlich eingeläutet. Um das zu verhindern, springt die EZB bereits ein. Sie stellen den Geldhäusern jede benötigte Kredit- und Geldmenge bereit. Seit Juni 2016 verleiht sie sogar neu geschaffenes Basisgeld zu einem Zins von minus 0,4 Prozent p.a., wenn Banken damit Kredite an Unternehmen und Konsumenten geben (das sind die „TLTRO II“).Da ein negativer Kreditzins das Eigenkapital der Banken aufpolstert, könnte die EZB den Kreditzins für Banken vielleicht noch weiter in den Negativbereich treiben. Die Euro-Zinsen werden dadurch noch weiter nach unten gezogen.

Die EZB sorgt für eine gewaltige Monetisierung. Sie kauft schon jetzt Anleihen in Höhe von 80 Milliarden Euro pro Monat; allein dadurch steigt die Euro-Basisgeldmenge im Bankensektor bis März 2017 auf über 1,7 Billionen Euro. Wenn die EZB dazu übergeht, auch Anleihen, die die Euro-Banken ausgegeben haben, zu refinanzieren, könnte die Euro-Basisgeldmenge – im Zeitablauf, nach und nach – um zusätzliche 3,8 Billionen Euro anschwellen.

Inflationsgeist aus der Flasche

Es ist nur schwer vorstellbar, dass Zahlungsausfälle durch das Drucken von neuen Euro dauerhaft abgewehrt werden können, ohne früher oder später das Vertrauen in die Währung zu schmälern. Sobald sich auf den Finanzmärkten die Einsicht durchsetzt, dass die EZB dem Ziel „Euro-Rettung“ gegenüber dem Ziel, die Kaufkraft des Euro zu bewahren, den Vorzug gibt, ist der Inflationsgeist aus der Flasche.

Die Folgen wären weltweit zu spüren. Denn der Euro ist – wie alle wichtigen Währungen der Welt auch – nichts anderes als ungedecktes Papiergeld: jederzeit und in jeder beliebigen Menge vermehrbar. Verfällt die Kaufkraft des Euro nach innen wie nach außen, werden auch die anderen großen Währungen früher oder später ebenfalls in Bedrängnis geraten. Die EZB könnte also mit ihrer „Euro-Rettung“ – in Form von Null- und Negativzins- und Geldmengenvermehrungspolitik – nur allzu leicht das gesamte Weltfinanzsystem in Bedrängnis bringen.

Konsequenzen für Anleger

Um das „Euro-Klumpenrisiko“ zu verringern, sollten Anleger prüfen, ob sie nicht auf andere Währungen beispielsweise auf US-Dollar und Schweizer Franken ausweichen können. In diesem Zusammenhang bietet es sich natürlich an, auch Gold (und auch Silber) als Teil der liquiden Mittel – zumindest als Ersatz für Termin- und Sparguthaben – in das Portfolio aufzunehmen.
Edelmetalle unterliegen zwar Preisschwankungen, sie tragen jedoch kein Zahlungsausfallrisiko und können – anders als das ungedeckte Geld – durch zügellose Geldmengenvermehrung nicht entwertet werden.

Der Anleger sollte sich auch mit dem Investieren in „gute Unternehmen“ beschäftigen. Gute Unternehmen können die reale Kaufkraft des investierten Kapitals mehren. Sie zu einem Preis zu kaufen, der deutlich niedriger ist als ihr intrinsischer Wert, mindert zudem das Investitionsrisiko. Man sollte nicht tatenlos dem Euro-Fall zusehen, sondern sich so rasch wie möglich aus ihm zu befreien suchen.

Der „faire“ Goldpreis. Eine Schätzung.

Unsere „Langfristschätzung“ (mit der gebotenen Vorsicht interpretiert) zeigt, dass der Goldpreis nach wie vor als „günstig“ einzuordnen ist.

Jeder, der im Goldmarkt seine Erfahrungen gesammelt hat, wird wissen, dass das Erstellen einer korrekten, einer mehr oder weniger verlässlichen Goldpreisprognose eine schwierige, ja nicht selten eine nicht zu bewältigende Aufgabe darstellt. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Eine Möglichkeit, den „fairen“ Goldpreis zu erkunden, besteht darin, eine „Langfristschätzung“ vorzunehmen. Dazu wird der Goldpreis durch Faktoren (wie zum Beispiel den Zins und die Geldmenge) erklärt. Wenn diesem Schätzwert die tatsächliche Goldpreisentwicklung gegenübergestellt wird, lassen sich Hinweise auf die „Angemessenheit“ des Goldpreises finden.

Unsere Schätzung deutet derzeit auf einen langfristig angemessenen Goldpreis von etwa 1.420 USD/oz hin. Aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet ist der aktuelle Preis von etwa 1.340 USD/oz als „billig“ einzustufen. Allerdings – und das ist an dieser Stelle zu betonen – sollte eine solche Schätzung mit Vorsicht interpretiert werden.

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Es handelt sich um einen Versuch, dem „fairen“ Goldpreis auf die Spur zu gelangen. Die Faktoren, die in der Vergangenheit den Goldpreis erklären konnten, müssen künftig nicht in der gleichen Weise Erklärungskraft aufweisen. Zudem könnten zusätzliche Faktoren hinzukommen, die die bisherige Aussagekraft der Langfristschätzung verändern.

Vor allem ist an dieser Stelle zu berücksichtigen, dass die Probleme des weltweiten ungedeckten Papiergeldsystems, die mittlerweile immer offener zutage treten, in ihrer Wirkung auf den „fairen“ Goldpreis unzureichend erfasst sein dürften. Die obige Schätzung des „fairen“ Goldpreises ist, so gesehen, eine durchaus sehr vorsichtige.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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